Zu der gleichen Zeit, als Thomas Mann mit mahnend erhobenem Zeigefinger der Welt versicherte, daß er Zeichen der Besserung beim deutschen Volk entdecken könne, denn es habe bereits 10 000 Exemplare seines Romans „Lotte in Weimar“ gekauft – eben zu dieser Zeit fand in Dachau eine Gedächtnisfeier statt für die Unglücklichen, die dort im Konzentrationslager zu Tode gemartert worden sind. Daß die deutsche Öffentlichkeit sich mehr mit der Rede des vielgelesenen Schriftstellers beschäftigte, als mit der Kundgebung von Männern und Frauen, die ihr Leben eingesetzt haben, um gegen Hitler zu kämpfen, können wir leider nicht als ein Zeichen der Besserung registrieren. Mit Recht beklagen sich die ehemaligen Widerstandskämpfer darüber, daß ihnen jene Achtung nicht erwiesen wird, auf die sie Anspruch haben, denn sie waren es, die in den trostlosen Zeiten des Naziregimes den deutschen Ehrenschild saubergehalten haben. „Es ist endlich einmal Zeit“, so schrieb kürzlich der ehemalige Reichskanzler Dr. Brüning an Pfarrer Kohler in Westhausen, „daß das deutsche Volk lernt, die Märtyrer einer guten Sache zu ehren.“

Geistliche aller Glaubensrichtungen predigten auf der Kundgebung in Dachau. Nur wenige, hieß es dort, seien gekommen, um die Verzeihung der Toten zu erbitten. Schon erhebe der Antisemitismus wieder das Haupt, jeder aber, der einen Juden um seiner Rasse willen beschimpfe, beschimpfe alle, die mit ihm zusammen Häftlinge gewesen seien. Die ehemaligen Verfolgten sollten das Verbindende in den Parteien suchen, und ihr Programm sollte der Humanismus der Tat sein, sagte Franz Heitgres. Und Jeanette Wolf stellte fest, daß der deutsche Kämpfer in den Konzentrationslagern die „Kollektivschuld“ Lügen strafe.

Im Anschluß an die Tagung fand die Eröffnung eines Parlaments der Widerstandskämpfer Europas statt. Es wurde betont, daß die Aktivisten unter den Hitlergegnern eine wichtige Mission hätten: Bei allen Völkern der Entwicklung zum Chauvinismus entgegen zu treten und für einen dauerhaften Frieden zu kämpfen. Die deutschen Widerstandskämpfer insbesondere seien verpflichtet, alles zu unternehmen, um innerhalb Deutschlands eine Atmosphäre zu schaffen, die den Nachbarvölkern Sicherheit und Ruhe gewährleistet. Noch in diesem Jahre wird in Frankreich eine weitere Tagung aller ehemaligen Insassen deutscher Konzentrationslager stattfinden.

Einigkeit im Innern, Friede und Völkerversöhnung nach außen, das sind die Ziele, die diese tapferen und kompromißlosen Kämpfer heute verkünden. Haben wir alle nicht Ursache, uns ihnen anzuschließen, ihnen zu helfen in diesem neuen Kampf? Aus Leid und unerträglichem Zwang ist die Brüderlichkeit unter den Häftlingen geboren, und in den Jahren der Freiheit hat sie ihre Probe bestanden. Wie diese Häftlinge es uns lehren, so sollten auch wir durch das Leid zu Einigkeit und zur Achtung vor unseren Brüdern erzogen werden. „Wir haben das Reich verloren“, sagte Ernst Wiechert bei seiner Ansprache in Dachau, „den Krieg, Haus und Hof, Kleid, Brot und Wein. Wir mögen es alles hingeben, denn alles war von Erde und wird wieder zu Erde werden. Aber dieses wollen wir nicht verlieren: dieses Schmerzensgesicht eines ganzen Geschlechtes, in das Mann und Frau und Kind aus allen Völkern eingegangen sind, das Kreuz, das noch einmal errichtet wurde über einer ungeheuren Schädelstätte, den Vorhang, der noch einmal zerriß über der verdunkelten Erde.“

Es ist in Deutschland leider noch viel zu wenig bekannt, mit welchem Mut und welch reiner Uneigennützigkeit viele Hunderttausende ihr Leben geopfert haben im Kampf gegen die Herrscher des Dritten Reiches. Nur wenige sind sichtbar in das Licht der Öffentlichkeit getreten, wie die Münchener Studenten und die Kämpfer des 20. Juli. Es wäre gut, wenn bald alles erreichbare Material über alle deutschen Widerstandskämpfer gesammelt und veröffentlicht würde. Nicht nur die Toten, auch wir Lebenden haben ein Anrecht darauf, daß die Taten dieser tapferen Männer und Frauen im Gedächtnis unseres Volkes lebendig bleiben. –l.