Der Rücktritt des Koalitionskabinetts de (Jasper! und die schwierigen Bemühungen des alten liberalen Staatsmannes Nitti um die Bildung einer neuen Regierung bieten das Bild einer inneren Krise, deren früheres oder spätetes jedenfalls aber mit Sicherheit zu erwartendes Eintreten seit langem von den Beobachtern inner- und außerhalb Italiens vorausgesagt worden ist Diese Voraussage stützte sich vor allem auf die große innere Gegensätzlichkeit die der von den Christlichen Demokraten, den Sozialisten und den Kommunisten eingegangenen Regierungskoalition anhaftete. War angesichts dieser inneren Gegensätze die Koalition selbst überhaupt nur durch immer neue Kompromisse aller Partner aufrechtzuerhalten, so war unschwer vorauszusehen daß die zunehmenden, insbesondere wirtschaftspolitischen Schwierigkeiten der Regierung die Kompromißbereitschaft der Parteien erschöpfen und den akuten Ausbruch der Krise eines Tages herbeiführen würden. Dieser Augenblick trat jetzt ein, als der linke Flügel der Sozialisten unter Nenni die Finanz- und Wirtschaftspolitik de Gasperis heftig angriff und dem Ministerpräsidenten vorwarf, daß er die Gesundung des Landes verhindere. Wenige Monate vorher war die Spaltung der Sozialistischen Partei erfolgt, als sich 40 Abgeordnete unter Saragat weigerten, die von Nenni mit 70 Abgeordneten vertretene Zusammenarbeit mit den Kommunisten gutzuheißen. Dieser Vorgang konnte bereits als Symptom dafür selten, daß sich in Italien eine ähnliche Entscheidung vorbereitete. wie sie in Frankreich vor einigen Wochen für das Kabinett Ramacher notwendig wurde: die Entscheidung nämlich, ob man mit oder ohne, ja notfalls gegen die Kommunisten zu regieren haben werde.

Auf diesem Hintergründe kommt der Tatsache, daß es gerade die finanzpolitischen Probleme waren, die de Gasperi zu Fall brachten, nur technische Bedeutung zu. Die eigentliche Schwierigkeit für de Gasperi lag weniger in der Kritik an sich, der seine Maßnahmen ausgesetzt waren, als vielmehr in der Aufgabe, gerade in Anbetracht dieser Kritik und der krisenbedingten Unpopularität seines finanzpolitischen Kurses eine Verbreiterung der Regierungsbasis zu finden. Diese Erweiterung der Regierung durfte nicht auf Kosten ihrer inneren Soliditat gehen; der ohnehin schon in der alten Koalition enthalten gewesene Sprengstoff durfte nicht noch vermehrt werden. Praktisch bedeutete dies die Quadratur des Zirkels, denn sowohl die Sozialisten um Nenni wie auch die Kommunisten lehnten von vornherein nicht nur jede Einbeziehung von Rechtsparteien ab, sondern diese Einbeziehung würde bei einem Verbleiben der linken in der Koalition auch unzweifelhaft die innere Haltbarkeit des Kabinetts verringert haben. Die Lösung dieser inneren Schwierigkeiten wird noch erschwert durch äußere Rücksichten. Ein „Ruck nach links“ im kommunistischen Sinne könnte sich als äußerst störend für die gerade gegenwärtig wieder stark in den Vordergrund getretenen italienischen Wünsche nach amerikanischen Krediten erweisen, und die Befürchtungen, die gerade vor einigen Tagen Sumner Welles hinsichtlich einer Linksentwicklung Italiens geäußert hat. zeigen, wie empfindlich man in den USA auf diesem Gebiet reagiert

Mit der Betrauung Nittis wechselte nur der Arzt, nicht aber die Krankheit. Allerdings hat Nitti von vornherein auf den Versuch errichtet, die Rechte bei der Regierungsbildung heranzuziehen. Unter diesen Umständen wurden seine Bemühungen quittiert von einer liebenswürdigen Erklärung Togliattis der versicherte, die Kommunisten würden eine Teilnahme auch anderer Parteien an der Regierung nur begrüßen Nachdem jedoch der rechte Flügel der Sozialisten um Saragat bereits seine Absage ausgesprochen hat. gab auch Nitti seinen Auftrag wieder zurück. Mit der erneuten Betrauung de Gasperis ist nun die Lage wieder an ihren Ausgangspunkt zurückgekehrt. Auf jeden Fall rückt die ohnehin seit langem umstrittene Rolle Togliattis in den Brennpunkt des politischen Interesses. Schon in der Vergangenheit oft undurchsichtig, ist der Kurs dieses Mannes für die Zukunft noch schwerer berechenbar Bei aller Eigenwilligkeit, die er als Politiker besitzt, ist der Grad seiner Abhängigkeit von Moskauer Weisungen vielleicht kaum weniger groß als dies bei anderen Führerm der Kommunistischen Internationale der Fall ist Doch ist dies schwer zu beweisen, und die Behauptungen von Sumner Welles, daß Togliatti von Moskau finanziert werde, hat er durch die Aufforderung beantwortet, dies müsse ihm dokumentarisch nachgewiesen werden, was faktisch natürlich unmöglich ist.

Das Verhalten dieses an Fähigkeiten wahrscheinlich auch Thorez weit überlegenen kommunistischen Parteiführers war jedenfalls in Italien oft widerspruchsvoll genug, um auch verschiedene Auslegungen zu ermöglichen. Qualitäten staatsmännischen Mäßigung fehlen nicht in seinem Bild. Nach der Befreiung Italiens von Mussolini tolerierte Togliatti zunächst die Monarchie Umbertos. Als Justizminister unterzeichnete er Jene politische Amnestie, zu der das in Länder zerschlagene Deutschland noch heute sich nicht aufzuschwingen vermocht hat In nichts schien er den Fanatismus eines wahllosen Bilderstürmers mit Hammer und Sichel zu zeigen. All dies hinderte ihn jedoch nicht, auf manchen Gebieten dem amtlichen Kurs der Regierung entgegenzuarbeiten, der er selbst angehörte. Andemfalls hätte er sicherlich mit Leichtigkeit in Anbetracht der Parteidisziplin, die auch die kommunistische Partei Italiens mit ihrem östlich-autoritären Vorbild gemeinsam hat. seinen als Unterstaatssekretär für die Landwirtschaft tätigen Parteigenossen Spano veranlassen können, sich weniger mit jener gewaltsamen Landaneignung durch revolutionäre Banden zu identifizieren, die einen offenen Kampf gegen die Ordnungsbemühungen des Kabinetts darstellten. Auch die finanzpolitische Kontroverse über Lohn- und Preispolitik, die sich zwischen dem kommunistischen Finanzminister Scoccimarro und dem Schatzminister Corbino ergeben hat und im September vorigen Jahres schon einmal zu einer Krise für de Gasperi führte, hat Togliatti offensichtlich nicht vermeiden wollen. Die im vorigen Sommer ausgesprochene Drohung, die Partisanen wieder zu bewaffnen, zeigt ebenso wie seine geringe Neigung, etwas dämpfend auf die Streikfreudigkeit der italienischen Arbeiter zu wirken, daß die rein kommunistischen Parteiinteressen oft genug im Verhalten Togliattis den Ausschlag geben. Damit aber bleibt die Frage seiner Einstellung zu den künftigen Regierungsmaßnahmen ebenso offen wie die des Schicksals und Zusammenhaltes einer Regierungskoalition, an der die Kommunisten teilnehmen.

H. A. v. Dz.