In sah – war’s Traum, war’s Wirklichkeit? – ein sonderbares. Bild, in blauer Mondesnacht: Baugefüge, Bildwerk, Wasserbecken und Gebüsch. Unzusammengehöriges, aber es stimmte zusammen, es klang in einer fernen, fremden kühlen Harmonie.

Da wölbt sich ein hoher Bogen, auf Säulenbündeln, die sich straff und stolz als Träger recken, und läßt droben einen Gang wie zu den hängenden Gärten der Semiramis und doch ins Ungewisse laufen. Das klare Bogenrund der Wölbung, mächtig zu nennen, umspannt wie eine schirmende Nische, wie ein. bergender Rahmen das Kleinod, eine fast nur geahnte Figur in edlem Metallgrau, schmal und schlank, steil gesockelt, eine antikisch langgewandete Frauengestalt mit Helm und Schild und Lanze, unnahbare Pallas Athene, geistgeborenkeusches Schutz-Palladium und jungfräuliches Sinn- und Inbild weiblicher Abwehr niederen Übels. So steht sie da, die Göttin, statuenhehr, verehrungswürdig. Stiegen führen von dorther abwärts in gärtnerisches Bereich, wo, dem Kultort entrückt, das laute Leben sein darf, Kinderlachen: zwei feiste drollige Putten, die sich umschlingen, als ob sie von barocken Terrassenbalustraden heruntergepurzelt einander mit kleinem Lärmen eben aufgerafft, nun aber wieder, still und leise sich verhalten, schemengleich verwandelt, fast vergehn in Scheu vor dem eigenen Lebensanspruch. Denn vor ihnen, nächst dem Betrachter und daher gar nicht zu übersehen, ragt ein Jünglingsbild empor, das gebietet Schweigen abermals. Nicht streng, gar nicht drohend, eher lässig, leichthin, lieblich sogar, ja in lieblicher Nacktheit, gelöst in sitzender Haltung, eine Hand am Hirtenstabe. Er schaut dich an. unbewegt und marmorkühl, sitzet und sinnt, gewiß nichts Tiefes, aber hinüber sinnt er vielleicht in sagenhafte Fernen, ein Kind des Goldenen Zeitalters, und erinnert dich daran, wie Hirten einst waren, bei den harmlosen, glücklichen Völkern, oder doch, wie wir träumen, daß sie gewesen sein könnten. Ein rauhes Felsstück dient als Schemel mit kleinen Höhlen darin. Wasserlöchern, denn der Gesteinsblock, mondbeglänzt mit den hellen Knaben, steigt aus dunkler Flut empor, dessen Beckenrand im Wechselspiel mit der schimmernden Spiegelung ein magisches, KurvenBand vorn ins Blickfeld legt und wie mit gläsernem Klingen jeden Zugang wehrt, jede allzu trauliche Nähe bannt. Dahinter grünt noch viel Buschwerk, aus welchem Treppen frei zur Höhe schwingen, hinan zu einem hochgestockten Säulenbau von unwahrscheinlichem Gehabe. Ein Bühnenbild das Ganze? Große Oper? Ein Piranesi oder ein Chirico? Erkennt man nicht im Hintergrund den runden Säulenbau. das Belvedere aus dem Park von Sanssouci, und schräg davor, schwer zu finden, den munter zechenden Bacchusbuben; der schelmisch auf dem Weinfaß reitet als wie ein kleines Wappentier in seinem rebengrünen Lustgehege, vor dem Tempel einer geistreichen Tafelrunde? Erinnert man sich, bei seinem Anblick nicht an den schönen Hirtenjungen unter den schattenden Fichten und Buchen, seltene Überraschung dem „Waller im Park“? Und wem fällt da. nicht auch das herrliche Kulissengebäude der Neuen Orangerie dortselbst ein, die romantische Herbstfrucht einer königlichen Antikensehnsucht und Südliebe?

Ich sah noch andere Bilder, diesem ähnlich, ebenfalls Erinnerungen an Potsdam. Offensichtlich war das Bemühen um gute Malerei, um Klarheit im Aufbau, um geziemenden Einklang von Form und Farbe: Zudem schien aber auch ein seltsam schwebendes Gleichgewicht von bestimmter. Aussage und vager Andeutung vorhanden zu sein.

Manche glauben, es sei immer unterhaltend, Kunst zu betrachten und dabei kleine Einblicke in ihre Bedingungen zu tun. Aber alles erfährt man doch nicht, und man kann auch meist nur sehr bruchstückhaft aussagen. „Wir nennen noch ein weiteres Opus: Pferd und Mensch. Ein kräftig modellierter, großzügig gemalter Pferdekopf auf starkem Hals, und nur schattenhaft dahinter angedeutet ein Mensch. Der Gaul mit Glubschaugen und geblähten Nüstern wirkt übertrieben in seiner hölzernen Roßhaftigkeit. wie Von einem Karussell, und die menschliche Gestalt meint man nur verwehend wie im Vorüberdrehen zu erkennen. Das Antlitz ist wohl das einer Frau, geneigt und mit geschlossenen Augen wie im Schlafe oder im Unbewußten. Es muß ein Traum sein, der Traum von der Hingabe an ein Ungewöhnliches. Außerkörperliches, an eine Naturmacht, die sich so protzigherrisch da verkörpert hat. Das ist überzeugend einfach im Aufbau und ist auch mit verblüffend wenigen Mitteln dargestellt, fast grau in grau, mit viel Weiß und sparsam verwandten farbigen Akzenten. mittels überlegen geführten Pinselstrich.

Mit Überraschung vernimmt der Chronist, die Malerin hat wirklich auf dem Karussellpferd gesessen, und es war gar kein Traum. Also wieder die Frage wie zu Anfang: war’s Traum, war’s Wirklichkeit? Jedenfalls ein sonderbares Bild, scheinbar Unzusammengereimtes, aber es stimmt zusammen, es paßt in empfindungsvoller Bezüglichkeit das eine zum anderen; es klingt in einer starken, ergreifen-, den Melodie. Eugen Prinz