In Baden-Baden wurde von einer französischen Schauspielertruppe und in französischer Sprache Öbeys neues Stück „Revenu de l’Etoile“ uraufgeführt. Das erste Stück eines berühmten Autors, das nicht in Frankreich, sondern in Deutschland das Licht der Bühnenrampen erblickte! „Vom Jenseits zürück verkündeten deutsche Plakate. Aber l’Etoile, das ist nicht irgendein Stern, sondern der „Sternplatz“ in Paris, in dessen Mitte der Triumphbogen mit dem Grabmal des Unbekannten Soldaten steht.

Es ist durchaus nicht neu, Stücke damit beginnen zu lassen, daß auf der Bühne noch Arbeiter herumlaufen; hämmern, klopfen, sich über Nichtigkeiten unterhalten, bis schließlich der Regisseur kommt und dafür sorgt, daß der Zuschauerraum endlich dunkel gemacht wird. Der Hauptdarsteller ist nicht da – so heißt es – das Stück muß ausfallen oder man wird schnell ein bißchen improvisieren. Wie gesagt: dies ist nicht neu. Es ist auch nicht neu, eine Handlung rückwärts laufen zu lassen. Es bleibt dabei nach wie vor der dramatischen Begabung des Autors überlassen, den Einfällen des Regisseurs und der Intensität der Schauspieler, trotzdem zu dem Ziel zu gelangen, daß jedes Schauspiel erreichen soll: das Publikum in einem bestimmten Sinne zu erschüttern. In diesem Falle gelang es weniger dem Autor als vielmehr dem ausgezeichneten Regisseur, Herrn Julien, der die Hauptrolle spielte, und seinen Darstellern.

Die Geschichte ist einfach: Der Regisseur führt eine schlichte, alte Frau herein, die nach der brieflichen Beschreibung seines Freundes die Mutter des Unbekannten Soldaten sein soll. Es stellt sich aber zum Erstaunen des Regisseurs heraus daß die Alte nicht nur einen, sondern zwei Söhne hatte, die beide vor Verdun als vermißt gemeldet wurden. Auch von einer gestorbenen Tochter und ihrem Gatten erzählt sie – alles unprogrammäßige Eröffnungen. Der Regisseur, der einem guten Freunde dieser Familie ähnlich sehen soll, wie die Alte versichert, wird nun durch die Kraft, der Suggestion die Vergangenheit aufleben lassen, um alles zu erfahren, was mit „dem Unbekannten“ zusammenhängt. Zuerst die Szene, in der die Mutter von Freund George die Nachricht erhält, daß nun auch ihr zweiter-Sohn vermißt sei. In der improvisiert aufgebauten Wohnung verfällt die Alte völlig der Einbildung, Wirklichkeit zu erleben; sie spielt, der Verwandlung kaum bewußt, sich selbst in ihrer ergreifend einfachen Art – wie sie nach Augenblicken großer Verzweiflung gefaßt und still ihrer Alltagspflicht nachkommt. Nun aber läßt der Regisseur, erfreut über den Erfolg seiner Taktik, den letztvermißten Sohn wiederkehren. Er zaubert die unbändige Freude der Mutter herbei, die ihren letzten Sohn noch einmal für kurze Urlaubstage bei sich haben darf. Er läßt dazu die Schwester auftreten, ein junges Mädchen. Es wirft ihm nach freudiger Begrüßung vor daß ihr durch ihn alle Freude genommen sei. Wenn sie lachen wolle, verbiete es ihr die Mutter, weil „die da draußen nichts zu lachen haben“, kein Tanz, kein Spiel – ja nicht einmal an der Sommerwärme dürfe sie sich freuen, denn „die da draußen frieren“. Entsetzt versichert der Bruder, daß man draußen lache und zeitweilig fröhlich sei und blickt verständnislos auf die Mutter; die nichts zu sagen weiß, angesichts der Anklagen der Tochter. Verzweifelt läuft die Schwester aus dem Haus. Die Mutter hält weder die Tochter zurück, noch vermag sie den Sohn zurückzuhalten, der voller Ekel über die verständnislose Heimat davonläuft – zurück an die Front, in den Tod, So drehen sich die Bilder nach der anderen Seite ab: die Zeit läuft rückwärts. Das Flugzeug ist vom Himmel verschwunden, das erste Auto bleibt krachend und pustend am Wegesratd stehen. die Schwester ist noch nicht geboren, die Buben sind klein. Der eine bringt eine schlechte Note aus der Schule heim: In der Heimatkundestunde hat er nur Commercy als Kreishauptstadt nennen können, aber Verdun nicht gewußt ... Urd weiter dreh’t der Regisseur die Zeit zurück: Marie, die Mutter, steht kurz vor ihrer Niederkunft. Se will ihren ersten Sohn ohne Hebamme zur Welt bringen. Aber sie sieht die Zukunft dieses Sohnes nicht glücklich, sie fürchtet für ihn. Schließlich führt ihr Mann Jérôme, sie hinaus. Übrig bleibt der Regisseur. „Ja, so ist das Leben .. man müßte. und er verbirgt seine Ergriffenheit in einem derben Wort an einen Bühnenarbeiter. Licht aus – gute Nacht!

Man sieht: alles ist nur skizzenhaft angedeutet und wird im Augenblick-der beginnenden Auswiikung weggewischt durch das plötzliche Dazwischentreten des Regisseurs oder der Bühnenarbeiter. Immer wieder wird man aus der Stimmung herausgerißen. Und so wird der peinliche Eindruck erweckt, daß mit den Gefühlen der Mutter – und mit ihr identifiziert sich das Publikum – gespielt wird, lieblos gespielt wird. Wenn das erste Experiment geglückt ist, wird die inzwischen eingeschlafene Alt: schnell aufgeweckt. Warum? Sie soll mit den Arbeitern und dem Regisseur eine Tasse Kaffee trinken – damit das Publikum Zeit hat, sich zehn Minuten zu unterhalten. Ein gar zu billiger Aktschluß. Es mangelt dem ganzen Stück an Liebe vornehmlich an Liebe dieser Alten gegenüber, die doch die Mutter aller unbekannten Soldaten ist. Das Stück ist ein Experiment, das man nicht allzuoft wieder holt sehen möchte. Es ist Kunst um der Kunst willen, es wirkt zu wenig unmittelbar. Dabei ist der Pazifismus dieses Stückes still und wenig auffällig, beim Spiel. Es ist der Pazifismus aller Mütter die ihre Söhne nicht dem Moloch Krieg opferr wollen – aber ... es ist nur ein passiver Pazifismus. Es ist sicher die Aufgabe, die unsere Zeit an die Autoren stellt ein aktiv-pazifistisches Stück zu schreiben: diesem Werke möchte man dann so viel Vornehmheit wünschen wie sie Obey in seinem Stück beweist.

Der Erfolg war groß, aber nicht durchschlagend. Wie weit deutsches Publikum sich für dieses Schauspiel erwärmen kann, müßte eine Aufführung in deutscher Sprache zeigen. Eine deutsche Übersetzung ist in der ausgezeichneten neuen Zeitschrift für Theater, Musik und Film „Die Quelle“ im Post-Verlag, Urach, erschienen. T. M. Jaquemar