Erzählung von Maxence von der Meersch

Uud der Streik dauerte an. Ich sah von neuem, wie meine Mutter ihren Anteil an der Mahlzeit zurückwies mit dem Bemerken, sie habe keinen Hunger. Und bald konnte sie diese List nicht mehr anwenden: es war. nichts Eßbares mehr da. Wieder fing meine Mutter zu weinen. an, und ich quälte mich ab. Am Ende der Woche würde die Miete fällig sein. In dieser Frage war Baussard unerbittlich. „Nach dem Streik, wenn du. wieder arbeiten wirst, ziehen wir aus, diesmal bestimmt!“, versicherte meine Mutter. Ach ja. man würde sich nicht weiter in dieser Weise bestehlen lassen...

Aber in der Zwischenzeit mußte etwas gefunden werden, um das Essen und Baussard zu bezahlen.

Ich wollte nicht mehr stehlen gehen. Der dicke Polizist hatte es mir wohl erklärt; ich riskiere zuviel dabei, es war blöde. Aber ich hatte die Unvorsichtigkeit begangen, bei uns getreulich die Worte des Polizisten zu berichten. Er hatte gesagt; „Man stiehlt nicht, man bittet die Leute ...“ Das hatte meine Schwester Suzanne erschreckend gut behalten. Sie erzählte: „Der Polizist hat Denise recht gut erklärt, sie braucht nur zu den Reichen zu gehen, da wird man ihr zu essen geben.“ Das brachte mich in Wut. „Nie im Leben!“, schrie ich. „Geh selber, wenn du willst! Aus mir werdet ihr keine Bettlerin machen!“ Aber meine Mutter geriet am Ende selbst in Zorn: „Was soll man tun, wenn du nicht gehen willst!’, sagte sie. „Du willst doch schließlich nicht, daß wir alle vier hier umkommen? Betrachte Didi! Er ist nur noch Haut und Knochen? Es ist sehr schön, die Hochnäsige zu spielen, aber besser wäre es vielleicht, ein wenig mehr Herz zu haben.“ „Ich wage es nicht, betteln zu gehen,“ erwiderte ich. – „Das beweist, daß du ein großer Feigling bist.“ triumphierte meine Schwester. „Du liebst deine Mutter nicht.“ – Man stritt mehrmals darüber in den folgenden Tagen. Ich blieb hart. Aber man hatte immer mehr Hunger. Vor allem meine Mutter und ich, die wir, ohne es uns zu sagen, in einem stillschweigenden Übereinkommen zugunsten der Kleinen verzichteten.

Seitdem habe ich „Hunger“ von Knut Hamsun gelesen. Ich habe darin nicht wiedererkannt, was ich selbst durchgemacht habe. Bei ihm waren es drei, vier fürchterliche Tage völligen Fastens. Danach war es für einen Monat vorüber. Bei uns war es ganz anders, mehr chronisch. Niemals genug essen, immer ein Loch im Magen haben dabei gibt es keine intellektuellen Überlegungen, keine Träume, kein Irrereden, keine fieberhafte geistige Überaktivität. Viel eher den Hunger eines Tieres, das ununterbrochene, konstante, dauernde Bedürfnis, essen zu gehen. Das begann am Morgen, wenn ich erwachte. Ich knabberte eine Scheibe Brot, die einzige des Tages, mit einer unendlichen Langsamkeit, damit sie länger dauere. Dann schleppte ich mich im Zimmer herum und versuchte, nicht an das Büfett zu denken. Nichts zu machen! Es zog mich an, es besaß mich. Man hätte geglaubt, daß es den ganzen Platz in der Küche einnehme, dieses Büfett. Ich sah nichts außer ihm. Ich ging hin, ich öffnete die beiden Türen, mechanisch, ich warf einen Blick in die Fächer. Von vornherein wußte ich, daß nichts darin war, nichts mehr seit Wochen. Aber es hätte sein können, daß ich vielleicht doch noch etwas ausfindig gemacht hätte; in irgendeiner Ecke. Ich schloß das Büfett wieder. Ich begab mich wieder an meine Hausarbeit. Doch bereits fünf Minuten später fand ich mich vor diesem Wunschträume erregenden Schrank wieder, ohne selbst daran zu denken, und untersuchte mit unbewußtem Blick von neuem ein Fach nach dem anderen.

Es war noch Kaffee da. Ich trank eine Tasse davon, zwei Tassen. Ich leerte die Kanne. Ich ging zum Kräften. Ich trank Wasser, drei, vier große Gläser. Ich ging, Sylvie Baussard im Café zu besuchen. Ich stahl Zucker aus der Zuckerdose; die auf dem Aufbau des Ladentisches stand. Ich ging wieder hinauf, mir ein Glas Zuckerwasser zuzubereiten. Und von neuem umschlich ich dieses verzweifelnd leere Büfett.

Es war noch Brot in der oberen rechten Schublade. Ich nahm es, betrachtete es, das Wasser lief mir im Munde zusammen. Ich maß den Teil 1. den ich davon morgen früh haben würde. Ich kratzte einige Krümel davon ab. Zu wissen, daß es bis morgen warten hieß, mit dieser Leere im Magen, mit dieser irren, sinnlosen und süchtigen Lust, mich auf diesen Brotrest zu stürzen, ihn hinabzuwürgen, ihn zu verschlingen! Bis morgen so leben müssen! Ich legte schnell das Brot an seinen Platz zurück. In fühlte, daß ich nachgeben; würde, wenn ich es so in meinen Händen behielt. Einmal habe ich nicht widerstehen können. Ich habe das Messer genommen und eine dünne, dünne Scheibe abgeschnitten, und ich habe sie gegessen. Ich hatte kein Recht dazu, es ging auf Kosten der anderen. Als sie nach Hause kamen, sagte ich ihnen nichts. Und am nächsten Tag nahm ich meinen Teil an wie sie. Ein Diebstahl, den ich da begangen hatte an meiner Mutter. Suzanne und Didi. Eine schmutzige Erinnerung in meinem Innern.