Von Hans-Achim v. Dewitz

Das Gesetz, das die Gewährung einer 400 Millionen-Dollar-Anleihe an Griechenland und die Türkei vorsieht, und das mit seiner Unterzeichnung durch Präsident Truman am letzten Donnerstag rechtskräftig wurde, hat zu einer spürbaren Scheidung der Geister in den USA geführt. Nicht weniger als 107 Abgeordnete stimmten im Kongreß gegen das Gesetz, das dem in Europa und Amerika herumreisenden Henry Wallace den Hauptstoff für seinen oppositionellen Propagandafeldzug lieferte. Das amtliche Washington mußte sehr rasch erkennen, daß das anfängliche Übergehen der UNO sich nicht nur als ein sozusagen versehentlich unterlaufener Schönheitsfehler, sondern als ein sehr ernstes psychologisches Handikap auszuwirken begann, dem man durch schleunige Einfügung entsprechender Korrekturen zu begegnen suchte. Jedoch die allgemeine Diskussion, einmal in Gang gekommen, ließ sich nicht sobald beschwichtigen. Die in Moskau mit begreiflichem Beifall verzeichneten Erklärungen von Henry Wallace vor seinen britischen und französischen Hörern fanden später stürmische Zustimmung auch in Massenversammlungen in den USA, die sich als rednerische Triumphe für Wallace erwiesen. Weit beunruhigender als seine Erfolge vor Massenversammlungen war für das Weiße Haus das Ergebnis der Vorwahlen im Staate Washington, die nicht etwa nur ein überraschendes Dominieren der Demokraten, sondern innerhalb dieser einen verblüffend starken Zuwachs eben der Wallace-Anhänger brachten. In einem weniger von allgemeinen Stimmungen abhängigen, ja die Politik schlechthin weniger emotionell betreibenden Lande würde dieses Ergebnis der Vorwahlen kaum den Schock ausgelöst zu haben brauchen, den es, den Korrespondentenberichten zufolge, in Washington hervorrief. Wohl aber in den USA, wo ein derartiges Wahlergebnis sofort die Frage aufwirft, ob es bereits Symptom eines sich anbahnenden größeren Stimmungsumschwunges ist, mit dem die USA und die Welt möglicherweise zu rechnen haben. Nicht nur die sogenannte Truman-Doktrin, ohnehin schon modifiziert, sondern sehr viel mehr würde auf dem Spiele stehen, sollte sich nicht nur ein Anwachsen der Wallace-Richtung, sondern sogar die vom „Manchester Guardian“ angedeutete Möglichkeit anbahnen, daß der seit der Stuttgarter Rede von Byrnes und der Truman-Erklärung endgültig tot geglaubte Isolationismus in den USA erneut sein Haupt erhöbe. Hier liegt schließlich auch die fundamentale Spekulation der sowjetischen Politik, die mit der fortgesetzten Verhinderung jeder Einigung und der Zerschlagung jeder konstruktiven Lösung in Europa die offensichtliche Erwartung verbindet, daß die ständige Verschlechterung der europäischen Verhältnisse und das damit verbundene Anwachsen der Lasten für den amerikanischen Steuerzahler, verbunden mit der Unentwirrbarkeit der politischen Probleme, den Überdruß der Amerikaner an den Dingen, der Alten Welt bis zu jenem Punkte treiben werden, an dem die Strömung der öffentlichen Stimmung umschlägt und in den Entschluß des abermaligen Rückzugs auf den eigenen Kontinent mündet.

Mit dieser Gefahr setzt sich, ohne sie zu nennen, die Rede auseinander, in der Unterstaatssekretär Dean Acheson die Truman-Doktrin nicht nur verteidigt, sondern sogar noch wesentlich erweitert hat. Sein Hauptargument, überzeugend für den common sense des amerikanischen business man und gleichzeitig schlagende Widerlegung der isolationistischen Theorie, gipfelt in der Erkenntnis, daß der seit den Genfer Völkerbundszeiten schon zum politischen Allgemeinbesitz gewordenen These von der Unteilbarkeit des Friedens auch so etwas wie die Unteilbarkeit des Wohlstandes entspricht. In dem Sinne jedenfalls, daß es keinen isolierten Wohlstand gibt und daß es ein Irrtum wäre, ihn unabhängig zu glauben von dem Wohlstand der anderen. Die Versuchung der Isolationisten, sich, wie der „Manchester Guardian“ es ausdrückt, „auf sich selbst zurückziehen und die übrige Welt im eigenen Saft schmoren zu lassen“, entspräche einer Autarkie, die heute selbst für ein Land von dem Reichtum und den Hilfsquellen der Vereinigten Staaten nicht mehr durchführbar ist. Der Lieferant und Käufer Übersee muß also, dies ist die Schlußfolgerung Achesons, nicht nur am Leben erhalten, sondern in seiner vollen Potenz wiederhergestellt werden. Dies ist unmöglich auf dem Wege einer ewigen Passivität seiner Handels- und Zahlungsbilanz.

Die Rechnung, die Acheson den Amerikanern vorlegt, ist einfach und einleuchtend. Wir werden der Welt, so sagt er, in diesem Jahr und wahrscheinlich auch in den folgenden für 16 Milliarden Dollar Waren jährlich liefern, denen bei uns Importe in Höhe von 8 Milliarden Dollar gegenüberstehen. „Wie werden die Ausländer zu den US-Dollars gelangen, die nötig sind, um diese hohe Differenz zu decken?“ Die Schilderung dieses Passivsaldos in Verbindung mit einer drastischen Kennzeichnung der wirtschaftlichen Zerrüttung Europas führt Acheson zu der Frage, was diese Tatsachen für die Politik der Vereinigten Staaten bedeuten müssen. „Sie bedeuten zunächst, daß wir in den Vereinigten Staaten ein so großes Importvolumen wie möglich von drüben abnehmen müssen, um die finanzielle Kluft zwischen dem, was die Welt braucht und dem, was sie dafür zahlen kann, zu verringern. Hierin liegt keine Wohltätigkeit, es ist einfach common sense und good business ... Der einzige gesunde Weg, um das Finanzieren des Defizits zu beenden, besteht darin, vergrößerte Mengen von Gütern von drüben aufzunehmen. Es kann niemals irgendeine Stabilität oder Sicherheit in der Welt für irgendeinen von uns geben, ehe die auswärtigen Länder in der Lage sind, in Konsumgütern und Diensten für das zu zahlen, was sie an Einfuhren brauchen und ihren Ausstattungsbedarf durch normalere Investitionsquellen zu finanzieren.“

Nicht weniger zwingend sind die Schlußfolgerungen, die Acheson über die „zwei großen Werkstätten Europas und Asiens – Deutschland und Japan –, von denen die endgültige Erholung dieser beiden Kontinente so weitgehend abhängt“, aussprach. Auch hier zeigt sich jene Bedingtheit des Wohlstandes, die eine isolationistische Betrachtungsweise der Weltprobleme ausschließt.

Diese Ausschließlichkeit erhöht sich in dem gleichen Grade, in dem zu den rein Wirtschaftlichen Faktoren das politische Moment als die andere Seite ein und desselben Problems hinzutritt. Einfach und gröber ausgedrückt, hat Amerika die Möglichkeit, sich im Frieden zu isolieren, seit dem Tage eingebüßt, an dem es begonnen unter Wilson und fortgesetzt unter Roosevelt, es unternommen hat, europäische Kriege mit dem Gewicht der eigenen Waffen zu entscheiden und eine Welt zu schaffen, in der nach Litwinow „der Friede unteilbar ist“. Die vom American Citizen vielleicht gelegentlich bitter empfundene Folge besteht darin, daß ihn heute nicht allein der Kriegsbeginn zwischen anderen Ländern angeht, sondern bereits jene Bedingungen, die zum Kriege führen können. Und so schließt sich der Kreislauf, und der Amerikaner sieht sich wieder an der Truman-Doktrin angekommen, die diesen Standpunkt für die heute geltenden politischen Erscheinungen dahin definierte, daß „totalitäre Regime, die freien Völkern durch direkte oder indirekte Agression aufgezwungen werden, die Grundlagen des internationalen Friedens und damit der Sicherheit der Vereinigten Staaten unterminieren“.

Aber es war nicht allein die Wallace-Richtung, mit der Acheson in seiner Rede als Gegenströmung zu rechnen hatte. Acheson sprach in einem Augenblick, in dem sich bereits sehr deutlich in beiden Häusern des Kongresses eine sinkende Ausgabefreudigkeit bemerkbar machte. Für den Wunsch, die überseeischen Ausgaben einzuschränken konnte nichts ungelegener kommen, als das Gemälde, das Acheson von der Weltlage entwarf und das in seiner zwingenden Logik darauf hinauslief, den Amerikaner mit noch sehr viel größeren Ausgaben in der Zukunft vertraut zu machen, um der Welt ihr wirtschaftliches Gleichgewicht wiederzugeben. Um so wichtiger war es, daß Acheson in seiner Beweisführung sich von jedem charitativen Gedanken distanzierte und sich ausschließlich auf das eigene wohlverstandene Interesse Amerikas beschränkte, das seine Prosperity nicht ohne den Wiederaufbau der übrigen Welt gesichert glauben kann, Diese Erkenntnis setzt allerdings zuviel Einsicht voraus, um leicht auf eine breite Popularität bei dem so viel zitierten Steuerzahler Anspruch erheben zu können Es ist daher nicht unbedingt vorauszusagen, ob sie durch mögliche Krisen vertieft werden wird, wie es an sich logisch sein müßte, oder gerade umgekehrt durch die Neigung abgelöst werden wird – sich von der internationalen Solidarität loszusagen.