Gerhard Hauptmann und Jean Paul Satire

Von Egon Vielta

Wer im Peloponnes auf dem Berghügel von Mykeye rastet und, wie Backofen, Sinn für die mythische Geschichte entwickelt, der taucht schaudernd in einen wüsten Abgrund: Schatten, triefend von Blut, die Walstatt der Erschlagenen, Mutter- und Gattenmord. Dieses Grauen schleppt sich von Jahrhundert zu Jahrhundert weiter. Und wenn wir, in erleuchteten Momenten unseres Lebens, plötzlich vom Schicksal überwältigt, innehalten, so gewahren wir, daß die attische Tragödie tatsächlich das ganze Unheil des Abendlandes in wenigen mythischen Bildern vorweggenommen hat.

Zu ihnen ist der greise Gerhart Hauptmann zurückgekehrt, als sein Auge, der Wirklichkeit, seltsam entrückt, im Banne des Bildungswissens anhub, die Vergangenheit zu beschworen. Dieselben. Schatten aber haben auch Jean Paul Sartre hypnotisiert, als er im Netzwerk der Besatzungsmacht die verpestete Luft dieser -Atmosphäre in den „Mouches“, den „Fliegen“ dramatisch verlebendigte. Sartre schmeckte die dunstig-schwüle, vom Geschmeiß der Fliegen verschmutzte Atmosphäre von Argos ab, in der der Mörder und Buhle Aegisth sein ekliges Regiment führt. Hauptmann hingegen hatte eine klassizistische Abstraktion gefunden. Wie dies in klassizistischen Spielen üblich, gruppierte er seine Gestalten um einen Tempel: der ist wie mit dem Silberstift ins feingesponnene dramatische Netz hineingezogen. Man kennt seine Herkunft aus goethischem Geiste. Aber aus der lauteren Sprache Goethes ist die schlichte, kaum noch beschwingte Aussage des greisen Hauptmann geworden, der Bericht über einen Kriminalfall der Weltgeschichte, der uns kaum etwas angeht, „Was ist uns Hekuba?“ Und doch! Wie-, der Knoten, geschürzt wird! Wie aus dem Dialog, der Begegnung, der schlichten, bis ins Äußerste vereinfachten Szene das Welttribunal, das Nürn- – berg der Vorgeschichte wird! Es ist der späte Winckelmann, der hier am Marmor arbeitet; doch der Marmor bleibt kühl. Die Lichter, die über dem Auf und Ab der kundig geführten Szenen walten, erstarren. Es ist „lebendes Bild“, Vasenmalerei, nicht Mythos,, sondern Form, nicht das Ungeheuer Zeit, sondern nur eine Meldung über längst Geschehenes: selbst die Sprache scheint nachgeblaßt, der alten Sätze ledig. Die dramatische Engführung ist dabei meisterhaft: Flucht des Orest und des Pylades aus dem Vaterhaus, Rückkehr des umjubelten Agamemnon, Mordtat der Klytämnestra im heiligen Bad, Rechtfertigung des Aegisth und das grause Schuldgefühl. „Was ist geschehn“, klagt die verwirrte Klytämnestra. „Was war’s? Fast weiß ich nichts / Doch freilich ja: ich hatte einen Traum er jagte mich von meinem Bette auf / ich floh vor ihm, doch ließ er mich nicht los / ich hab ihn bis zu Ende nun geträumt.“ Geträumte Schuld? Sind heute nicht Hunderte von Verfahren damit befaßt, Vergangenes nachzuprüfen, Schuld um und um zu worfeln?

Sartre kehrt nach Argos zurück, dessen Gedächtnis mit dieser Bluttat belastet ist: dem Mord an Agamemnon, Er wandelt im Schatten Orests: Da findet er die Bürger verderbt von schlechter Luft, und die Fliegen hocken zu Tausenden in allen Winkeln und hängen wie Trauben vom Fleisch. 1 herunter; dies Argos ist verseucht vom „mauvaise oi“. Kein Gewissen ist rein. Herrschaft – und hier gehts um die Herrschaft des Aegisth – wird nur mit der Tscheka des bösen Gewissens, dem verteckten Schuldgefühl gesichert. Und plötzlich sind wir, in unsere Gegenwart geworfen. Das üngstvergangene, an dem wir alle noch leiden, steht ungeheuer mitten, unter uns. Argos ist Frankreich, und die „Fliegen“ sind in der Tat ein Stück der Résistance. Die Agamemnons, Klytämnestras aund Aegisths – vordem klassische oder klassizistische Gestalten – steigen von ihrem Piedestal herunter. Die Bühne hat sich mit Gegenwart gefüllt: nun kann alles noch unmittelbarer, noch wirklichkeitsgeladener ausgesagt werden. Aber, auch die Antike, die nur als Vorwand, als Maskerade mißbraucht wird, – fängt unerwartet an zu atmen neu. zu leben. Wir spüren, daß in der verklungenen Tragödie etwas erkannt war, was uns heute und morgen beschäftigt: Herrschen heißt ein Heer von Fliegen, von schlechtem Gewissen auf die Beherrschten loslassen und Argiver sind die Bürger, die den Aegisth verdienen! Das ist nicht so kunstvoll aufgebaut wie Hauptmanns klassizistisches Werk. Aber hier ist ein ewiges Problem angeschnitten: alle, Herrschaft ist vom Übel. Der Fall des Aegisth ist gar nicht außergewöhnlich. Und Orest, der wiederum durch einen Mord auf den angestammten Thron gelangt, er wirtschaftet mit denselben Fliegen, die Aegisth ihm hinterlassen hat.

Die Frage, ob die Antike in klassisch geläuterter Form wiederhergestellt werden: solle oder in die Gegenwart hinein-interpretiert werden müsse, beunruhigt heute das Theater. Eckart Peterich. hat in einer klangreinen „Nausikaa“ noch einmal den goethischen Weg beschritten, obschon die „Iphigenie“ Goethes doch auch damals vom Gegenwartspathos getragen war. – Aber Sartre, Anouilh Giraudoux haben unbedenklich Gegenwart und Vergangenheit ineinander gedichtet. Der Amerikaner O’Neill vollends hat die Orestie in unsere bürgerliche Dramatik aufgelöst, (womit sich schon der junge Schiller abgegeben hatte: denn auch das – „bürgerliche Trauerspiel meint die Antike). Grundsätzlich aber wird gelten müssen, daß die Rückkehr zur Antike im Grunde gar nicht möglich ist, weil das religiöse Grundgefühl, von dem die Antike getragen war, heute, in unserer durch und durch säkularisierten. Welt, überhaupt, nicht mehr wiederzuerwecken ist. Daran ist schon der Racinesche Versuch gescheitert. Das einzige, was den Rückfall ins Vergangene rechtfertigen mag, ist die Dämonie unserer Zeit – eine Dämonie die nichts-, destoweniger noch gar nicht ins dramatische Bewußtsein gehoben ist – trotz Wilder und Pirandello. Allerdings auch ein höchst gegenwärtiges Problem oder das Zeitlose kann im historischen Gewand dargestellt werden; so geschah es in Schillers „Braut von Messina“ oder in Shakespeares Königsdramen. Aber wir sind gegen das Historische empfindlicher geworden, seitdem das historische Spiel durch den Historismus des neunzehnten Jahrhundert diskreditiert wurde. Und Hauptmann? Und Sartre? Gerhart Hauptmanns Agamemnon ist weder Historismus noch zeitlos. Es ist ein künstlich fixiertes, antikes Bild, eine klassizistische Gemme, auf der, in bewegter Folge, das ganze Atridendrama in einer Szene, zusammengepreßt ist. Sartres Orest ist eine Recherche, eine polizeiliche Aktion im unverändert bourgeoisen Argos. Da wird gar nicht der Versuch gemacht, so etwas wie den eisernen Vorhang der Zeit herunterzulassen; Die Gegenwart starrt wie; eine Medusa mitten in diese Vergangenheit herein, sie wird vom Spiegel zurückgeworfen und – entschleiert. Sein Aegisth ist kein Aegisth. Er tritt in SS-Stiefeln auf. Sein Orest ist kein Orest. Er siegt mit der Schußwaffe in der Hand: aber die Schußwaffe hat ihn besiegt.

Das aber ist gleichsam die biblische Tragödie des Abendlands.