AlleLänder, die der Krieg heimgesucht hat – Rußland nicht ausgeschlossen – hoffen auf eine Dollarhilfe. Eine ganze Reihe von Ländern haben bereits diese Hilfe in Anspruch genommen. Andere Länder sind im Begriff, es zu tun. Wie groß ist die finanzielle Unterstützung, die die nichtamerikanische Welt von Dollarland erwarten, kann? Henry Wallace, der unter Roosevelt Handelsminister war, schätzt die Wiederaufbau- – kosten der vom Krieg zerstörten Gebiete auf etwa 150 Milliarden Dollar.

Sind die USA reich genug, um diese Riesensummen den Notstandsländern vorzuschießen? Das Urteil berufener Fachleute lautet: Die Vereinigten Staaten sind durchaus in der Lage, 150 Milliarden Dollar im Verlaufe einer Generation der übrigen Welt zur Verfügung zu stellen. Vorausgesetzt, daß der Rückfall in eine Krise vermieden werden kann. Dazu muß man folgendes wissen: Die Vereinigten Staaten haben – praktisch gegen ihren Willen – im Verlaufe des Krieges zum erstenmal, ihren Wirtschaftsmotor richtig laufen lassen. Das Ergebnis ist eine annähernde Verdoppelung ihrer Produktion. Das Volkseinkommen ist gegenwärtig auf 165 Milliarden gestiegen. Das ist mehr als die Amerikaner, jedenfalls bei der gegenwärtigen Einkommensverteilung, im eigenen Lande verbrauchen können.

Kann überhaupt jemals das Volkseinkommen, gemessen an den Bedürfnissen der Bevölkerung, zu groß sein? – Natürlich nicht – Denn das Normale ist doch für uns Menschen, daß unsere Wünsche unersättlich sind. Es mangelt niemals an Kauflust, wohl aber fehlt es an Kaufkraft, also am Geld. Trotzdem rechnet man in den USA mit einem Kapitalüberfluß. Jährlich werden in den Vereinigten Staaten 30 bis 35 Milliarden Dollar gespart. Etwa ein Drittel, also mehr als zehn Milliarden Dollar jährlich, können angeblich nicht im eigenen Lande untergebracht werden. Der paradoxe Kapitalüberfluß in den Vereinigten Staaten erklärt sich so: Entweder verschenkt der Dollarkapitalist seinen Überfluß im eigenen Lande, etwa in Form von Preissenkungen, Lohn- und Gehaltserhöhungen. Das würde aber bedeuten, daß er über seinen eigenen Schatten springt und mit den Methoden der bisherigen Wirtschaft bricht. Oder aber, er sucht nach lohnenden Investitionen im Ausland.

Die Skeptiker der Dollaranleihen meinen, daß Nordamerika, wenn es wirklich keine imperialistischen Absichten im Schilde führen würde, seinen Reichtum nur im eigenen Lande besser zu verteilen brauche. Dieser Einwand ist nur halb richrig. Die Vereinigten Staaten sind als einziges Land unter den Siegermächten an Produktionskraft stärker als jemals zuvor aus dem Kriege herausgekommen, Sie haben also eine Schlüsselstellung. Das Wohl und Wehe der neuen Weltwirtschaft, und damit die Erholung der einzelnen Nationalwirtschaften, hängt entscheidend von dem Fortbestand dieser wirtschaftlichen Kraftentfaltung und der Hilfsbereitschaft für die übrigen Länder ab.

Gewiß, ein labour-regiertes Amerika würde mit dem sagenhaften Dollarüberfluß anders fertigwerden als Truman. Aber gerade ein solches Amerika könnte sich noch weniger der Verantwortung gegenüber den Nötländern entziehen. Die Wirtschaftsgeschichte kennt eine Reihe von Beispielen, aus denen hervorgeht, daß reiche Länder, sobald die Imvestitionen im eigenen Lande eine bestimmte Sättigungsgrenzeerreicht haben sich durch Kapitalexporte Stützpunkte in der gauzen Welt schaffen. Das hat Holland im 18. Jahrhundert und das hat mit weit durchschlagenderem Erfolg England im vergangenen Jahrhundert getan. Aberinzwischen leben wir im 20, Jahrhundert. Wir wissen zwar noch nicht, unter welcher Überschritt es in die Geschichte eingehen wird. aber eines ist doch heraus: Diese Epoche ist dem Kapitalismus über den Kopf gewesen. Dieser Satz gilt – wenn auch mit Einschränkungen? – für das Amerika von heute.

Präsident Roosevelt hat der Welt, als sie noch im Kriege verstrickt war die Freiheit von Nor versprochen. Er hat sein Land zum Arsenal der demokratischen Länder gemacht. Auf 280 bis 300 Milliarden Dollar werden, die unmittelbaren Kriegsauslagen der USA geschätzt. Über 50 Milliarden hat Amerika seinen Partnern zur Verfügung gestellt. Es sind jene Lieferungen, die über das sogenannte Leih- und Pacht-Konto gelaufen sind. Diese Lieferungen können alsein Musterbeispiel einer neu entdeckten Solidarität gelten Als England nicht genügend Barmittel mehr hatte, um die amerikanischen Rüstungslieferungen zu bezahlen, erklärten sich die Nordamerikaner bereit, die Lieferungen ohne Rücksicht auf die pekuniären Schwierigkeiten ihrer Bundesgenossen fortzusetzen, ja, sogar noch zu steigern. Neuerdings ist davon die Rede, daß die Leih- und Pacht-Politik möglicherweise weitergeführt werden, soll. Das wäre zu begrüßen, wenn damit auch die Politik der Solidarität; fortgesetzt würde. In dem Falle wären Leih- und Pacht-Gaben den Dollaranlelhen bei weitem vorzuziehen. Denn die Rückzahlung dieser Anleihen bildet immer noch ein ungeklärtes Problem. Nicht nur deshalb, weil die Schuldnerländer fürs erste nur durch Hungerexporte in der Lage sein würden, ihren Zahlungsverpflichtungen nachzukommen – und das kann nie und nimmer, der Sinn einer ehrlich gemeinten Sanierung sein –, sondern auch das Dollarland selbst könnte vermehrte! Warenimporte als Gegenleistung für die Dollaranleihen gar nicht verdauen. Wenn dagegen die Empfänger der Leih- und Pacht-Lieferungen politische Hypotheken übernehmen müßten, deren Art und Umfang einseitig vom Dollargeber bestimmt würden, wäre das Prinzip der Gegenseitigkeit verletzt. Dann wäre der Rückfall in das 19. Jahrhundert in den Imperialismus alten Stils, vollzogen.

Aber Kredite allein tuns nicht. Nicht minder, wichtig wie eine großzügige Kreditpolitik wäre, eine neue Weitwirtschaftspolitik. Sie ist trotz aller Konferenzen bis heute noch nicht einmal in ihren Umrissen erkennbar. Es genügt jedenfalls nicht, daß der Dollarstrom über seine Liter tritt und die Länder der Not überschwemmt. Das vom Dollar überflutete Wirtschaftsgeld müßte dann. neu bestellt werden, Nicht in der Schrebergartenmanier von vorgestern, sondern endlich „mal planvoll überlegt, im Stile unseres Jahrhundert?“ das alle Chancen hat, um die Armut wie eine ansteckende Krankheit auszurotten, und das nur auf den Augenblick und auf die Männer wartet, die diese Trumpfkarte richtig ausspielen werden.