Pieck und Grotewohl, deren Titel als „Führer der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ aus Lautsprecherwagen weithin durch Bremen erschollen, hatten sich bereit erklärt, bevor sie in einer Kundgebung sprechen sollten, einem Kreis. geladener Gäste Rede und Antwort zu stehen. Dies ging im Café ‚,Excelsior“ vor sich, leise unterstrichen von den Tönen einer Unterhaltungskapelle, die in einem tiefer gelegenen Raum musizierte. Pieck, der früher jahrelang in Bremen gewohnt hätte und Worte herzlichen Bedauerns über den Zustand der zerstörten Stadt fand, verlor einige Male die freundliche, offene Jovialität, die seine Gesprächsführung auszeichnete. Das geschah immer dann, wena er auf die Politik Dr. Schumachers zu reden kein, dem er Unwahrhaftigkeit, Böswilligkeit und reaktionäre Bestrebungen vorwarf, wie überhaupt die reaktionären Kräfte in Westdeutschland weitaus stärker als in der Ostzone seien. Ein zentrales, einiges Deutschland: dies nannte er immer wieder das Ziel der SED-Politik und damit begründete er seine Ablehnung und seine Kritik aller auf die Westzonen beschränkten Versuche, zu „Teil- und Ersatzlösungen“ zu kommen. Mit gutem Grund habe die SED die Einladung an alle Ministerpräsidenten nach München abgeschlagen und dafür den Gegenvorschlag eines Treffens in Berlin gemacht, zugleichmit der Anregung, nicht nur die Ministerpräsidenten, sondern auch die Führer der Parteien und der. Gewerkschaften hinzuzuziehen. Aus dem gleichen Grund lehne er den soeben in den Westzonen gebildeten Wirtschaftsrat ab. „Wir lehnen ab“, so lautete auch Piecks Antwort auf Fragen zu den Vorschlägen, die Hoover zur Gesundung Deutschlands gemacht hatte und schließlich zum Plan eines „Vereinigten Europas“, von dem er meinte, daß Churchill nur eine Front gegen Rußland aufziehen wolle. So lehnte er auch alle Debatten um die neue Ostgrenze ab. Da bereits in Jaltaund in Potsdam sowohl die Übergabe der Ostgebietean die polnische Verwaltung als auch die Aussiedlung der deutschen Bevölkerung beschlossen worden sei, müsse man damit rechnen, daß diese Grenzziehung für alle Zeiten gedacht sei. Pieck sagte wörtlich: „Sonst wäre es ein Verbrechen gewesen; die Deutschen auszuweisen.“ So bedauerlich es sei. daß dieser Teil verlorenginge, so mußten doch gutnachbarliche Beziehungen zu Polce hergestellt werden. „Wir sind dagegen, daß die Grenzfrage zu einer nationalistischen Hetze ausgenutzt wird, die bedauerliche Folgen haben kann. Laßt uns statt dessen den Flüchtlingen unsere Hilfsbereitschaft erweisen.“ Daß die Lage in der Osttone – zumal was die Ernährung anbetrifft –unvergleichlich besser als die der Westzonen sei, käme jeden? so recht zu Bewußtsein, der die abgewehrten Gesichter in Westdeutschland sähe. Für den größeren Fortschritt auch in industrieller Beziehung nannte er die Lederproduktion als Beispiel: 17 Millionen Paar Schuhe werden in der Ostzone jährlich hergestellt, wovon 2 Millionen Paar als Reparationen nach Rußland gehen; 20 Millionen Einwohner habe die Ostzone. Ergo? Piecks Zuhörer leiteten davon ab, daß drüben bald jeder ein Paar neue Schuhe haben werde. Er selbst nannte die Tatsache, daß aus der Industrieproduktion laufend Reparationen abgezweigt werden müssen, durchaus gnkurbelnd für die Wirtschaft.

Dazu sagte Grotewohl, daß die Schließung der Banken und die Sperrung der Konten sich von Anfang an günstig ausgewirkt habe: anderswo sei dieses Geld auf den Schwarzen Markt gekommen; in der Ostzone sei der Schaffensbeginn ehrlicher und daher das Ergebnis besser gewesen. Nach kulturellen Neuerungen befragt, lobte Grotewohl den Volksrichter, der künftig durch zweijährige Kurse an der Leipziger Universität weiterhin ausgebildet werden würde, hob die Tatsache als vorbildlich hervor, daß an den Hochschulen 40 v. H. der Hörer-– durchweg Nichtabiturienten – aus Arbeiterkreisen kommen und unterstrich den Grundsatz der freien Religionsausübung und des unbeschränkt ten religiösen Unterrichts. In dieser Hinsicht hätte die SED die Lehre aus der Hitler-Zeit gezogen, daß religiöse Gefühle stark genug zum Widerstand gegen die Tyrannei sein könnten und zur Aufrechterhaltung der Menschlichkeit, M.