Der Mythos der Gestirne. Von Thassilo v. Scheiter

Solange Menschen den Himmel betrachtet haben,staunten sie fragend vor dem breiten, mild leuchtenden Bande, das im Kreise den ganzen Himmel wie ein ungeheurer Bogen, umschloß. Alle anderen Himmelskreise, die die Legende und die Wissenschaft erwähnen, sind nur gedacht, hier aber stand ein riesiges -Phänomen allnächtlich, als umschließender Ring deutlich da und bot so einer Fülle von Deutungen und Sagen ein stets bereites Feld. Ist doch die Erklärung der Milchstraße trotz einigerbestechenderastronomischerAnsichten auch heute noch problematisch.

Um wieviel mehr bemühten sich Religionen, Philosophen und Dichter früherer Zeiten, denMenschen zu sagen, was es mit diesem milchigen Bande am Firmament auf sich habe. Denn der Vergleich mit Milch ist uralt, und so erzählt uns der hellenische Mythos manche Legende von einer Muttergöttin und ihrem Lebenssaft. Besonders wird hier immer Hera genannt; nur wer an der Brust der Himmelskönigin gelegen,konnte die Unsterblichkeit erlangen, und diese wollte Zeus seinem geliebten Bastardsohn Herakles durchaus verschaffen. Da er aber den begreiflichen Haß einer Gemahlin gegen seine von anderen. Frauen geborenen Kinder kannte, befahl er dem Götterboten Hermes, den kleinen Herakles aus der Pflege des greisen Kentauren Chiron fortzuholen und ihn heimlich Hera im Schlafe an die Brust zu legen. Seinem späteren Charakter gemäß sog. aber das Kindlein so ungestüm, daß Hera erwachte und es voll Abscheu von sich stieß, als sie erkannte, daß es nicht ihr eigenes Kind war. Dabei verspritzte die Göttermilch, oder auch Herakles ergoß sie wieder aus seinem Munde; und nun floß der Wundersaft über den Himmel und schuf jenes milchige Band über das ganze Firmament hin. Einige Tropfen waren aber doch bis auf die Erde gefallen, und aus ihnen sind die Lilien entsprossen,

Aber nicht Herakles allein wurde dieser Göttergabe teilhaftig, und nicht immer wurde sie Hera durch Trug entzogen. Wird doch eine ganz ähnliche Legende von Hera und dem Semele-Sohne Bakchos-Dionysos erzählt. Hier aber wurde Hera von dem zürnenden Zeus gewaltsam gezwungen, ihre Brust dem Säugling zur späteren Erlangung der Unsterblichkeit zu bieten, und die weiße Straße am Himmel wird nicht verspritzter Milch zugeschrieben, sondern galt als eine Schöpfung des Zeus zum Andenken an die Tat seiner Gemahlin. In etwas anderer, lateinischer Abwandlung klingt das gleiche Motiv nicht nur bei den Bastardsöhnen des Zeus, sondern sogar bei dessen eigener Geburt. Als ihn die Ops ans Licht gebracht, verlangte seinVater Saturn nach dem kleinen Sohn, um ihn, wie alle seine früherer Kinder, zu verschlingen. Die Ops reichte ihm statt dessen einen eingewickelten Stein, und wenn ihr Gatte auch dabei noch keinen Verdacht schöpfte, so begann er doch die ganze Geburt zu bezweifeln, weil das Aussehen der Ops nichts davon verriet. Da aber geriet diese in Zorn. In wilder Empörung hob sie ihre Brüste empor und drückte sie kräftig, so daß ein großer Strahl himmlischer Göttermilch über den ganzen Himmel spritzte. Und da nun dies Naß einmal dort obenhingeströmt, wähnten die Alten, „es flösse aus Milchstraße ein milchartiger, heilkräftiger Stoff wie aus einem Euter. Kommt er bei milder Luft herunter, dann wachsen Pflanzen und Früchte gut heran, gibt aber der Mond Tau und Kälte hinzu, dann vernichtet die beigemischte, gallige Bitterkeit alle Früchte“.

Es blieb nicht dabei, das weiße Band nur für Milch zu halten; dafür zog es sich oben doch allzu deutlich wie eine Brücke, wie ein Weg über den Himmel hin. Er wurde zur Götterstraße, zur Milchstraße. Bei Ovid finden – wir sie zuerst so genannt, aber natürlich als einen vielälteren Glauben:

Hier ist also die Milchstraße eine palastumbaute Via triumphalis/der Götter. Sie hat aber in der Antike noch viele andere Deutungen, die bis tief ins Mittelalter anhielten. So glaubte man, sie wäre die alte, ursprüngliche Sonnenstraße, die von dem ständigen Gleiten des glühenden Wagens so ausgebrannt wäre, daß Helios sie schließlich verließ. Die legende des Atridenhauses von Mykenä gibt aber hierfür noch einen anderen Grund an. Der König Atreus habe die Menschen in der Sternkunde unterwiesen, und die Himmlischen sahen das ebenso als einen Verrat an, wie seinerzeit die Überlieferung des Feuers an die Sterblichen durch Prometheus. Der Zorn des Gottes über den Vertrauensmißbrauch des Atreus war so groß, daß er mit seinem Wagen die lichte, bisherige Sternenstraße nicht nur verließ, sondern auf anderer Bahn und sogar in entgegengesetzter Richtung dahinfuhr. Auch wollte er seine Augen ablenken von all den Greueln, die, nunmehr sich steigernd von Geschlecht zu Geschlecht, das Haus der Atriden befleckten. Wieder andere aber meinten, Helios unglücklicher Sohn Phaeton habe die Milchstraße als die unauslöschliche Spur seiner irren Himmelsfahrt hinterlassen, ehe er blitzzerschmettert niederstürzte.

Es gab aber noch eine viel ältere Ansicht, die sich nicht um die Entstehung dieses Himmelsbandes kümmerte, sondern um seinen Zweck, und da tauchte der ganz seltsame, schon von Pythagoras weitergegebene Glaube auf, daß die Toten und der dunkle Hades sich nicht unter der Erde befänden, sondern hier oben in der Milchstraße. Die Verstorbenen steigen auf; ihr zu ihrem künftigen Wohnort empor, und Totenweg hieß die Straße selbst in alten deutschen Mythen. Eine lichte Versammlung alter und neuer Seelen, vielleicht,auch nur der besonders bevorzugten edlen und hohen Menschen und Heroen war hier oben gedacht, wo ja die Myriaden von Sternen auch den Alten deutlich waren. Später wurden drei Straßen mit drei Toren angenommen, die Einlaß zu den himmlischen R~~~nen boten. Dieser Glaube vereinfachte sich dann zu nur zwei Toren, das eine zur Aufnahme der Toten, die der Sterngott des „Steinbocks“ in Empfang nahm und von ihren irdischen Schlacken reinigte, so daß sie ewig und unsterblich wurden. Das andere Tor wurde gegenüber im Krebs gesehen, aus dem die Seelen wieder zu neuer Erdenlaufbahn und Verkörperung hinabgelassen wurden.