Von Hans Galperin

Auf der großen Tagung des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands in Berlin, auf der Vertreter aus allen Zonen anwesend waren, hielt Johannes R. Becher das aufsehenerregende Hauptreferat, in dem er Von marxistischer Sicht gegen die „Existenzphilosophie“ Stellung nahm. Der Generalangriff gegen diese moderne Methode des Denkens kommt also von allen Seiten im Bestreben, aus dem philosophischen Pessimismus und Nihilismus herauszukommen,

Als die Existenzphilosophie sich auf dem Veltanschaulichen Trümmerfeld des beginnenden 20. Jahrhunderts auszubreiten begann, war die innere Antriebskraft versiegt, welche die Menschheit durch die christliche Weltstunde bewegt hatte, und der Geist war ans den überlieferten Ordnungen gewichen. Ohne Halt, ohne die Hilfe eines Glaubens stand der Mensch in einem ständig fragwürdiger werdenden Dasein, beherrscht von einer panischen, metaphysischen Angst und dem Bewußtsein der inneren wie; äußeren Ausweglosigkeit seiner Lage. Nur noch sich, selbst begegnet; er als einer unbeantworteten Frage. So blieb als einzige Nachbarschaft das Nichts, von Heidegger zum absoluten Wert erhoben und mit dem Sein gleichgestellt. Das Leben hatte damit seinen Sinn verloren. Alle Fluchtversuche vor dieser bitteren Erkenntnis scheiterten in den letzten Jahrzehnten, und nur die Resignation blieb: die Selbstaufgabe mit all den Folgen einer völligen seelischen, moralischen und sozialen Zerrüttung des Menschlichen. Diese Welt war so hoffnuungslos geworden, daß sie selbst den auferstandenen Christus an seiner Mission irrewerden ließ, wie D. H. Lawrence es im “Man who died“ geschildert hat.

Es ist wahr, am eigenen Schopf hat sich noch keiner aus dem Sumpf gezogen. Doch wenn such keine äußere Hilfe sichtbar ist. ist es nicht trotzdem ein voreiliger Schluß, zu sagen, daß es nirgendwo in der Welt einen Halt gäbe? Müßte man nicht eine solche Haltung als metaphysischen Defaitismus bezeichnen?

Der Versuch zu seiner Überwindung muß bereits im erkenntnistheoretischen Bereich beginnen. Gegenüber der Verzweiflung, jemals erkenntnis-, mäßig über die Grenzen der eigenen Existenz hinauszugelangen. muß wieder das Eingebettetsein des Menschen in die Welt und seine daraus folgende eingeborene Mitwisserschaft von den Dingen aufgezeigt werden; und zwar über das nur geschichtlich verstandene „Mitsein“ Heideggers hinaus. Dieser Bezug auf räumlich oder zeitlich angrenzende Zustände innerhalb einer Totalität des Lebens gibt der menschlichen Existenz keinen Rückhalt, der nur in einem Selbständigen und wesenhaft Anderen gefunden werden kann. Diese Erkenntnis wird den ersten Anstoß zum Durchbruch ins Transzendente geben... Anderseits führt aber jede Deutung des menschlichen Daseins aus der Transzendenz, jede Hoffnung auf einen Eingriff Gottes, auf eine. „Mutation des Menschlichen“ (Max Picard) sofort die Gefahr eines abermaligen verdächtigen Kompromisses herbei. Mit einer neuen Illusion und einer neuen Flucht aus der so teuer erkaufen Wirklichkeit wäre der Menschheit nicht geholfen. Es muß also anderes hinzutreten.

Bergson hatte seinerzeit vorgeschlagen, den Kreis des Intellekts durch die „Tat“ zu durchbrechen. Wohin jedoch der Heroismus der Taten führt, wissen wir heute aus böser Erfahrung. Es hülfe uns aber auch die Übertragung solch eines tätigen Ausbruchs auf das Gebiet des Metaphysischen nicht. Der Kierkegaardsche Sprung über den Abgrund in die Arme Gottes ist für uns Lebende, weil die genügend starke Glaubenssicherheit fehlt, kaum allzu verschieden vom Sprung ins Nicht, wie Sartre ihn lehrt. Selbst eine so betont christliche Dichterin wie Gertrud von le Fort schrieb im Prologos zu ihren „Hymnen an die Kirche“:

„Denn es fällt kein Strahl von dir in meine fielen,