Zum Tode Richard Ohnsorgs

Wer erinnert sich nicht gern und mit Schmunzeln jener biederen und gewöhnlich in der behaglichen Sprache der Heimat von Laienspielern dargebotenen Theaterstücke, die vor dem ersten Weltkriege selbst in kleinen Landstädten zur Aufführung kamen! Es gab zwar Leute – und diese fanden sich namentlich unter den mit der Großstadt in Berührung gekommenen Provinz-Snobs –, die hochmütig auf ein „Volkstheater“ dieser Art herabblickten und die „Dialektbühne“ ablehnten. War es die Echtheit natürlicher Empfindungen, deren Anklingen man befürchtete? Man scheute sich, der echten Gefühlsregung zu begegnen und bevorzugte Plüsch- und Makart-lnterieurs für das überzärtelte Seelchen oder fand an heroischem Pomp Gefallen.

In diese Zeit fallen seltsamerweise die ernsthaften Bemühungen, dem mundartlichen Volksstück Geltung zu verschaffen, und in Hamburg war es vor vierzig Jahren der am 11. Mai verstorbene Dr. Richard Ohnsorg. der mit der Leitung der Hamburger Laienspielbühne „Gesellschaft für dramatische Kunst“ eine Aufgabe übernahm, die später sein Lebenswerk wurde. Doch damals ahnte er noch nicht, daß er wenige Jahre darauf zum Schöpfer eines neuen Theaters werden würde, als dessen Ehren-Intendant er bis zu seinem Tode wirkte. Damals trat Fritz Stavenhagen auf, der Klassiker des niederdeutschen Bühnenspiels. Ohnsorg erkannte als erster die Möglichkeiten, die sich aus der neu aufwachsenden niederdeutschen Dramatik ergeben konnten. Er spielte den „Dütschen Michel“ und „Mudder Mews“, er ermutigte Gorch Fock zu dramatischem Schaffen und gewann mit „Cili Cohrs“ ein überzeitliches Stück, mit der „Keunigin von Honolulu“ einen Augenblickserfolg, den sein junges Unternehmen so gut gebrauchen konnte. Er gewann Hermann Boßdorf, und der „Fährkrog“, „Krämer Kray“. „Bahnmester Dod“ und „De rede Ünnerrock“ wurden unter seiner Regie wahre Kabinettstücke der Niederdeutschen Bühne. Ohnsorg selbst war ein Schauspieler von Format, ein Charakterdarsteller, in dem sich die Heiterkeit eines Ulenspiegels mit der Tiefgründigkeit niederdeutschen Wesens paarte.3 Bühnen entstanden im Lauf der Zeit nach Ohnsorgschem Muster, und alle konnten ihren Spielplan danach ausrichten, was auf der Ohnsorgschen Versuchsbühne Erfolg gehabt hatte. Hier war Ohnsorg der Pionier, wie er anderseits den niederdeutschen Autor weckte. indem er seine Stücke herausbrachte. Heinrich Deiters