Dies ist in der ganzen Welt eigentlich recht einfach geregelt: Wenn jemand einen politischen Vortrag hören will, geht er in eine politische Veranstaltung. Wenn jemand ein berühmtes Quartett kksssdie Musik spielen hören will, geht er in ein Konzert. So leicht ist das auch nicht 211 verwechseln. Aber in Deutschland Da sind auch jetzt wieder solche, die den Beruf des Propagandachefs erlernt haben oder sich zumindest in diesem Metie 1" üben, am Werke die klaren Begriffe zu verwirren. Sie sagen sich offensichtlich, daß viele Leute von Politik nichts wissen wollen: Ha wäre es also angebracht, ihnen die ,Sache hintenrum beizubiegen". Wickeln wir also die Politik in neutrale Verpackung ein! Man kommt bei solchen Überlegungen ganz von selbst auf die Musik Man bettet also die Politik in klassische Quartette, die man von berühmten Musikern spielen iäßt. Auf daß den Leuten die so angenehm getönte Politik gleich viel schmackhafter runtergehe".

Also- da hatte in unserer Stadt eine politische Vereinigung — wohlverstanden: keine Partei ihre erste ,Großkundgebung" angesetzt. Vorne esr c HiCM. Groß waren beispielsweise auch schon die Presse — bis zu zehn Mark kostete der Platz! Auf dem Programm stand dafür aber auch vermerkt, daß die Reden der drei vorgesehenen Redner von einem akademischen Doktor, einem ehemaligen Stenographen des Reichstages, mitstenographiert würden. Großartig! Bei dem Mann waren noch mehr fitel aufgezählt, die ich abei vergessen habe Sodann wurde durch Lautsprecher weithin "bekanntgegeben, daß den Herren Pressevertretern im Prftsezimmej zwei Dame "zum Diktat zur Verfügung stünden. Ebenfalls großartig. Ob Pressevertreter zugegen waren, die geneigt waren, von dn Damen und dem Extrazimmer Gebrauch zu machen? Weiterhin wurden die Ehrengäste durch den Lautsprecher gebeten, sich in das Ehrengästebuch einzutragen. Ganz großartig! Und nun erst das Programm! Das berühmte Quartett spielte ganz hervonagend Es spielte klassisch und ausgiebig, und die Zeit verrann den Herren sozusagen unter den Fiedelbögen. Dann sang ein ausgezeichneter Chor Programmgemäß sang ei als erstes Lied: "Wenn wir marschieret! Worauf der unvoreingenommene Besucher sich freilich insofern etwas beklommen fühlte, als er s:ch sagte, daß man es angesichts der vorhandenen Trümmer mit dem bisherigen Aufwand an Marädhieren eigentlich bewenden lassen sollte. Schließlich — fast hätten wir Zuhörer, es vergessen — kamen auch die Redne r zu Wort. Ihre Worte waren gut ihre Ziele sogar edel. Aber das Arrangement bewährte ich nicht. Denn nachdem die Großkundgebung schon drei Stunden gedauert hatte und immer noch kein Ende abzusehen war, hatte ungefähr die Hälfte der Besucher, den Saal verlassen. Und dabei warteten noch musikalische Genüsse im Hintergrund Gefragt, warum sie das Ende der Kundgebung nicht abwarten wollten, erwidette ein Mann, Musik interessiere ihn nicht! Und eine Frau, "e sei wegen des Quartetts gekommen, und die Reden härten sie gestört. Und ein alter Herr sprach sogar von "Zirkus" und ein anderer von ,Kalorienmord". Kurzum, die Vermischung von Konzert und politischer. Versammlung bewährte sich nicht! Der eine Part störte den anderen. Der Propagandachef wird sicher anderer Meinung sein. Er wird sicherlich sagen: Na, habe ich nicht allerhand Leute in den Saal geschafft? Das war nicht so einfach; mein lieber Mann, bei solch gepfefferten Preisen!" Gewiß, gekommen waren viele, und vor Schluß gegangen waren auch viele. Und ob von all denen welche wiederkommen ein anderes Mal das ist zweifelhaft. Und das dürfte ja eigentlich der Witz an der Propaganda sein: daß s;o wiederkommen. Ich könnte mir denken, daß beim nächsten Mal sogar das berühmte Quartett nicht zur Versammlung, käme. Die Herren in ihren schwarzen Fräcken sahen schon diesmal so traurig aus, als seien sie zu einem Begräbnis erschienen, mm Begräbnis der Politik. Und ob wenigstens der Groftkundgebungs Hauptredner ein zweites Mal wieder mitmachen würde? Er hatte ja schon diesmal entsetzlich viel Mühe, obwohl er fürwahr kein schlechter Redner war seine Zuhörer aus den Gefiiden des Gefühls herauszulotsen in die sie das Quartett verzaubert hatte. Aber das kommt davon, wenn man das Propagandistische, das ohnehin heutzutage oft einen sdiojastischen Anstrich hat, übertreibt? Das kommt davon, wenn man Propa ganda um ihrer selbst willen beireibt, ohne Kontakt zum eben und zu den Menschen. Musik in der Rolle des Anreißers? Giob gesagt: Beethoven als Schlepper? Ich meine: Entweder trägt die politische Idee ohne Beethoven oder sie trägt nicht. Trägt sie nicht, so ändern daran auch hundert Quartette nichts. Denn eigentlich ist Politik etwas Nüchternes, Logisches. Vernünftiges. Aber dies müssen wir, die wir nicht nur das Volk°der Dichter, Sänger, Musiker, sondern offenbar "auch der Großkundgebungen sind, wohl erst wieder lernen.