Einen Sonderfrieden mit Deutschland abzuschließen, falls man nicht bald zu einer Verwirklichung des Potsdamer Abkommens, gelange, schlug der frühere Präsident Hoover in einem Memorandum vor, das er dem Bewilligungsausschuß des amerikanischen Repräsentantenhauses vorgelegt hat. Dieser Plan hat in Amerika Aufsehen erregt und ist von den großen amerikanischen Zeitungen zustimmend kommentiert worden. Auch Außenminister Marshall hat auf einer Pressekonferenz erklärt, daß ihn der Vorschlag, gemeinsam mit anderen Nationen Verhandlungen über einen Sonderfrieden mit Deutschland und Japan aufzunehmen, falls Rußland auf seiner Verzögerungstaktik beharre, sehr interessiere. In einflußreichen Kreisen Washingtons endlich wird versichert, daß Präsident Truman sich mit einer solchen Möglichkeit seit längerem ernsthaft beschäftigt habe.

In Deutschland ist Hoovers Vorschlag mit gemischten Gefühlen aufgenommen worden, denn dieser Sonderfriede soll zunächst nur mit der britisch-amerikanischen Zone abgeschlossen werden. Insbesondere, die Berliner Presse lehnt infolgedessen den Vorschlag ab, da er geeignet sei, aus der heutigen Trennung zwischen den Westzonen und der Sowjetzone eine dauernde Teilung Deutschlands zu machen. Dieses Echo ist sehr begreiflich. Das es im gleichen Augenblick kommt, in dem bekannt wird, daß die Ministerpräsidenten der Ostzone abgelehnt haben, an der Münchner Bespredhung der deutschen Ministerpräsidenten teilzunehman, zeigt, daß diese Weigerung nicht dem entspricht was die Mehrheit der Bevölkerung denkt. hält tröstlicherweise jenseits des Eisernen Vorhangs ebenso stark wie bei uns an dem Gedanken eines einheitlichen Deutschlands fest. Doch zeigt sich immer wieder, daß es anscheinend nicht möglich ist, den Eisernen Vorhang auch nur ein wenig zu durchbrechen, und wir Deutschen haben uns damit abzufinden. Die angloamerikanischen Besatzungsmächte aber wollen nicht dulden, daß dieser Zustand eine schwere wirtschaftliche Lähmung in den Westzonen hervorruft. Dies ist der reale Gesichtspunkt, von dem aus der Hooversche Vorschlag betrachtet werden muß.

Offenbar ist man in Amerika nicht optimistisch in bezug auf die kommende Londoner Konferenz. Man fürchtet, daß Rußland seine Verschleppungstaktik in den Fragen des österreichischen und des deutschen Friedensvertrages fortsetzen wird. Das würde bedeuten, daß, solange England und Amerika an dem Potsdamer Abkommen festhalten, beide Länder Weiter erhebliche Summen ausgeben müßten, um ihre Besatzungszonen zu ernähren, und daß es gleichzeitig nicht möglich wäre, das westliche Europa wirtschaftlich wieder aufzubauen. Alle Anleihen und alle Ausgaben würden also nicht eine Besserung hervorrufen, sondern vergeblich fortgegebenes Geld bleiben. Daß der amerikanische Kongreß eine solche Politik nicht lange mitmachen wird, ist vorauszusehen. Daraus aber könnte leicht, für die amerikanische Politik die Notwendigkeit entstehen, die europäische Position aufzugeben; womit es auch schwierig werden dürfte, die amerikanischen Interessen im Mittleren Orient zu sichern und zu verteidigen,

Eine solche Lage herbeizuführen, so vermutet man in Amerika, sei das Ziel der russischen Politik. Welle man dem entgegenarbeiten,, so müsse die tödliche Lähmung des europäischen Wirtschaftslebens beseitigt und Europa auf eigene Füße gestellt werden. Dies aber kann nach amerikanischer Ansicht nur geschehen, wenn Europa als eine wirtschaftliche Einheit behandelt wird und wenn man diese Einheit so groß macht, wie dies im Augenblick nur möglich ist. Hoover richtete in diesem Zusammenhang in seinem Memorandum auch Angriffe gegen Frankreich, dem er vorwarf, gegen die angloamerikanischen Versuche, die deutsche Industrie wiederaufzubauen, sterile Obstruktion zu treiben

Daß Deutschland bei der Wiederherstellung einer gesunden europäischen Wirtschaft auf Grund seiner Bodenschätze und seiner Arbeitskräfte eine wichtige Rolle spielen muß, wird auch von seinen ehemaligen Feinden in Europa allgemein zugegeben. Wie aber, so fragt man sich in Amerika, soll es diese Aufgabe erfüllen, wenn durch die russische Auslegung der Abkommen von Jalta und Potsdam ihm jede Möglichkeit einer Erholung abgeschnitten wird, indem man ihm einerseits die Rückgabe seiner landwirtschaftlichen Gebiete im Osten verweigert und anderseits seine industrielle Produktion als Reparationen abnehmen will?

Diese russische Politik, hat Engländer und Amerikaner dazu gebracht, ihre Zonen wirtschaftlich zu vereinigen, um so wenigstens ihrerseits so viel von dem Potsdamer Abkommen zu erfüllen, als in ihrer Macht steht. Mit notwendiger Konsequenz hat dies weiter zur Bildung der Zweizonenämter und des Zweizonenrates geführt, damit die Wirtschaft der beiden Zonen einheitlich geleitet werden kann. Um nun diese Politik des Wiederaufbaues richtig zu planen, war es ferner nötig, den Industrieplan zu revidieren und das deutsche Friedenspotential einseitig von den Westmächten neu festzulegen. Damit. von den demokratischen Freiheiten zu schweigen, die der Ostzone vorenthalten werden – ist bereits eine scharfe Divergenz eingetreten in den Art, wie die Angloamerikaner einerseits und die Russen anderseits die Auslegung des Potsdamer Abkommens praktisch betreiben.

Warum, so fragt nun Hoover, soll dieser Zustand nicht legalisiert werden, indem mit der britischamerikanischen Zone ein Sonderfriede abgeschlossen wird? Ein solcher Friede, an dem, wie er hofft, auch Frankreich sich beteiligen würde, wenn man ihm das Saargebiet. läßt, könnte den Weg dazu öffnen, mit einer großzügigen Anleihegewährung tatkräftig an den Aufbau der westlichen Hälfte Europas heranzugehen. Teillösungen führen nicht zum Erfolg, das nahen die bisherigen Anleihen gezeigt – nicht nur in Griechenland, wo die Wunde des Bürgerkrieges künstlich-offengehalten Wird, Es ist vielmehr notwendig, ein größeres Wirtschaftsgebiet einheitlich durch Finanzhilfe zu entwickeln