Kurzgeschichtetn sind spannend oder sentimental

moralisierend oder verrucht: sie wollen nichts als unterhalten, und zwar in der kürzesten Zeit und mit den kräftigsten Mitteln, Ja, und so kam es, daß der Leser mißtrauisch gegen diesen Typus der Literatur wurde. Aber es gibt noch andere Kurzgeschichten: sie machen die vielleicht liebenswürdigste künstlerische Gattung der Literatur aus und setzen die größte Könnerschaft voraus. Man denkt an Angelsachsen wie Somerset Maugham die Mansfield, Aumonier. Dorothy Parker und Elizabeth Goudge. Man denkt an Franzosen wie Daudet und den nie übertroffenen Maupassant. Sie alle haben die kurze Erzählung mit Geist kultiviert und weit über das Niveau der bloßen Unterhaltung hinausgehoben.

Ihre Geschichten sind dabei so verschieden, daß man zunächst bei dem Versuch verzweifelt, sie auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Alle bewegen sich, in reicher Abstufung, zwischen zwei Extremen: der geballten, dramatisch zugespitzten, pointierten Handlung, wie Maupassant sie liebt, und der zarten, schwingenden, ganz pointelosen Seelenschilderung wie bei Katherine Mansfield. Innerhalb dieser Skala ist ihnen gemeinsam, daß sie vom Menschen handeln, und zwar ausschließlich und leidenschaftlich. Ja, die Verfasser von Kurzgeschichten sind alle besessen vom Menschen. Ihre Schöpfungen, mögen sie getrost anmutig dahingeplaudert oder mit humorvollem Augenzwinkern vorgetragen sein, zittern von psychologischer Inbrunst. Ob Liebe oder Haß dahinter steht, ist dabei gleichgültig. Es scheint, daß die Kurzgeschichte nur aus dem glühenden Wunsch, das Menschliche so knapp und so scharf wie möglich einzufangen, entstehen kann. Aber um was für Menschen handelt es sich dabei? Sehr selten um Helden oder Schurken, sehr oft um Käuze, am häufigsten jedoch um Durchschnittsmenschen, denen wir täglich begegnen. Wer das Menschliche „an sich“ packen will, muß es in der breiten Masse suchen. Und genau dies haben die Erzähler der Kurzgeschichte offenbar mit voller Absicht getan, und zwar in jener Gesellschaftsschicht, die sie täglich umgibt oder die sie jedenfalls genau kennen. Edna Ferber beschreibt uns den freien Nachmittag eines Garagen-Mannes in New York, Somerset Maugham zeigt uns den weißen Mann in den Kolonien, Maupassant schildert, die Pariser Gesellschaft oder den normannischen Bauern seiner Heimat. Diese Kurzgeschichten frappieren durch ihre sichere Menschenkenntnis. Menschenkenntnis ist geradezu ein Prüfstein für ihren Wert.

Mag jeder Dichter der Kurzgeschichte auch über – seine besondere Technik verfügen – immer wird sofort aufgeblendet. Möglichst keine Erklärungen und kein Räsonnement! Begreife schnell oder bleibe zurück! Keine umständliche Exposition! Es herrscht eine starke Konzentration auf das Seelische, worüber auch ein fließender, vielleicht verspielter Vortrag nicht hinwegtäuscht. Es kann viel auf wenigen Seiten; passieren, und oft wird der Held just an einem Wendepunkt seines Lebens gezeigt. Mag sein, daß sich sogar ganze Tragödien oder Komödien abspielen, wie in Maughams „Rain“ oder in Maupassants Meisterwerk „Boule de Mit“. Vielleicht passiert aber auch nichts. Ein Mensch, verfolgt seinen gewöhnlichen Tageslauf, Kindern geht ein. Stück Leben auf, ein Mädchen führt mit dem abwesenden Freund ein blödsinniges und verzweifeltes Telefongespräch. Oft ist die Handlung – mag sie noch so brillant durchgeführt sein – im Grunde nebensächlich. Und ebenso plötzlich, wie der Dichter aufgeblendet hat, wird er oft wieder abblenden. Im Schluß einer Kurzgeschichte verrät sich am deutlichsten der künstlerische Geist. Wie bezaubernd melancholisch können die pointelosen Schlüsse sein! Das Buch entsinkt der Hand, „Ja, und?“ fragt sich der Leser. „Ist das alles?“ – Natürlich ist es alles. Es ist das Leben an sich, ohne Anfang und ohne Ende, das liebe, bunte Leben, das uns unter den Fingern zerfließt!

Wie kommt es aber, daß selbst die künstlerisch reife Kurzgeschichte in Deutschland wenig Ansehen genießt und dementsprechend in der deutschen Literatur nur von sehr wenigen namhaften Autoren gepflegt, wurde? Dies ist gewiß kein Zufall; er hängt mit der Einstellung des Deutschen zu seinem Schrifttum zusammen. Man ist hier allzu leicht geneigt, die Kurzgeschichte als „billig“ abzutun. weil sie wenig gründlich erscheint. Aber das ist ein Irrtum. Da sie nur einen Ausschnitt gibt und ihr Anfang und ihr Ende im Dunkel versinken, macht sie es dem Leser eigentlich eher schwer als leicht. Sind wir Deutsche zu seriös, den Zauber reiner Menschendarstellung zu genießen? Wir möchten Probleme wittern. Die Klarheit und Einfachheit vieler Kurzgeschichten mache uns stutzig, und wir verwechseln sie mit Oberflächlichkeit. Man hört auch wohl den Einwand, daß sich unsere „Sprache nicht für die knappe, federnde Kurzgeschichte

eigne, da sie weder so durchsichtig wie das Französische, noch so kurz und treffend wie das Englische sei. Auch hier liegt ein Irrtum. Eine Sprache ist immer das, wozu man sie macht.