Wie groß ist der Bevölkerungszuwachs und die Zunahme der Bevölkerungsdichte, die durch Evakuierung und Umsiedlung hervorgerufen wurden? Wie verteilen sich diese auf die einzelnen Gebiete? Wie setzt sich die Bevölkerung nach Alter und Geschlecht zusammen? Zur Beantwortung, dieser und anderer Fragen waren allgemeine statistische Erhebungen, als Grundlage jeglicher Planung und Lenkung des Arbeitseinsatzes Und des Wiederaufbaus, unentbehrlich. Die Volkszählung vom vergangenen Herbst, deren Ergebnisse jetzt zur Auswertung gelangen, hat die Unterlagen ergeben.

Betrachtet man das hierwiedergegebene Diagramm der „Bevölkerungspyramide“ für die britische Besatzungszone, so ist ihr hervorstechendstes Merkmal jene tiefe, krankhafte Einkerbung auf der linken (Männer-) Seite,-die den Ausfall, der Jahrgänge zwischen 20 und 40 Jahren nachdrücklich veranschaulicht. Diese pathologische Deformierung des normalen Bevölkerungsaufbaus führt zu weittragenden Konsequenzen.

An dem Zahlenbild sind zunächst einige Berichtigungen anzubringen, Korrekturen positiver und negativer Natur. So wird die Rückkehr der Kriegs-– gefangenen das Bild günstiger gestalten. Andererseits ist in dem Bild der katastrophal zusammengeschmolzenen „mittleren“ Jahrgänge noch die große Zahl der Kriegsversehrten, also der mehr oder weniger beschränkt Erwerbsfähigen, enthalten. Endlich ist die berufliche Qualifikation der jüngeren Jahrgänge fast ausnahmslos erschreckend gesunken. Während demnach die positiven Korrekturen erst mit Rückkehr der Kriegsgefangenen wirksam werden, belastet uns das volle Gewicht der negativen schon heute.

Das vorliegende Bild weist auf eine Reihe weitreichender Folgen hin. Bekannt ist, daß ein großer Teil der jungen Frauen nicht damit rechnen kann, einen Ehepartner zu finden. Wie kraft allerdings die Verhältnisse hier liegen, wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß in der Altersstufe zwischen 20 und 40 Jahren 158 Frauen auf 100 Männer, zwischen 20 und 30 sogar 168 Frauen auf 100 Männer kommen: Da ja ein Teil der Männer unverheiratet bleiben wird, wird in den mittleren Jahrgängen kaum jede zweite Frau mit einer Heirat rechnen können. Wieweit die sozialen, sittlichen und psychologischen Folgen diesfer abnormen Situation im einzelnen gehen werden, kann man heute nur ahnen. Jedenfalls, werden die jungen Frauen zum guten Teil das, Vakuum an jungen Männern im Arbeitsprozeß ausfüllen müssen, – so daß jene Verhältnisse, die manchem zunächst rein kriegsbedingt erscheinen mögen, vielleicht zukünftig sogar noch deutlicher hervortreten werden, jedenfalls auf Jahrzehnte hinaus den Normalzustand – darstellen.

Verschärft wird das erschütternde Bild durch den Umstand, daß die gleichen Jahrgänge, die durch den Geburtenausfall während des ersten Weltkrieges sowieso nur schwach besetzt waren, dieselben Jahrgänge sind, die im zweiten Weltkrieg einem neuerlichen schweren Aderlaß ausgesetzt waren.

Während die Bevölkerung der britischen Besatzungszone seit der 1939 durch Umsiedlungen von 20,35 auf 22,40. also um gut zwei Millionen oder etwas mehr, als 10 v. H. gestiegen ist, wobei die Anzahl der Männer nur knapp 90 000 oder noch nicht 1 v. H., die der Frauen aber um nahezu zwei Millionen oder mehr als 19 v. H. anstieg, fiel gleichzeitig die Zahl der Männer zwischen 25 und 35 Jahren von fast 1,9 Millionen auf-weniger als 1060 000, also auf knapp 55 v. H.

Natürlich wird der Ausfall an Männern mittlerer Jahrgänge zwangsläufig zu einer gleichbleibend niedrigen Geburtenzahl führen, und zwar ganz unabhängig von den gegenwärtigen Schwierigkeiten der materiellen Situation. Das mag kurzsichtigen Überlegungen bei der stark angestiegenen Bevölkerungsdichte and der eingeengten Ernährungsbasis nicht ganz unwillkommen, erscheinen. Indessen muß es zu einer Überalterung unseres Volkes, führen.