Die vomWeltsicherheitsrat ernannte Untersuchungskommission für die Grenzzwischenfälle in Nordgriechenland hat ihre Tätigkeit in Europa abgeschlossen. Ihr Bericht, der über 600 Seiten umfaßt, wird in den nächsten Tagen in Lake Success vorgelegt werden.

Die Balkankommission hatte ihre Untersuchungen Ende Januar in Athen begonnen. Nach einem langwierigen und umständlichen Verfahren wurden in Athen und Saloniki die offiziellen Vertreter Griechenlands, Jugoslawiens. Bulgariens und Albaniens und zahlreiche andere Zeugen vernommen. Nach einem kurzen Aufenthalt in Jugoslawien und Bulgarien begaben sich die elf Kommissionsmitglieder mit ihren Mitarbeitern nach Genf, wo sie den Bericht für den Weltsicherheitsrat ausgearbeitet haben. Die Mehrheit der Mitglieder der Balkanuntersuchungskommission stimmte in ihrem Bericht darin überein, daß Jugoslawien und in geringerem Maße Albanien und Bulgarien durch die Unterstützung der Rebellen die Hauptschuld für die Unruhen in Griechenland trügen. Durch die Verfolgungen gegen die Linken und die Volksminderheiten hätte aber auch die griechische Regierung zur Herbeiführung der jetzigen Lage beigetragen

Die Balkanuntersuchungskommission gab außerdem einige Empfehlungen an den Weltsicherheitsrat, allerdings ohne die Zustimmung der Vertreter Rußlands und Polens. Danach soll der Weltsicherheitsrat, im Falle einer weiteren aktiven Hilfeleistung von Seiten der nördlichen Nachbarn Griechenlands an die Partisanen, Maßnahmen nach Artikel 7 der Charter der Vereinten Nationen ergreifen; zum ersten Mal ein Vorschlag in der UNO, den „Zwangsartikel“ anzuwenden, der wirtschaftliche, diplomatische und militärische Sanktionen vorsieht. Die Kommission schlägt weiter vor, für wenigstens zwei Jahre entweder einen Ausschuß oder einen Beauftragten der UNO mit einem kleinen Stab zu ernennen, der über die Verhältnisse beiderseits der griechischen Grenze zu wachen hat.

Der Ausschuß oder der Beauftragte soll nach dem Vorschlag der Balkankommission alle Zwischenfälle und Beschwerden an Ort und Stelle untersuchen und in Verbindung mit internationalen Flüchtlings-Organisationen politische Flüchtlinge beaufsichtigen. Schließlich hat die Balkankommission, wiedergegen die Stimmen Rußlands und Polens, beschlossen. eine Unterkommission in Saloniki zu belassen, die die Entwicklung an der griechischen Grenze beobachten soll bis im Weltsicherheitsrat eine Entscheidung getroffen wird.

Inzwischen geht die Tätigkeit der Aufständischen in Griechenland weiter. Die Offensive hingegen-, die vor einigen Wochen von der Regierung unternommen wurde, scheint keinen großen Enderfolg zu versprechen. Die griechische Nachrichtenagentur berichtete sogar über wiederholte Angriffe von Seiten: der Aufständischen gegen die mazedonische Stadt Florina. Es werden Befürchtungen laut, daß, falls es den Rebellen gelingen sollte, die Stadt einzunehmen, der Anfang ihres Planes verwirklicht Würde, Griechisch-Mazedonien von Griechenland abzutrennen, um einen föderativen makedonischen Staat unter jugoslawischer Oberhoheit zu bilden.

Im Inneren des Landes ist die Lage auch nicht besser. Die Lebenskosten für die Masse der Bevölkerung sind fast untragbar; 1,2 Millionen Menschen sind durch die Auswirkungen des Krieger immer noch obdachlos und 470 000 Menschen von 7,5 Millionen leiden an Tuberkulose. Eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage in Griechenland ist in absehbarer Zeit kaum zu erwarten. Die griechische Regierung wird die amerikanische Anleihe vor allem für die Motorisierung und Ausrüstung der Armee verwenden, weil sie hofft, daß dann die Regierungstruppen in der Lage sein werden, die Rebellion niederzuschlagen. Ob diese Hoffnungen erfüllt werden können, ist sehr zweifelhaft. Aber die Erwartungen gemäßigter Kreise Griechenlands und vor allem des Auslandes, durch eine großzügige Amnestie, durch eine wirtschaftliche Reform und durch eventuelle Abhaltung, neuer Wahlen eine Befriedigung zu erzielen, scheinen auch nicht besonders erfolgversprechend.

Die einzige Möglichkeit die Unruhen in Griechenland vielleicht vorläufig einschränken zu können, wäre die Tätigkeit der Balkan-Unterkommission, die ihren Sitz in Saloniki hat und nach einem Beschluß der Balkankommission berechtigt ist. jeden Zwischenfall an Ort und Stelle zu untersuchen. Gegen diese Unterkommission hat aber bereits der sowjetische Vertreter beim Weltsicherheitsrat, Gromyko, Protest erhoben. Die drei nördlichen Nachbarn Griechenlands haben es ebenfalls abgelehnt, in ihrem Territorium Untersuchung gen zuzulassen. Damit werden die Chancen für eine baldige Befriedigung in und um Griechenland immer geringer. Sie werden vor allem deswegen, geringer, weil die Krise in Griechenland längst überdie Grenzen des Landes hinausgegangen ist. Durch die Unterstützung der kleinen, aber gut organisierten Bewegung der Aufständischen vom Ausland ist Griechenland ein ausgesprochener Herd der internationalen Spannung – ein ausgesuchtes Kampfgebiet zwischen Ost und West geworden. A. B.