Die Zigarettenwährung ist bekannt – aber kennt man auch die Konservenwährung? Mit ihr hat es folgende Bewandtnis: In der Stadt B., bekannt durch eine namhafte Gemüsekonserven-Herstellung, liegt ein Elektrizitätswerk, dessen Anlagen leider ziemlich heruntergewirtschaftet sind. Ersatzteile werden in C. bestellt; ihre Lieferung wird aber vom Betriebsrat des Werkes davon abhängig gemacht, daß irgendwelche „nahrhaften Kompensationen“ für die Werkkantinen dabei herausspringen. Also wendet sich der Betriebsrat des Elektrizitätswerks an die Kollegen in der Konservenindustrie und erklärt: „Wenn die Saison kommt und Ihr auf regelmäßige Stromlieferungen rechnen wollt, so könntet Ihr sie wohl bekommen – aber nur gegen Kompensationen in Ware. Es tut uns ja leid, daß wir solche Forderungen stellen müssen, aber wir sind eben in einer Zwangslage: unser Produkt ist nicht kompensierbar, und Ersatzteile brauchen wir nun einmal, um den Betrieb leistungsfähig erhalten zu können... also helft uns, und Ihr helft Euch damit selber!“

So also sieht die Praxis aus. Nach übereinstimmenden Schätzungen aller Fachleute gehen mindestens 30 v. H., vielfach bis zu 50 v.H. der industriellen Produktion in den Grauen Markt zur Beschaffung von Rohstoffen, Hilfsstoffen, Kohle, Energie, Ersatzteilen, Transportgelegenheiten und so weiter; eingerechnet sind dabei jene Mengen, die als echte oder unechte Deputate an die Belegschaften gehen oder dazu dienen, Lebensmittel für die Werkküche zu „kompensieren“. Wenn jetzt die sogenannten verantwortlichen Stellen mit tiefem Ernst und hohem Verantwortungsbewußtsein wochenlang die Frage diskutieren, ob die Legalisierung einer Kompensationsquote von 3 v. H. der laufenden Produktion zugebilligt werden könne dürfe und-solle, und die Forderungen der „Wirtschaft“, die eine Quote von 5 v.H. für angemessen hält, mit Entrüstung zurückweisen, so ist es wahrhaftig schwer, darüber keine Satire zu schreiben.

Natürlich wissen, die Gewerkschaften genau, was gespielt wird, und die Betriebsräte sind – siehe den Fall der Konservenkompensationen – zumeist „mit von der Partie“. Es ist deshalb recht wirklichkeitsfremd gedacht, wenn der Wirtschaftsminister in Düsseldorf, Herr Professor Nölting, dadurch zu einer exakten Erfassung der Produktion kommen will, daß er kurzerhand anordnet: die laufenden statistischen Meldungen der Werke sollten von nun an durch die Betriebsräte „gegengezeichnet“ werden. So wird die Wahrheit über die produzierten Mengen wohl kaum ans Licht kommen...

Hier ist also der Punkt, von wo aus die Verordnung Professor Nöltings in erster Linie angegriffen werden sollte. Man kann auch gröberes Geschütz auffahren, (und man tut es bereits) in Form von „Rechtsgutachten“, ob eine solche Erweiterung der Funktionen der Betriebsräte gesetzlich überhaupt zulässig sei oder ob sie dem Betriebsrätegesetz widerspreche. Nur wird man freilich mit Gutachten nicht viel weiterkommen. Aber es gibt ja wohl auch im Lande Nordrhein-Westfalen eine Verwaltungsgerichtsbarkeit? Und außerdem gibt es in Düsseldorf ja wohl auch einen Landtag, in dem man, nach den Spielregeln der parlamentarischen Demokratie, sehr wohl die Vertrauensfrage stellen kann. Es wird also empfohlen, weniger zu diskutieren und dafür lieber einmal zu handeln.

Der Zement liegt auf der Straße

Planung geht seltsame Wege. Ein Beispiel für Hamburg und Schleswig-Holstein: Die „Inlandsproduktion“ an Zement, die wegen der kritischen Transportverhältnisse – keine Kohlenzufuhren – stark eingeschränkt werden mußte, reicht selbst für die wenigen noch als „genehmigt“ laufenden Bauvorhaben des Wirtschaftsgebiets nicht mehr aus. Nun wäre es also logisch, wenn alle Anstrengungen unternommen würden, die zugewiesene Kohle zu den Zementfabriken heranzubringen. Was aber geschieht?

Das Landeswirtschaftsamt chartert Lkw.-Raum, um „zunächst“ 200 t Zement aus Westfalen nach Hamburg zu bringen. Säcke sind nicht vorhanden. Also wird der Zement lose in die Lastautos geschüttet, und nun sieht man mit Interesse und Spannung dem weiteren Ablauf entgegen...