K. W., Berlin, im Juni

Fünf Länder hat die sowjetisch besetzte Zone Deutschlands: Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thuringen, Mecklenburg und Brandenburg. Seit einigen Wochen ist der sowjetische Sektor von Berlin auf dem Wege, das „sechste Land“ der Ostzone zu werden. Deutlich geworden ist diese einschneidende Entwicklung seit dem Befehl der sowjetischen Kommandantur von Berlin an den im Sowjetsektor stationierten Berliner Hauptmagistrat, die Lebensmittel- und anderen Lieferungen der Ostzone für Berlin strikt nur für den Sowjetsektor zu verteilen. Den Anlaß zu dieser Maßnahme bot nach einer Darstellung der russisch-offiziösen „Täglichen Rundschau“ das Vorgehen des Magistrats, die aus der Sowjetzone gelieferten Kartoffeln für ganz Berlin auszugeben, da die Kartoffellieferungen aus den anderen Zonen für die westlichen Sektoren sich verzögert hatten. Das ganze Problem Berlin wird an diesem Lebensmittelstreit aufs neue akut. Es gibt einen seit langem bestehenden Beschluß der aus der vier Mächten zusammengesetzten Alliierten Kommandantur, wonach die Versorgung Berlins gleichmäßig und ohne Bevorzugung einzelner Sektoren vor sich zu gehen hat. Als dieser Beschluß vor mehr als einem Jahre zustande kam, schien ein erster und für ganz Deutschland beispielhafter Schritt getan, um auf dem kleineren Modellraum von Berlin die Viermächtearbeit fruchtbar zu machen Vorher nämlich gingen durch Berlin mit den Marmeladen- und Schnapsgrenzen auch die größeren Grenzen der großen Mächte. In den letzten Monaten jedoch wuchs in steigendem Maße die Gepflogenheit der Sowjetbehörden, ihre Anordnungen für die Ostzone zugleich auch für den Sowjetsektor von Berlin verbindlich zu machen: Das begann bei der letzten Welle von Demontagen, die durch die Ostzone zog. Es betraf die Verschickungen von Spezialisten und Facharbeitern, die nach Rußland geholt wurden. Im Sowjetsektor blieb das System der Hausobleute wie in der russischen Zone trotz aller demokratisch vorgetragenen Wünsche der Bevölkerung in Kraft. Die im vorigen Spätherbst gewählten Spitzen der bezirklichen Volksvertretungen brauchten im Sowjetsektor viele Monate kostbarer Zeit, bevor sie in ihren Ämtern bestätigt wurden. Eine wachsende Anzahl von Rechtsvorschriften, die auf wirtschaftlichem Gebiet die Ostzone stetig und sicher in eine radikal andere Struktur verwandelten, fand Eingang in den Sowjetsektor von Berlin. Daß Schnapszuteilungen und gewisse Sondervergünstigungen durch die sowjetischen Behörden nur den russischen Sektor angingen, versteht sich schon am Rande. Die große Schrottbergungsaktion von zwei Millionen t Schrott, die eben die sowjetische Militärverwaltung angeordnet tat, verlangt vom russischen Sektor Berlins 400 000 Schrott. Die erste kümmerliche Gemüsesendung die Berlin erhielt, wurde für den Sowjetsektor ausgegeben.

Und hinter diese gewissermaßen „stille“ Entwicklung des sowjetischen Sektors zum eigenen Gebilde innerhalb der Stadt Berlin trat nun der Befehl der russischen Kommandantur, das elementarste dieses Sektors, nämlich den Magen, ganz vom übrigen Berlin abzutrennen. Eine solche Anordnung heute wiegt natürlich ungleich schwerer als in den ersten Monaten der Zusammenarbeit. Und wenn auch in den russisch lizenzierten Zeitungen kommentiert wird, daß diese Anordnung nur die Folge einer in Verzug geratenen Verpflichtung der Westmächte für Berlin sei, so ändert diese Erklärung nichts an der Tatsache, daß dieser Vorhang, der hier durch Berlin gezogen wird, um so deutlicher macht, wie sehr sich inzwischen der sowjetische Sektor Berlins dem Niveau und der Entwicklung der sich an ihn anschließenden Länder der Ostzone genähert hat.

Daß eine solche Entwicklung die Möglichkeit für eine deutsche Verwaltung oder gar Selbstbestimmung in Berlin immer ärger einschrumpfen läßt, ist evident. Auf den von den Sozialdemokraten -geführten Magistrat prasselt die ganze Paradoxie dieser Anordnungen und Gegenbefehle. Zum soundsovielten Male haben sich die Stadtverordneten jetzt besonders die Köpfe darüber heiß geredet, daß diese gefährliche Versteifung der Sektorengrenzen in Berlin jede Arbeit unmöglich und die Funktionen der deutschen Selbstverwaltung illusorisch mache. Rücktrittsdrohungen werden entsprechend von der triumphierenden SED als die Flucht an Unfähigkeit und in die Verantwortungslosigkeit in ihren vielen Berliner Blättern angeprangert.

In dieser Luft der äußersten Spannung wird nach der endlich vor sich gegangenen Genehmigung des Kontrollrats zum Rücktritt des Oberbürgermeisters Dr. Ostrowski die Wahl des neuen Oberbürgermeisten zur Zerreißprobe. Noch hat die SPD ihren Kandidaten nicht offiziell nominiert, aber schon präjudiziert die russisch-offiziöse „Tägliche Rundschau“ den „Fall Reuter“. Indem sie die wahrscheinliche Kandidatur des aus der Türkei nach Berlin zurückgekehrten jetzigen Stadtrats Reuter als untragbar für die Sowjetunion hinstellt, wünscht sie offensichtlich der sicheren Tatsache vorzugreifen, daß dieser Kommunalfachmann der SPD, für den die große Mehrheit auch der anderen Parteien sicher ist, Oberbürgermeister wird. Solchermaßen wird das Berlin-Problem zur permanenten Berlin-Krise erweitert.