Außenminister Marshall hat in einer Rede an der Universität Harvard die europäischen Nationen aufgefordert, ein gemeinsames Programm für den Wiederaufbau ihrer Wirtschaft auszuarbeiten, auf Grund dessen die amerikanische Hilfe; sachgemäß und wirkungsvoll einsetzen könne. Großzügige Hilfe sei in den nächsten drei oder vier Jahren erforderlich, wenn Europa nicht politisch, wirtschaftlich und sozial zusammenbrachen solle. Es sei aber nicht Sache der amerikanischen ’Regierung, ein solches Programm zu entwerfen; die Initiative müsse von Europa ausgehen. Amerika könne nichts weiter tun, als bei seiner Ausarbei-, tung zu helfen und seine spätere- Ausführung, soweit es in seiner Macht stehe, zu unterstützen.

Die Rede hat in der ausländischen Presse und in politischen Kreisen Washingtons und Londons Aufsehen erregt. Man hat sie mit der Verkündung der Truman-Doktrin vom März dieses Jahres in einem Atem genannt, man hat auch den „Marshall-Plan“ mit dem Pachtleihabkommen von Roosevelt verglichen, ja ihn noch .darübergestellt, da dieses nur gedacht war, den durch den Krieg hervorgerufenen Notstand des Augenblicks zu überwinden, während Marshalls Idee eine konstruktive Lösung für die Zukunft bedeute.

Vorschläge, die europäischen Länder Wirtschaftlich oder politisch zu vereinen, sind in letzter Zeit viel gemacht worden.. Sie alle sind bisher nicht weiter gediehen. Psychologische, politische und wirtschaftliche Gründe sind hierfür maßgebend gewesen! Viele Trennungslinien laufen heute durch Europa. Seine Völker sind geteilt in Sieger, Besiegte und Neutrale. Der „Eiserne Vorhang“ trennt Osten und Westen. Die Wohlhabenden fürchten, durch Verbindung mit den Notleidenden in den Niedergang hineingezogen. zu werden; die Währungssstarken kapseln sich ab gegenüber den Währungsschwachen. Auch durch die einzelnen Nationen. selber gehen trennende Risse; die nichtkommunistischen Parteien sind beunruhigt durch die Aktivität der Kommunisten. So dürfte es schwerer sein, die europäischen Nationen auf ein gemeinsames Ziel zu vereinigen, als einen Zusammenhalt in dem von religiösen Leidenschaften zerrissenen Indien herbeizuführen.

Eines aber, ist vorhanden, was alle Völker Europas einigen könnte. Sie brauchen Einfahren aus Amerika, und sie verfügen nicht über die Dollarmillionen, um sie zu bezahlen: Dadurch ist Amerika in der Lage, die gleiche Schock-Therapie anzuwenden, von der England Indien gegenüber erfolgreich Gebrauch, gemacht hat. Marshall hat Europa Hilfe in Aussicht gestellt und ihm selber, die Initiative: zugeschoben, die Voraussetzung für diese Hilfe durch einen wirtschaftlichen Zusammenschluß zu schaffen. Den europäischen Nationen ist dabei volle Freiheit gelassen. Der Kreis derer, die an der Vereinigung teilzunehmen wünschen, ist nicht beschränkt. „Unsere Politik, ist nicht gegen. irgendein Land oder irgendeine Lehre gerichtet“, sagte Marshall. Nur „Regierungen, politische Parteien und Gruppen, die versuchen, die menschliche Not zu verewigen, um politischen oder anderen Nutzen daraus zu ziehen, werden die Gegnerschaft der Vereinigten Staaten herausfordern“; So wäre, von Amerika her gesehen, der Weg frei, um eine wirtschaftliche Vereinigung europäischer Länder ins Leben zu rufen.

Einen Ansatzpunkt hierzu könnte der englischfranzösische Bündnisvertrag bilden, der bereits Bestimmungen über eine wirtschaftliche Zusammenarbeit enthält. Damit würde die Führung Von selbst an Großbritannien und Frankreich fallen. In diesem Zusammenhang ist es besonders wichtig, daß England zur Zeit Wirtschaftsverhandlungen mit der Sowjetunion führt, womit von vornherein der Verdacht gemildert würde, daß die neue europäische Vereinigung sich gegen Rußland richte. Einen weiteren Ansatzpunkt könnte man in dem Europa-Wirtschaftsausschuß der UNO erblicken. Zweifellos sind auch hier für die englische wie für die französische Politik große Möglichkeiten gegeben.

Von Deutschland ist in der Marshall-Erklärung nur im Hinblick, auf den Friedensvertrag die Rede gewesen, dessen Verzögerung dem Wiederaufbau Europas hemmend im Wege stehe. Wir können auch bei dieser politischen Entwicklung, genau wie sonst, nichts anderes tun, als geduldig darauf warten, daß die natürliche Entwicklung uns eines Tages ins Spiel bringen wird. Daß wir bereit wären, jeden vernünftigen Beitrag zu leisten, denman von uns fordern könnte, ist allen Mächten bekannt. Tgl