Ein junger deutscher Soldat, Gerhard Boldt, der Anfang Februar 1945 zunächst als Ordonnanzoffizier beim Chef des deutschen Generalstabes, General Guderian, und später bei General Krebs an den täglichen Lagebesprechungen in der Reichskanzlei teilnahm, wurde nicht allein Zeuge der letzten Kämpfe um Berlin, sondern auch unmittelbarer Beobachter jener – Vorgänge des Zerfallens, dem die propagandistisch so aufgeblähte Scheinmacht Hitlers unaufhaltbar zueilte. Er sah und hörte Hitler mit der unbefangenen Neugier eines natürlichen, von allem fadenscheinigen, trümmerumgebenen Glanz nicht geblendeten jungen Menschen. So konnten seine Eindrücke unverfälscht bleiben, die er von dem Gebaren der Kamarilla um Hitler bis zu dessen Ende aufnahm. Daß er „historische Stunden“ miterlebt hatte, wurde ihm wohl erst im vollen Umfange klar, als er nach seiner Verhaftung im Januar 1946 durch die Engländer vernommen wurde. In einigem Abstand zu jenen verwirrenden Ereignissen schrieb er seine Eindrücke und Erlebnisse nieder. Diese Aufzeichnungen, die unter dem Titel „Die letzten Tage“ im Rowohlt-Verlag, Hamburg und Stuttgart, erschienen sind und denen wir die nachstehenden Abschnitte entnehmen, sind ein realistisches Zeugnis für die schuldbeladene Atmosphäre, die beim Ende des Nazismus besonders deutlich in Erscheinung trat.

Im Südwesten der Stadt war der Russe um 8 Uhr nach starkem Artilleriefeuer am – Teltowkanal zwischen Dreilinden und Teltow zum Angriff angetreten. Unser Verteidigungssystem war wieder sehr schnell überrannt worden. Die Stadtteile Machnow, Zehlendorf, Schlachtensee und Dahlem waren bis zum Abend in Feindeshand. Da die Meldungen aus den verschiedenen Stadtteilen immer unzuverlässiger und widersprechender wurden, gingen wir dazu über, uns aus erster Hand ein Bild von der Lage zu verschaffen. Das noch einigermaßen intakte Telefonnetz der Stadt Berlin wurde für diesen Zweck eingespannt. Wir riefen einfach die Nummern von Bekannten in den umkämpften Straßen und Stadtteilen an oder wählten aufs Geratewohl aus dem Telefonbuch geeignete Adressen und Nummern. Diese für die oberste deutsche Heerführung reichlich primitive Form der Rekognoszierung zeitigte auch, tatsächlich den gewünschten Erfolg. „Sagen Sie, gnädige Frau, waren die Russen schon bei Ihnen?“

In den Morgenstunden des 26. April traf ein Funkspruch von Reichsmarschall Göring aus dem Süden des Reiches ein. Der Inhalt war folgender: „Da Sie, mein Führer, mich im Jahre 1939 auf Grund eines Reichserlasses zu Ihrem Nachfolger bestimmten für den Fall, daß Sie, mein Führer, außerstande sein würden, die Regierungsgeschäfte selbst zu führen-, halte ich den Zeitpunkt jetzt für gekommen, die Regierungsgeschäfte zu überlehnten. Falls ich bis zum 26. April, 24 Uhr. keine gegenteilige Antwort erhalten haben sollte, sehe ich dieses als ihr Einverständnis an.“

Diese Nachricht traf Hitler wie ein Keulenschlag. Er weinte zuerst wie ein Kind, dann tobte er wie ein Besessener. Das war in seinen Augen ein unerhörter Treuebruch. Außerdem betrachtete er das Telegramm als ein Ultimatum; was Göring jedoch später bei den Gerichtsverhandlungen in Nürnberg entschieden bestritt. Die Empörung Hitlers teilte sich dem ganzen Bunker mit. Auch Goebbels kochte for Wut und machte seinen Gefühlen in einem theatralischen Wortschwall Luft, hinter dessen geschwollenen Phrasen, von Ehre, Treue, Tod, Blut, Ehre, Sie, mein Führer, Ihnen, mein Führer, und nochmals Ehre sich nur schlecht der Neid zu verbergen schien, daß Göring, wie er wohl annahm, im Begriff stand, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Bormann ließ, sich ebenfalls die Gelegenheit nicht entgehen, die aufflammende Leidenschaft Hitlers zu schüren. Hitler befahl die sofortige Festnahme Görings durch die Gestapo. ‚Man werfe ihn in die Festung Kufstein“, schrie er. Ein Geheimbefehl. folgte. Für den Fall, daß er, Hitler, den Krieg nicht überstehen würde, sollte Göring ermordet werden.

Die Meldungen aus der Stadt werden immer erschütternder. Fast acht Tage hausen die Berliner Frauen, Kinder, Greise, Kranke, Verwundete, Solisten nun schon ohne Unterbrechung in ihren Kellern im Innern der Stadt. Der Durst ist noch schlimmer als der Hunger. Seit Tagen gibt es kein Wasser. Dazu dauernde Brände und Rauch, der in die Keller dringt, und eine sengende Aprilsonne. Die Krankenhäuser, Lazarette und bombensicheren Bunker sind schon längst mit Verwundeten übereilt. In den Schächten und Bahnhöfen der U-Bahn, und S-Bahn liegen Hunderttausende verwundeter Soldaten und Zivilisten.

Noch einmal schöpften die Bunkerinsassen Hoffnung. Um 10. 30 Uhr wurde der erste Funkspruch der Armee Wenk aufgefangen. Ihre Spitzen hatten südwestlich von Potsdam den Ort Ferch am Schwilowsee erreicht. Damit war die Verbindung zu dem noch in Potsdam kämpfenden Korps des Generals Reimann hergestellt. Als Wenk am Abend noch nicht weitergekommen war und hur von schweren Abwehrkämpfen berichten konnte, wurde den meisten klar, daß er viel zu schwach war, um sich noch bis zur Reichskanzlei durchzuschlagen. Die Stimmung schlug ins Gegenteil um, und viele waren der Verzweiflung nahe.

Hitler stand auf, und wir folgten ihm in den Lagebunker. Ungeachtet des Ausbleibens weiterer Erfolgsmeldungen griff er noch einmal nach dem Strohhalm, als den er das Vordringen Wenks bis Ferch erblickte/ Ohne Rücksicht auf die Hungernden, Durstenden und Sterbenden der Stadt will er den Kampf wieder hinauszögern. Und nun kommt der unmenschlichste aller seiner Befehle: Da die Russen unsere Front wiederholt dadurch aufgerollt hatten, daß sie, durch die U-Bahn- und S-Bahn-Schächte vorstoßend, in den Rücken unserer Soldaten gelangt waren, befiehlt er, die Schleusen der Spree zu öffnen und die südlich der Reichskanzlei gelegenen Schächte der S-Bahn zu fluten. In diesen Schächten liegen noch Tausende von Verwundeten. Aber ihr Leben spielt für ihn keine Rolle. Sie mußten alle elendiglich ertrinken.