Czystka“ heißt Säuberungsaktion, und wurde zum gefürchteten Begriff einer ganzen Ära der sowjetischen Geschichte. In den -Jahren der großen Schauprozesse gegen Sinowjew und Kamenew, oder den Tagen der Erschießung eines Marschalle Tuchatschewski zitterte alles in Rußland bei dem Gedanken, in den Sog einer Czystka mit hineingerissen zu werden, Zeiten der Czystka machten für den sowjetischen Diplomaten die Rüdeberufung zwecks Berichterstattung nach Moskau zu einem Ereignis des Schreckens. Rückberufung nach Moskau, das konnte Verhaftung bedeuten, konnte die Verwicklung in eine jener unzähligen Aktionen bringen, mit denen das Regime sich unbequemer. Leute entledigte. Niemand, der als Auslandskorrespondent im letzten Jahrzehnt vor dem Kriege in auswärtigen Hauptstädten gelebt hat, wird die Bestürzung vergessen, mit der in den Kreisen des sowjetischen diplomatischen Korps dieser in anderen Ländern so harmlose Befehl zur Rückkehr zwecks Berichterstattung aufgenommen zu werden pflegte. Was sich heute in Ungarn abspielt, drängt den Vergleich geradezu auf. Sowohl ihrem inneren Wesen, wie ihrem äußeren Ablauf nach, erinnern die ungarischen Ereignisse an die östliche Czystka.

Das erste Opfer war Ministerpräsident Nagy. Er wurde belastet durch angebliche Aussagen des Abgeordneten Kovacs, den die Russen verhaftet hatten. Nach den Angaben, die Nagy in seinem Interview vor Pressevertretern gemacht hat, verdankt er den Wink, in die Schweiz zu gehen, dem Staatspräsidenten Tildy selbst, der sich für seine Sicherheit nicht mehr verbürgen zu können glaubte. Auch die fast abenteuerlich anmutende Erstellung, daß Nagy durch den starken Mann der Linken, den kommunistischen Innenminister Rakosi vor die Wahl gestellt worden sei, seinen fünfjährigen Sohn nur gegen die gleichzeitige Übergabe seiner Rücktrittserklärung an der Grenze in der Schweiz in Empfang nehmen zu können, ist im Zeitalter der Sippenhaftung autoritärer Regime glaubwürdig. Sollte es sich bestätigen, daß Nagy sich mit dem Gedanken einer Exilregierung trägt, so würde, das sehr weitreichende außenpolitische Folgen haben können. Inzwischen ging das Drama weiter. Die ungarischen Gesandten in Bern, Washington, Paris und Ankara haben die befohlene Rückkehr nach Budapest. verweigert. Der Gesandte in Rom soll, Auslandsmeldungen zufolge, die Aufforderung, unter Dinnyes das Außenministerium zu übernehmen, abgelehnt haben und offenbar gleichfalls nicht zur Rückkehr nach Budapest geneigt sein. In Ungarn selbst vervollständigt sich das Bild einer Czystka durch den Beschluß der unter kommunistischen Druck gesetzten Klein-Landwirte-Partei, einen Sonderausschuß, zur Säuberung der Partei einzusetzen. Varga, Sprecher, der Nationalversammlung und Präsident derKlein-Landwirte-Fraktion ist auf der Flucht in Österreich. Nyaragy, der zur Zeit als Finanzminister, in Moskau über die Frage der deutschen Guthaben verhandelt, gilt als bedroht, mit ihm Koevag der Bürgermeister von Budapest Die Regierang Dinnyes hat angekündigt, eine Säuberung auch des diplomatischen Dienstes vorzunehmen. Bewaffnete Polizei hat, dem „Wiener Kurier zufolge, am letzten Mittwoch alle Regierungsgebäude besetzt und zahlreiche Verhaftete aus der Stadt bei der Politischen Polizei eingeliefert.

So hat der Widerstand der Klein-Landwirte-Partei gegen die von der äußersten Linken geforderte Verstaatlichung der Banken den Kommunisten offensichtlich das Stichwort gegeben, um in der Rolle eines, Anklägers, gestützt auf die Aussagen des in russischer Haft befindlichen Kovacs, die innenpolitischen Machtverhältnisse staatsstreichähnlich zu ändern. Die Sowjets selbst haben sich hierbei um ein Alibi kaum bemüht. Die amerikanische Antwort ist nicht ausgeblieben. Der sowjetische Vorsitzende des Kontrollrat“ für Ungarn, General Swiridow, ist durch die USA-Regierung aufgefordert worden, die Unterlagen des Falles Nagy vorzulegen. Er hat diese Forderung, bereits abgelehnt, da das in russischer Hand befindliche Original unentbehrlich, das Duplikat der Unterlagen aber bereits in den Händen der ungarischen Polizei sei. Gleichzeitig wurden den Ungarn die Abrufungen aus dem 30-Millionen-Dollarkredit gesperrt und über die etwaige Sperrung des zusätzlichen Baumwollkredits von sieben Millionen Dollar wird noch entschieden werben. Den ungarischen Luftfahrtsgesellschaften ist das Überfliegen der amerikanischen Besatzungszone Deutschlands und Österreichs verboten worden, nachdem Ungarn sich zwei Jahre lang geweigert habe, der amerikanischen Luftfahrt die geforderten Rechte zuzugestehen. Präsident Truman hat die Vorgänge in Ungarn, als eine Gewalttat bezeichnet, der die Vereinigten Staaten nicht untätig zusehen würden, und das State Departement beschäftigt sich mit der Anregung Vandenbergs, den Fall Ungarn vor die UNO zu bringen, deren Satzung genügend Handhaben biete, sich mit einem Staatsstreich, zu befassen, der, wie Vandenberg es ausdrückte. „Ungarn auf den Status eines Satelliten der Sowjetunion reduzieren würde“, Auf jeden Fall ist in Ungarn wenige Monate nach Verkündung der Truman-Doktrin ein Brennpunkt entstanden, in dem sich, die Linien kommunistischsowjetischen Vordringens und westlich-demokratischer Interessen kreuzen. H. A. v. Dz.