Von Rudolf Laun Mit der Überschrift: „Friedensbüro an der Universität Hamburg“ bringt „Die Neue Zeitung“, München, vom 23. Mai auf ihrer, ersten Seite, gestützt, auf eine Nachricht der Associated Press, einen Artikel, der mit den folgenden beiden Sätzen beginnt: „Der Hamburger Völkerrechtler Professor Dr. Rudolf Laun hat an der Universität ein Friedensbüro errichtet, nachdem die Ministerpräsidenten der britischen Zone die Schaffung. eines solchen Büros – wie es in der US-Zone bereits besteht – abgelehnt haben. Dr. Laun erklärte, die Völkerrechtler bemühten sich zur Zeit, durch ihre Arbeit in gewissem Sinne Ersatz für das fehlende deutsche – Außenministerium zu schaffen.“ Ein dritter. Satz teilt dann mit, daß im Juni auf Einladung der Auslandskommission der Universität Hamburg zwei Herren des ehemaligen auswärtigen Dienstes Vorträge halten werden. Der ganze Rest des Artikels behandelt ausschließlich die Stellungnahme des-Antifa-Blode-Ausschusses der Sowjetzone zur Moskauer Konferenz und enthält kein Wort weiter über Hamburg, die Universität, das Friedensbüro oder mich, aber dies ganze steht unter der zitierten Überschrift.

Ich danke zunächst dafür, daß man mir so vieldiplomatische Kunst zutraut. Es wäre ja wirklich allerhand, wenn ein einfacher Professor eine ganze Universität mobilgemacht hätte, um sich gegen vier deutsche Ministerpräsidenten und vier siegreiche Großmächte aufzulehnen. Leider kann ich das Kompliment nicht annehmen. Allen Lesern aber, die sich nun gern über mich entrüsten möchten, muß ich eine Enttäuschung bereiten. Ich bitte sie sehr um Entschuldigung, aber die Welt der wirklichen Tatsachen ist im Vergleich mit jener schönen romantischen Erzählung schrecklich nüchtern.

Ein Friedensbüro an der Universität Hamburg existiert nicht. Vielmehr hat die Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät der Universität bereits in ihrer Sitzung vom 7. August 1946 beschlossen, eine Forschungsstelle für ausländisches öffentliches Recht zu gründen, welche die Bibliothek und die Materialien anderer Institute übernehmen sollte. Bald darauf wurde der Tätigkeitsbereich dieses geplanten Instituts auch auf Völkerrecht ausgedehnt. Die „Forschungsstelle für Völkerrecht und ausländisches öffentliches Recht“ besteht seit 18. November 1946 und hat mit dem vermeintlichen Beschluß der Ministerpräsidenten vom April 1947 nichts zu tun. Ihre Aufgabe ist lediglich Materialsammlung und Ermöglichung wissenschaftlicher Forschung.

Von irgendwelchen Beziehungen der Forschungsstelle zu politischen Ausschüssen der Sowjet- oder ... irgendeiner anderen Zone oder gar zum Ausland istkeine Spur. Die Äußerung, daß Völkerrechtler Ersatz für das fehlende Außenministerium schaffen wollen, habe ich niemals gemacht da sie unsinnig wäre. Selbstverständlich können alle Völkerrechtslehrer, wenn sie wollen, Material sammeln, sei es privat, sei es in den Seminaren und Instituten ihrer Universitäten. Aber ein Außenamt hat doch bekanntlich in der Hauptsache ganz anderes zu tun, als bloß Material zu sammeln.

Diplomaten und Völkerrechtslehrer müssen beide das gegebene positive Völkerrecht auslegen. Soweit gehen sie gemeinsame Wege. Aber das ist doch nur ein Teil ihrer Tätigkeit Beide wollen mehr. DieWissenschaft will neue allgemeingültige Wahrheiten finden im internationalen Interesse der ganzen Menschheit, der Diplomat Will neue Tatsachen schaffen im nationalen Interesse seines Staates. Der Gelehrte kann seiner Zeit unter Umständen, weitund bahnbrechend vorauseilen, aber nur in Gedankengebäuden. Die Diplomatie ist die Kunst desheute Möglichen, praktisch Erreichbaren, aber dieses muß sie in Wirklichkeit umsetzen, sonst ist sie zwecklos.

Die Rechtswissenschaft .muß, wenn sie sich nicht mit der Rolle des Interpreten und Sklaven des positiven Rechtes, auch des miserabelsten Vertrages, begnügen will, nach einer allgemeingültigen Rechtsidee, nach der sogenannten-Gerechtigkeit suchen. Nun findet im allgemeinen jeder Staat, jede politische Partei die eigene Sache für gerecht. Meines Erachtens kann aber nie die Gewalt entscheiden, was gerecht sei, denn Gewalt und Gerechtigkeit sind zweierlei. Wenn es überhaupt eine Entscheidung in der Erfahrungswelt darüber gibt, was „gerecht“ist, so kann der höchste Richter nur dasjenige sein, was die Haager Landkriegsordnung die conscience publique, das öffentliche Gewissen, nennt und was ich einmal in einer 1933 in Barcelona gedruckten Preisschrift das Weltgewissen genannt habe, nämlich das Rechtsgefühl der großen Mehrheit der zivilisierten Menschen, vorausgesetzt, daß sie die wahren Tatsachen kennen.

Es wäre ja sehr schön, wenn der diplomatische Kampf zwischen den Staaten ausschließlich ein Kampf um, die Gerechtigkeitsidee und ihre Forderungen im einzelnen wäre. Dann wären Sieger, Neutrale und Besiegte einander, vollständig gleich, denn die Gewalt, daher auch die Niederlage und ’bedingungslose Kapitulation Deutschlands, wären dann für den Inhalt dessen, was als allgemeingültiggerecht erkannt würde, belanglos. Insbesondere das wahrhaft linksstehende, wahrhaft demokratische Deutschland, das Deutschland der Weimarer Republik, des einzigen im wesentlichen nicht imperialistischen Großstaates der Weltgeschichte, stünde ganz anders da als heute in der ihm unverdient aufgezwungenen Rolle des überwältigten und in ein riesiges Konzentrationslager gesperrten Verbrechers. Staatenkonferenzen wären, wissenschaftliche Kongresse, auf denen nicht augenblickliche Machtkompromisse geboren würden, die vielleicht bei der Erfindung der nächsten Waffe in die Brüche gehen, sondern weittragende Ideen, die allen Menschen nützen wollen. Was allgemeingültige Gerechtigkeit bedeutet, kann man sich am besten klarmachen, indem man sich vorstellt, jeder Staat verführe mit unbequemen nationalen, sozialen, parteipolitischen Minderheiten so, wie in Polen Ostdeutschland und der Tschechoslowakei mit der eingeborenen. Bevölkerung deutscher Muttersprache verfahren worden, ist.