Mit dem Namen des Malers Nay sind seit vielenJahrendie geheimen Hoffnungen jener verbunden, die von der jungen deutschen Malerei eine Aussage erwarten. Nay ist also einer bestimmten Schicht von Menschen – nämlich jenen „uomini di buona volonta“ – kein Unbekannter. Vor 1933 galt er als die große Hoffnung einer kommenden Malerei. Nach 1933 verschwand er im Untergrund. Man sah nur da und dort seine blassen, großen Aquarelle aus Norwegen. Man wußte, Nay war bei Munch. Dann kam der Krieg und die Nachricht, Nay sei Soldat. Gelegentlich sah man,wie in der Erregung vor dem zu erwartenden Untergang notiert, fast abstrakt wirkende Aquarelle aus Frankreich. Als dann alles über uns zusammenbrach, stand im Wirbel des Schreckens und der Sorge auch die Frage auf, ob Nay wohl leben mochte. War doch schon der Bildhauer Blumenthal, die Hoffnung der jungen Bildhauerei, in Rußland gefallen. Nun, Nay lebt und tritt heute mit jener Aussage hervor, auf die wir gewartet haben. Eine Ausstellung, die auch seine letzten Arbeiten umfaßt, wird jetzt in der Kunsthalle zu Hamburg veranstaltet. Ölbilder, Guaschzeichnungen. Eine ungewöhnliche Arbeitsleistung der letzten Jahre!

Wie aber lautet Nays Aussage? – Seine Malerei ist ungegenständlich, Ihre Realisation liegt hinter dem Gegenstand und hinter der Sensation des Sichtbaren, das heißt: sie schreitet durch die Schicht des Sichtbaren hindurch in eine subtil erhöhte Welt formaler Gleichnisse.Sie bildet formale, lyrische Metaphern. Sie erhöht die Eindrücke des Sichtbaren in das Legendäre. Alle seine Bilder nehmen ihren Ausgang von einem Betroffensein vor malerischen Ereignissen in der Welt des Sichtbaren, vor der Landschaft, vor Menschen in der Natur, vor Figuren; von einem Erschrecken vor der in denErscheinungen wirkenden Schönheit.Zu dieser Schönheit wie auch zu der von ihr hervorgerufenen Erregung suchen die bildnerische Phantasie und der bildnerische Intellekt die Metapher in der Welt der Form. Die Schilderung des Gegenstandes würde dazu nicht ausreichen, da an ihm sich nur das Besondere, der Einzelfall, die an ihm wirkende zufällige Schönheit darstellt. Die Malerei Nays will aber mehr. Aus der Schönheit des Gegenstandes soll etwas Allgemeines entstehen, ein weitreichendes Gleichnis, eine Legende – das scheint mir das beste Wort –, eine Legende, die viele Erfahrungen und Gesichte, viel Zufall und Offenbarung, – viel Traum und viel Seh-Erfahrung vereint und zum „Bilde“ macht: in der gleichen Weise sind aus den Erinnerungen, den Erlebnissen und dem persönlichen Erschrecken, unter solchen Einwirkungen sind der Menschheit die Figuren und Kreise der Sagen und Legenden entstanden. So bildet die Welt um Nay eine Art persönlichen Sagenkreis, und die Bilder sind die Legenden, die sich dem Künstler aus den Ereignissen der Welt ergeben. – Ich möchte diese Malerei nicht ,,abstrakt“ nennen, obwohl das „Vokabular“ abstrakt ist: Nay sieht einen Mann auf der Leiter im Apfelbaum, und daraus entsteht in intensivem Formen, Denken und Fühlen, die alte Metapher der „Jakobsleiter“, über die der Mensch, glückhaft mit Gott kommunitiert. Nay sieht ein Mädchen mit blonden Haaren und erfindet in Farbe undForm eine eigene Legende dazu, die das einzelne Mädchen gar nicht mehr meint, sondern die in der autonomen Welt der Form und der Farbe sich ausdrückende entsprechende Metapher, Diese Legenden erscheinen Nay zugehörig zu seinem eigenen persönlichen Sagenkreis.

Zur malerischen, sozusagen technischen Bewältigung der Legenden hat Nay keine Malerfahrung der Moderne außer acht gelassen. Seine Malerei steht keineswegs außerhalb der Kontinuität des modernen Geistes. Es sind dieMöglichkeitender Farbe Noldes, deren sich der kühl ordnende Geist Nays bemächtigt hat; es ist die intensive Aussagekraft der FormhieroglyphenKirchners, diezu verarbeiten waren; es sind die blühenden Legenden Mackes, dieNay als einer der ganz wenigen auf einer höchsten Stufe nicht nur intuitiver, sondern auch kritischer Erkenntnis wirklichbegriffen hat. In dieser Höhenlage steht die Malerei Nays eingebunden in das überpersönliche Wirken der geistigen Kontinuität der Moderne.

Das Bewußtsein der Menschen ist heute in allen seinen Bereichen bereit, die Welt als Metapher zu empfinden. Es bleibt uns nicht anderes übrig, nachdem die Physik die Paradoxie unseres Weltbildes – gesehen von den Grenzen unseres menschlichen Erkenntnisvermögens – überhaupt gefunden hat;nachdem Grund- und Methode unserer Philosophie, durch die Erkenntnisse der Naturwissenschaften zweifelhaft geworden, nachdem eine moderne Theologie die Paradoxie Gottes – menschlich gesprochen: – entdeckte und beschrieb und nachdem die moderne Biologie die Wirklichkeit der Welt in die Unwirklichkeit der „Umwelt“ auflöste. Die Wirklichkeit verliert ihre Realität – welche Paradoxie! – und erscheint als Reflex im Menschen, als „Bild“, an einer als Legende gefühlten Realität. Dies auch mag wohl heute die Anschauungsbasis der Künstler sein. Nay, der Maler, hat also an jener großen Anstrengung teil, die aus den Erfahrungen des modernen Geistes heute ein neues Menschheitsbild und Weltbild zu entwickeln sucht, jener Anstrengung, die die Menschen guten Willens zu dieser Atempause nötigte, in der die Kräfte des Überganges und des Chaos in das deutsche Leben haben einbrechen können. Diese Atempause ist vielleicht heute zu Ende undder Einsatz der Menschenguten Willens möglich. Nay, der Maler, hat damit begonnen: Nay – homo bonae voluntatis!

Werner Haftmann