Von Marion Dönhoff

Zum drittenmal sind jenseits der Weichsel die Wiesen und Wälder grün geworden, und in manchen Gärten mögen ein paar vergessene Blumen undSträucher blühen: Sicherhaben dieStörche ihre Nester wieder bezogen oder auf den Ruinen verwaister Gehöfte neue gebaut. Der Balzruf der Kraniche in den Brüchen ist wieder verstummt, und längst sind Schwäne und Wildgänse weiter gen Norden gezogen. Für sie alle gibt es keine Grenzen. Der Hihimel ist ihnen immer der gleiche und auch das Land, ob die Felder nun Saat oder Disteln tragen. Sie fragen nicht danach, wer die Seen, Wälder und Flußniederungen von Afrika bis hinauf nach Skandinavien beherrscht und regiert – sie sind überall daheim. Man muß wohl zu der Spezie „Krone der Schöpfung“ mit dem Attribut „vernunft-begabt“ gehören, um diese glückliche ungeteilte Welt zerstören zu können.

Ja die Störche, die nisten nun wieder auf dem Dach der alten Scheune am Teich, und Barbarossa – so nannten wir den Alten, der an einer extravaganten rotbraunen Halskrause kenntlich war und jedes Jahr getreulich wieder zurückkehrte – steht vermutlich in der Abendsonne auf dem Dachfirst und lauscht wohlgefällig dem Spektakel der Frösche. Wahrscheinlich ist er der einzige, der die Heimat noch mit den gleichen Augen der Liebe anschaut; den wenigen Menschen, die heute noch dort sind, wird sie nur noch Gefängnis und Fronbedeuten. –

Ein einziger Brief kam von dort oben. Es war die erste und letzte Nachricht aus dem verlorenen Paradies. – Folgendes stand in ihm:

„Damals, als die Russen kamen, es war ein Dienstag, brannte es an vielen Stellen im Dorf. Als erste wurden die beiden Gespannführer, der alte Gärtner und Otto erschossen und auch Frau Markus von der Klingel“.

Frau Markus, die brave, sie wohnte neben der „Klingel“, mit der der Kämmerer zur Arbeit läutete. Sie war die Frau von dem etwas einfältigen Postfahrer. Sie kam zuweilen, wenn in der Küche Aushilfe gebraucht wurde, allerdings nur, sofern Tag und Stunde nicht gegen ihre Lebensprinzipien verstießen: Am Donnerstag durfte man kein Werk beginnen, am Sonnabendabend, der stets Heiligabend hieß, nicht arbeiten, zwischen Weihnachten und Neujahr keine Wäsche waschen und dergleichen mehr.

In dem Brief steht weiter: „Ein paar Tage später wurde dann Magda Bohaim, Lotte Plitt mit Kind und die Oma Platt erschossen und in Wittgirren fünf Arbeiter vom Gut und die Frau vom Förster Schmidt; die aber erst nach acht Tagen starb und sich sehr hat quälen müssen. Der alte Plitt hat sich damals erhängt. Im Februar gingen dann die Abtransporte nach dem Ural los. Mein Mann war auch dabei, ebenso der Krugwirt Dreier und seine Tochter Ulla, die beiden; Töchter vom Stellmacher, Frau Jung, Frau Krüschmann, Frau Oltermann, die vier Marx’schen Mädels, Christel und Hertha Heinze und die Töchter vom Schmied. Ich erhielt vor ein paar Monaten durch Karl Marx, der mit ihnen zusammen ging, die Nachricht, daß mein Mann und die meisten anderen im Ural gestorben sind. Sie sehen, wie der Tod in unserem Dörfchen gehaust hat. Zuerst all die Jungens an der Front und nun die Alten und sogar die Mädchen.“