Als die Gäste von nah und fern auf Einladung der Stadt Düsseldorf einem Empfang in dem von frühlingshafter Parklandschaft umgebenen Sommerschloß Benrath Folge leisteten, fingen sie etwas von dem genius loci der durch viele berühmte Namen der Vergangenheit geweihten heiteren Stätte ein, trotz der Not der Gegenwart, der zeitbedingten einfachen Gastlichkeit und der ernsten, um die Kulturverantwortung kreisenden Begrüßungsworte des Düsseldorfer Oberbürgermeisters Arnold. Dann aber tanzte im Kuppelsaal das von Hamburg herübergekommene Ballett der Staatsoper Händel, Dvořak und Strauß – und die festliche Repräsentation in dieser Stunde war vollkommen: der Anfang der 102. Musiktage, die seit rund 130 Jahren abwechselnd in Köln, Aachen und Düsseldorf veranstaltet werden.

Zwischen Traditionsbewahrung und zeitaufgeschlossenem Fortschritt hat sich immer die Geschichte der Niederrheinischen Musikfeste bewegt. Und die junge Dirigenten-Generation der rheinischen Großstädte bekennt sich auch heute zu beidem. Sie ist begabt, und hat einen gesunden Ehrgeiz, der sich mit leichten Konzert-Erfolgen auf überliefertem Boden nicht begnügt. Zwischen Handels Concerto grosso Nr. 5 und Beethovens „Die Weihe des Hauses“ bei der festlichen Eröffnung und einer eindrucksvollen Wiedergabe, der „Missa. solemnis“ am Ende der Tage gab es, eine reiche Folge musikalischer Aufführungen aus drei Jahrhunderten Bedeutungsvoll aber war vor allem die Auseinandersetzung mit der künstlerischen Gegenwart, die ja einmal zur Klärung des Begriffs „Moderne Musik“ führen muß. Seit der Düsseldorfer Aufführung der Mathis-Oper hat man hier einiges mehr von Hindemith und seinem Schaffen im erzwungenen Exil gehört – Köln brachte unlängst eine Wiedergabe seines Klavier-Variationenwerkes „Die vier Temperamente“ unter Günther Wand – und was man dazu in Düsseldorf erfuhr, ist geeignet, den einstmaligen „Bürgerschreck“ endgültig beiseite zu tun und sich voll und ganz zu dieser – gewandelten Musik zu bekennen, die nicht nur zu den alten Anhängern Hindemiths, sondern auch zu den Skeptikern und zu der großen Zahl der „uneingeweihten“ Besucher des Musikfestes eine unmittelbare Brücke schlug. Dieses Ergebnis ist allerdings überraschend nur für den, der bestimmt festgelegte Begriffe der modernen und speziell.der Hindemithschen Musik mit sich herumträgt. Denn diese Musik mußte einmal, wenn sie über die spekulative Tendenz der Zwischenstationen hinauskommen wollte, zu einem befreienden Ausdruck, einer auch dem normalen Hörer verständlichen künstlerischen Aussage gelangen. Wie schon bemerkt; die Mathis-Oper – also noch die Zeit vor dem Weggang des Künstlers aus Deutschland – bezeichnet (wenn man nicht schon das vorher geschriebene Oratorium dazu rechnen will) den Beginn einer inneren Wende, die nun in einer anderen Luft und unter anderen Verhältnissen zu einer verdichtenden, klärenden und sehr beglückenden Reife geführt hat. Eindrucksvolle Beispiele hierfür waren in Düsseldorf das prachtvoll füllige Cello-Konzert des Jahres; 1940, ein außerordentlich lebendiges und konzertgerechtes Werk – in vier Sätzen, sowie das Streichquartett Es-dur des Jahres 1944, das in seinen drei Sätzen, vor allem in dem fugierten, Variationensatz; des Finales, einen fast klassisch zu nennenden Stil hat, wie man denn ja auch versucht, Form und Sprache dieses neueren Hindemith „neuklassizistisch“ einzuordnen. Daß diese Wandlung ohne Preisgabe der aus der modernen Musikentwicklung gewonnenen harmonischen und rhythmischen Ergebnisse und ihrer formalen Beziehungen sich äußert, ist der charakterliche Vorzug dieser Musik. Das erfuhr man denn auch nachdrücklich bei. den zur deutschen Uraufführung gebrachten Sinfonischen Metamorphosen“ des Jahres 1943, die unter Verwendung von Themen C. M. v. Webers ein mitreißendes und klangschönes Werk für großes Orchester sind und in der phantasievollen Einkleidung und meisterlichen Verwendung der gegebenen Motive die unmittelbare Wirkung auf die Hörer verständlich macht, die sie bei ihrer ersten Aufführung in Düsseldorf gefunden haben.

Den zeitgenössischen, Anteil, an dem Programm bestritten weiterhin Strawinsky mit seiner tänzerisch bewegten und konzentrierten Orchestersuite aus dem Ballett „Ein Kartenspiel“ und der (1935 verstorbene) Österreicher Alban Berg mit seiner letzten größeren Arbeit, seinem „dem Andenken an einen Engel“ gewidmeten Violinkonzert, dessen sensible Klanglichkeit und Zwölftonharmonik den Abstand zum neueren Hindemith eindrucksvoll demonstrierte. Die Kammermusik steuerte neben einem solide gearbeiteten dreisätzigen Streichtrio des französisch beeinflußten Engländers Lennox Berkeley ein Streichquartett in fünf Sätzen von Wolfgang Fortner bei, eine gefühlsmäßig temperierte, satztechnisch mit großem Können geschriebene Komposition von gelösten Unmittelbarkeit. Nimmt man hier noch Regers schönes Streichtrio op. 77 b und Debussys klanggesättigtes Streichquartett und wohl auch Mahlers „Lied von der Erde“ als Belege des Übergangs zur Moderne hinzu, so mag man daraus ersehen, welchen Wert man im Ablauf der Düsseldorfer Musiktage gerade der neueren Musik eingeräumt hatte, zu der wir ein grundsätzlich anderes Verhältnis zu gewinnen haben als in der turbulenten Entwicklung der Jahre nach den erster. Weltkrieg. Andererseits ging man mit einer außerordentlich schönen, Stilwollen Darstellung der 12 Vokalsätze von Claudio Monteverdis „Marienvesper“ des Jahres 1610 durch den Düsseldorfer Bachverein unter seinem verdienstlichen Leiter Dr. Neyses in die älteste Zeit konzertmäßiger Überlieferung zurück, bis in jene Entwicklung die gleichfalls eine Wende zweier Epochen bezeichnete und in der jener große Venezianer das Tor zu einer neuen Zeit aufstieß.

Was die Qualität der Darbietungen betraf, so standen die Düsseldorfer Musiktage auf hoher Niveau. In Heinrich Hollreiser hatten sie eine der schönen Sache mit innerer Bereitschaft und künstlerischer Legitimation hingegebenen Leite der großen Konzert- und Opernaufführungen. Wie für die Kammermusik, mit dem Freund-Quartet dem Trio Röhn-Wolf-Troester und dem Stadt: schen (Kunze) Quartett standen, für die vokale Darbietungen hervorragende solistische Kräfte zu Verfügung Erna Schlüter, der Bassist Theo Hermann und der Tenor Hellmuth Melchert als Gast das ausgezeichnete Ensemble der einheimische Oper, für die Werner Jacob und Adolf Striplin die szenischen Voraussetzungen ihrer großen Wir! samkeit schufen. Für die Aufführung der Konzerte konnte man sich bessere. Solisten als Gustav Levzewsky (3erg) und Laudwig Hoelscher (Hindemitle nicht denken. Damit waren, eingeschlossen die in spektable Chorleistung von Städtischen Musil verein und Opernchor in der Beethoven-Mess alle. Bedingungen für den großen künstlerische Erfolg des diesjährigen Niederrheinischen Musil festes gegeben – im Werk und in der Wiedergab Es hat – das ist sein wesentliches Ergebnis – de Weg freigemacht zu neuen Erkenntnissen. Ihn : erweitern und zu vertiefen, wird im nächsten Jahr Köln berufen sein. Hans Georg Fellmar