Es ist etwas geschehen, wovon niemand – weder in Indien noch in England – bisher zu träumen wagte: Lord Mountbatten ist es gelungen, einen Plan für die Übergabe der Macht an das indische Volk auszuarbeiten, der die Zustimmung aller Beteiligten gefunden hat. Die erbittertsten Gegner im Indien, deren Fanatismus und Unduldsamkeit das Land bis an die Schwelle des Bürgerkrieges geführthatten, sind bereit, diesen Plan als Grundlage für den Neuaufbau Indiens anzunehmen. Ja, noch mehr, nicht nur die Kongreßpartei, die Moslems und die Sikhs haben den Plan akzeptiert, auch Churchill hat diesen Vorschlägen seine volle Anerkennung gezollt. In den strategischen Zentren, den Großstädten und den Gebieten, in denen seit Monaten der Aufruhr wütet, war die Armee aufmarschiert. Britische und indische Streitkräfte aller Waffengattungen erwarteten in höchster Alarmbereitschaft die Reaktion auf die große Rundfunkansprache Lord Mountbattens. Sie traten nicht in Aktion. Vielmehr vernahm man tags darauf die Stimme Pandit Nehrus, der zu den Hindus sprach und sagte: Politische Ziele können nicht mit Methoden der Gewalt erreicht werden. An diesem Vorabend der großen Umwälzungen in Indien müssen wir einen neuen Anfang machen mit klarer Vorstellung und festem Entschluß, mit Beharrlichkeit und Toleranz und mit starkem Herzen“ Zur gleichen Zeit verkündeten die Vertreter der Moslems in der North Western Frontier ihren Entschluß; den Feldzug gegen die Kongreßregierung einzustellen. Und auch Sardar Baldev Singh, der Führer der Sikhs, erklärte sein Einverständnis zu dem neuen Plan, obgleich dieser die Sikhs am härtesten trifft. Das wesentlich Neue dieses Planes liegt darin, daß die Übertragung der Macht nicht erst im Juni 1.948 erfolgen wird, sondern bereits im Laufe der nächsten Monate; zu diesem Zeitpunkt stellt das Indiä-Office seine Tätigkeit ein, und – soweit das Volk sich für eine Teilung entschließt – wird den beiden Staaten derDominion-Statusverliehen. Der Vizekönig würde alsdann als Generalgouverneur, der Repräsentant des Königs sein und zugleich das Bindeglied zwischen Hindostan und Pakistan darstellen. Im Juni 1948 müssen sich dann beide Staaten entscheiden, ob sie im Verband des Commonwealth bleiben oder ob sie den Dominion-Status wiederaufgeben wollen. Gerade diese Handhabung wird sich sicher-, lich sehr positiv auswirken, denn wenn die Staaten, erst einmal zu Dominions geworden sind und die Beziehungen sich dementsprechend gestaltet haben, ist kaum anzunehmen, daß sie ein halbes Jahr später die Vorteile des freien Empire-Zusammenschlusses wiederaufgeben werden; wie man überhaupt hoffen kann, daß die Erfahrungen bei der Teilung beide Partner für eine irgendwie geartete zentrale Regierungsform reif machen werden.

Im Pandschab, Assam und Bengalen sollen die im April vorigen Jahres gewählten Volksvertretungen entscheiden, ob sie zum Hindustaat oder zu Pakistan gehören wollen und ob sie diesen Schritt geschlossen vollziehen werden oder ob zuvor eine Teilung des Gebietes erfolgen soll; in der North Western Frontier dagegen wird über die gleiche Frage eine Volksabstimmung entscheiden. Den Fürstenstaaten steht es natürlich ebenfalls frei, entweder einem der beiden neuen Staaten beizutreten oder selbständig zu bleiben und wie auch immer ihre Entscheidung ausfällt, ihre Beziehungen, zur britischen Krone nach freiem Ermessen zu gestalten.

Die Schock-Therapie der englischen Regierung – von der Opposition seinerzeit, mit allen Mitteln bekämpft – hat sich außerordentlich, bewährt. Das Vertrauen zu den Engländern, die nach Meinung der Inder zum erstenmal ihre Versprechungen.eingehalten haben, hat sehr wesentlich zugekommen, und die kurzfristige Festsetzung des Übergabetermins trug dazu bei, die Parteiführer aus ihrer unfruchtbaren. „Opposition um jeden Preis“ zu lösen. Niemand aber wird dabei übersehen können, daß bei der Verwirklichung dieses Plans nur allzu leicht die alten Fehden wieder aufbrechen können. Schon allein die Abstimmung und die Grenzfestsetzung wird, ganz abgesehen von der Regierungsbildung und der Schaffung neuer Verfassungen, das Ihre dazu beitragen. Dff.