Von Johann Sebastian Bach erzählt man, daß er schon beim Anblick neuer Räume Genaues über deren akustische Eigenheiten hätte aussagen können. Nun, man braucht nichts von der Größe des Thomaskantors zu haben, wenn man feststellt, daß es schwierig ist, im Hamburger Schauspielhaus, dem heutigen „Garrison-Theatre“, zu musizieren. „Nicht für es gebaut“, macht der Theaterraum Späße, indem er ohne Zutun des Dirigenten manches Instrument ungebührlich hervorhebt, je. nachdem man im Bannkreis, einer Art akustischer Strahlung sitzt, die sich offenbar diagonalweise auswirke Um so mehr war’s zu bewundern, daß Verdis „Othello“, obwohl das Orchester oft allzu kompakt klang und die Solisten Mühe hatten, nicht, von den Tonfluten verschlungen zu werden, eine festlich erhobene Zuhörerschaft faszinierte. Eugen Jochum, der in der zu Ende gehenden Spielzeit den „Tristan“ einstudiert hatte, leitete – auch diese „Othello“-Aufführung. Hatte er sich leidenschaftlich für Wagner eingesetzt, so jetzt auch für Verdi; und da es ein natürliches Gesetz zu sein scheint, daß diese beiden Großen der Musik immer Antipoden bleiben müssen und daß man dem einen nicht dienen könne, ohne dem anderen Abbruch zu tun, besiegte Bochum, soweit er Wagnerianer ist, sich selbst. Sein schönster Sieg! Denn die Verdische Partitur blühte – unter seinen Händen, der Grausamkeit der Handlung zum Trotz, so rein und gnadenvoll, als seien die Töne unmittelbar aus der Unendlichkeit in diesen Saal gefallen, dessen akustische Tücken nichts Wesentliches zerstören konnten. Außerdem: Elfriede Wasserthal als Desdemona war unter den Solisten so: überragend, daß man auch ihren Namen hervorheben muß.

Rennerts Inszenierung bewegte sich, prachtvoll unterstützt durch die großflächigen und doch nicht unbedingt stilisiert wirkenden Bühnenbilder Alfred Sierckes, auf der gleichen Linie, die Jochum erfüllte: zuerst Virtuosität und Glanz (zumal der bewegten Massenszene, mit der die Oper beginnt), dann. Einfachheit des Ausdruckes, die ans Herz rührte. Viele Gäste von außerhalb hatten. Grund, die Hamburger um ihre Oper zu beneiden.

Josef Marein