Manche Dinge brauchen offenbar ihre Zeit-, dann, aber setzen sie sich auch ohne große Diskussion und gleichsam „von selber“ durch; Vor Jahr und Tag stand die „Zeit“ noch so gut wie allein, mit ihrer Auffassung, daß die Geldreform vordringlich sei und daß es mit den vielberedeten „Voraussetzungen“ nichts auf sich habe. Jetzt hat sich in der • öffentlichen Meinung unsre Auffassung weitgehend durchgesetzt. Selbst einer unserer entschiedensten Gegner, der Herausgeber eines informatorischen Rundbriefes, sieht sich nunmehr veranlaßt, der „anderen“ Auffassung einmal Raum zu geben, weil sie, wie er meint, „tatsächlich stärkste Beachtung verdient“. Er veröffentlicht die Zuschrift des Hauptgeschäftsführes einer großen Industrie- und Handelskammer, in der es heißt:

„Sie schreiben, daß die Befürworter einer baldigen Währungsreform schwerlich beweisen könnten, daß mit.-der Reform eine wirtschaftliche Besserung eintreten werde. Das ist richtig. Wie wäre es aber mit einer Umkehrung der Beweislast? Können die Befürworter eines längeren Wartens dafür garantieren, daß hierbei nicht alles in Kürze zusammenbricht? Ist es nicht so, daß das schlechte Geld; das wir jetzt haben, immer mehr zur Repudiation führt; die jedoch in ihren Auswirkungen schlimmer ist als jede Inflation? Ist nicht auf Grund dieser Repudiation unser gesamtes Bewirtschaftungssystem im Zusammenbrechen, so daß nur noch wenig fehlt zu dem Zustand des „Rette sich, wer kann!“, d. h. zur allgemeinen Panik, bei der immer die Schwächsten und am wenigsten Beweglichen auf der Strecke bleiben? Meines Erachtens kann nur ein baldiger eiserner Zugriff auf dem Währungsgebiet, der neues, äußerst knappes Geld schafft, die letzten Warenvorräte mobilisieren und die Aufrechterhaltung der allgemeinen Warenablieferung wenigstens annähernd sicherstellen. Mit Überredung ist nichts mehr zu machen. Zwang und Kontrolle versagen, wenn neben jeden Produzenten einPolizist gestellt wird, der im Zweifel auch, aus der allgemeinen Not heraus, bestechlich ist. So bleibt nur der Weg, die Produzenten zu zwingen, zu verkaufen, weil es notwendig ist. Dabei kommt es m. I. nicht primär auf das Vertrauen zum Geld an, sondern die Knappheit des Geldes ist das sicherste Mittel, es wertvoll zu machen. Ich stimme deshalb der „Zeit“ zu.

Selbstverständlich muß die Währungsreform planmäßig gekoppelt sein mit Maßnahmen zur Ermöglichung einer erweiterten Produkten durch Auslandskredite in Form von Rohstoffen und Überbrückungsgeldern, aber diese Auslandskredite werden erst kommen, wenn das Ausland in der Währungsfrage klar sieht. So sehe ich doch in dem Entschluß zu dieser allerdings schwierigen und gefährlichen Operation z. Z. den Ausweg. Lassen wir es weiter so treiben wie bisher, bricht in aller Kürze das, Markensystem völlig zusammen. Es ist doch bezeichnend, daß die Reichsbahn, die nicht genug Güterzüge für die Kohlen- und Lebensmittelversorgung fahren kann, in diesen Tagen neue Fernpersonenzüge eingelegt hat, um die ungeheuren Massen von Einzelpersonen zu befördern, die weil sie auf ihre Marken nichts mehr bekommen, von festen her unser landwirtschaftliches Gebiet überschwemmen, um die notdürftig ste Nahrung sich selbst zu besorgen.“

Der Herausgeber der Rundbriefe schreibt dazu: „Wenn die Ernährungskrise behoben ist und die begründete Hoffnung vorliegt, daß die wirtschaftliche Krise aufgefangen werdet kann, dann ist auch der Zeitpunkt für die Durchführung der dringend notwendigen Währungsreform gekommen, und man muß wünschen, daß dieser Zeitpunkt nicht mehr lange auf sich warten lassen wird.“

Auch die ausgezeichnete Stuttgarter „Wirtschafts-Zeitung“, die lange genug die Frage der sogenannten „Voraussetzungen“ einer Reform in den Vordergrund gestellt und immer wieder ein. „Abwarten“ empfohlen hat, schlägt jetzt andere Töne an. In ihrer letzten Ausgabe schildert Otto Hoffmann, bisher Cunctator Maximus, die jetzt maßgebende Auffassung bei den Besatzungsmächten der Westzonen wie folgt: „Weil eine geordnete Produktion ein geordnetes Geldwesen verlangt, wird auch verschiedentlich angenommen, die notwendige Neuordnung unseres Geldes solle nicht vom Ausgang der November-Konferenz abhängig gemacht werden, sondern früher, also wohl zur Erntezeit, stattfinden.“ – Einverstanden.

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In einigen Zuschriften ist der „Zeit“ der Vorwurf gemacht worden, daß sie, anläßlich der Schaffung des neuen Zweizonen-Wirtschaftsrates, nicht ausführlich genüg auf die „eminent wichtige Frage“ der Reform des Industrieplanes eingegangen sei. Aber der Industrieplan ist längst tot – er war es schon im Sommer letzten Jahres, als eine britische Zeitschrift schreiben konnte: er sei das Papier nicht wert, auf das er gedruckt sei und er solle möglichst bald im Archiv abgelegt und vergessen werden. Ob nun die deutsche Stahlquote zunächst auf 10,5 oder 11,5 Mill. t jährlich bemessen wird, ist relativ gleichgültig – sehr viel wichtiger ist zur Zeit, daß Klarheit über noch bevorstehende Demontagen geschaffen wird, und: daß die Denazifizierung zu einem baldigen Abschluß kommt. Die Erkenntnis aber, daß der Industrieplan hinfällig. ist, hat sich ja längst „von selber“ durchgesetzt.