Von Henry HemmerSimple Life – diese beiden oft gebrauchtenVokabeln bezeichnen im Land ihrer Herkunft das einfache, schlichte Landleben, wie es derEngländer so sehr liebt. Es ist. aber darüber hinaus, mit der Zeit ein Schlagwort daraus geworden, schon beinahe ein fashinonabler Spleen. Simple Life in diesem Sinn ist eine forciert primitive Lebensführung, eine kurzfristige angenehme Abwechslung inmitten komfortablen Überflusses. Dieselben Anglosachsen, die der Welt den Komfort beschert haben, sind nämlich auch zur Ansicht gelangt; daß der ständig gesteigerte Komfort (in normalen Zeiten natürlich) zum Schluß nichts mehr hergibt, nichts als die Langeweile. Also versucht man es einmal andersherum und denkt, statt an das, was man alles braucht, an das, was man entbehren kann, um sich wirklich wohlzufühlen. –

Globetrotter haben in aller Welt nicht wenige Engländer und Amerikaner gesehen, die dergleichen nicht nötig hätten und dennoch schlecht und recht irgendwo in Gottes freier Natur kampierten und im Schweiß ihres Angesichts wirtschafteten. Seit Robinson Crusoe haben wir ja alle ein Faible für Robinsonaden. Ich selber habe einmal in einer schönen, menschenarmen, haifischreichen Meeresbucht in Sydneys Nähe Simple Life inszeniert und einen ganz unerwarteten Erfolg damit erzielt. Villenbesitzer aus der Umgebung, Leute mit den schönsten Gärten und komfortabelsten Wohnungen, kamen mit Futterkörben ihre Sonntagslangeweile in meinerwindschiefen Zelthütte auslüften. Welches Gaudium, wenn irgendwelches Unentbehrliche nicht gefunden wurde! Messer und Gabeln? Ich steckte sie zu Reinigungszwecken in den Sand, und die Ladies und Gentlemen stürzten sich mit hemmungslosem Jubel darauf, wischten jeden freiwerdenden Teller mit Seegras ab und umstanden – schreiend vor Wonne und zappelnd vor Hilfsbereitschaft – meine kleine Kochstelle. Der vertrackte kleine – Haushalt hatte eine große Sportbegeisterung für alle häuslichen Arbeiten erweckt. Und wo solches gelingt, kann man in der kleinsten Hütte leben.

Auch im heutigen Deutschland gibt es Simple Life genug, leider, nicht von der heiteren Sorte. Die armseligen Feuerstellen zwischen Ziegelsteinen, über denen etwas Unsagbares bescheiden brutzelt oder brodelt, sind von Menschen umstanden, die keinerlei Spaß finden können an dergleichen Improvisationen. Die behelfsmäßigen Behausungen, oft meisterhaft zusammengebastelt in irgendeiner noch heil gebliebenen Dachbodenecke, in einem Kellerloch oder in einer Laube, enthalten zwar alles, was das Auge des Simple-Life-Enthusiasten entzückt, aber die dazugehörige Stimmung von improvisierter Gemütlichkeit und gewollter Einfachheit fehlt. Man kann eben nicht für das Primitive schwärmen, wenn man erst kürzlich eines mühsam angeschafften Komforts verlustig gegangen ist. Im Gegenteil: wer zur Primitivität verurteilt ist, neigt dazu, den Komfort zu überschätzen. Das Abwechslungsbedürfnis schwingt dann nach der anderen Seite hinüber. Und man wird bei aller Bescheidenheit immer wieder von einer Sehnsucht nach üppiger ausgestattetem Leben erfaßt, einer Sehnsucht, die blind macht für das, was man hat.Sind wir nicht wahre Kunstsachverständige geworden auf allen Gebieten des Simple Life! Welche Fülle von Einfällen, von originellen Auswegen zum Beispiel in der Nachkriegs-Kleidermode, vom zusammengestoppelten Geht bis zum flickenübersäten Lumpacius vagabundus! Und wiederum, welche Sehnsucht nach Tadellosigkeit und, ach, nach Schick bei unseren oft fesch-verwegen zurechtdrapierten Weiblichkeiten! Einen süßen Strolch von einem Backfisch hörte ich von einem banalen Tailor-made – schwärmen, das seinen hinreißenden Vagabundenliebreiz glatt zerstört haben würde. Der wirkliche Vagabund muß lächeln...

Die Champions des Simple Life sind nämlich trotz allem nicht die Reichen – die sind letzten Endes nur Dilettanten – sondern allerhand merkwürdige arme Teufel, die die Kluft übersprungen haben, die die beiden: Welten trennt. Die Höchstleistung besteht darin, innerlich soweit befreit zu sein, daß man ein notgeborenes Simple Life, ein armseliges Wirtschaften, ohne Jammern verträgt. Soweit hat es der Bohemien gebracht. Längst, ehe Simple Life inMode kam, wurde in Malermansarden das Denkbarste geleistet im Reduzieren der Hauswirtschaft auf die einfachste Formel und im Hinaufschrauben der Stimmung bis in die höchsten Höhen. Wenn es dazu noch gelang, Mal- und Eßrequisiten auseinanderzuhalten, hatte das Simple Life praktisch und stimmungsgemäß seine Vollendung gefunden. Allerdings war so ein Künstler ein innerlicher Krösus und konnte notfalls immer auf den Reichtum seiner Phantasie zurückgreifen, wie das schon von Puccini hinreichend besungen wurde.

Der Tramp und Trotter, der mehr oder weniger weit und schön um die Welt bummelte, hat im Verlauf seiner Karriere genau dieselben Probleme zu lösen gehabt wie der Flüchtling: da, wo man nicht zu Hause ist und wenig zu sagen hat, mit geringen Mitteln eine Art von Gemütlichkeit zu improvisieren – darauf kommt es, an. Wenn die Schwierigkeiten auch noch so groß sind, um so größer der Triumph, sich etabliert zu haben. Man brauchte diese unentwegten Wanderer nur vor einem Lagerfeuer sitzen, in einem verfallenen Chinesentempel oder ausrangierten Negerkral umherwirtschaften zu sehen und wußte, daß sie für ihre Mühen eine innere Entschädigung fanden: das Gefühl, daß die Welt, auf der sie bummelten, ihnen gehörte. Der seßhafte Tramp, der Beachcomber gar lebt noch heute glücklich in einer Klavierkiste am Meeresstrand (der beach), den er nach Nahrung abkämmt (combs), und erkauft die Ungebundenheit seines Lebens durch Bedürfnislosigkeit. Jener wunschlos glückliche Diogenes, dem der große Alexander, der eben erst Persien ausgeplündert hatte, nichts zur Hebung seiner Stimmung zu geben vermochte, nichts als daß er ihm aus der Sonne gehe, ist sein Urvater.

Nun, und sollte es angesichts so vieler Wege durch Simple Life zum Glück nicht auch einen Trick, einen Dreh, ein Mittelchen geben, uns Nachkriegs-Primitiven dazu zu verhelfen, aus dem uns aufgezwungenen Simple Life etwas herauszuholen? Und das gibt es – man braucht nur aus der Not eine Tugend zu machen und sich auf seine Schöpferkraft zu besinnen. Wer weiß, was wir alle noch weiter an primitiver Häuslichkeit und überhaupt an vereinfachten neuen Lebensformen schöpferisch gestalten und uns zu eigen machen werden! Am Ende gar auch die improvisierte Gemütlichkeit!