Mit der Absicht die Konferenz zu sprengen, fuhren dir Ministerpräsidenten der Ostzone nach München, Dies geht eindeutig aus der Erklärung hervor, die sie vor ihrer Rückreise gemeinsam aufgesetzt und herausgegeben haben. Niemand wird ihnen ernsthaft die Naivität zutrauen, daß sie wirklich geglaubt hätten sie könnten ihre ultimitiven Forderungen durchsetzen und damit die wirtschaftlichen Besprechungen der Ministerpräsidenten aller vier Zonen in eine politische Demonstration gegen die Westmächte verwandeln. Auch wird niemand ihren Äußerungen Glauben schenken können, daß es ihnen nicht möglich gewesen sei, sich über den Zweck der Konferenz vorher genau zu orientieren. Diese Konferenz war sehr sorgfältig vorbereitet.

Vor ihrem Beginn hat der bayrische Ministerpräsident Dr. Ehard unserem süddeutschen Korrespondenten ein Interview für „Die Zeit“ gegeben und in ihm sehr vorsichtig die wirtschaftliche und die politische Bedeutung der Besprechungen gegeneinander abgewogen und damit das Ergebnis der Vorbesprechungen niedergelegt. „Der Sinn der Konferenz“, sagte er, „ist, gemeinsame Maßnahmen zur Überwindung der deutschen Not zu finden Ein Erfolg auf diesem Gebiet würde sicherlich eine gewisse politische Bedeutung haben. Gelanger, wir auf wirtschaftlichem Gebiet zu einer guten Zusammenarbeit, so dienen wir damit zweifellos auch dem Gedanken der Einheit. Allein schon die einfache Tatsache eines Treffens der Regierungschefs aller vier Zonen stellt auch ein innenpolitisches und für den künftigen Staatsaufbau wichtiges Moment dar. Ich möchte hoffen, daß hiermit ein Anfang gemacht und daß einem weiteren Auseinanderleben der Zonen Einhalt geboten wird. Es hängt von uns ab, ob es gelingt, das Trennende zu überwinden.“

„Sehstverständlich“, so fuhr Dr. Ehard fort, „bedeutet unsere Einladung ein Bekenntnis zum gesamtdeutschen Schicksal. Gerade Bayern, das sorgsam auf die Achtung seiner Eigenständigkeit bedacht ist, wird sich von niemand an Einsatz und Eifer übertreffen lassen, sobald es sich darum handelt, he allen deutschen Staaten gemeinsamen Interessen zu vertreten. Schleswig-Holsteiner und Bayern-Rheinländer und Brandenburger sind Glieder, eines Volkes. Eine lange gemeinsame Geschichte hat uns geformt. Wir haben ein Schicksal getragen und wollen auch gemeinsam den Weg in eine bessere Zukunft suchen. Uns wirft man immer wieder vor, wir in Bayern wollten kein Deutschland.’ Doch, wir wollen es, denn wir wissen, daß wir ohne dieses Deutschland nicht leben können.“

Die Ministerpräsidenten der Ostzone hätten die Einladung zunächst gemeinschaftlich abgelehnt, weil ihrer Forderung nicht entsprochen worden war, die Konferenz nach Berlin zu verlegen und Vertreter der Gewerkschaften und der Parteien an ihr zu bereiten. Schon dieses Verlangen, das war deutlich zu erkennen, war zu dem Zweck gestellt, die Zusammenkunft zu torpedieren. Denn von vornherein war klar, daß ihm nicht entsprochen werden konnte. „Von den Regierungen der Länder und freien Städte der drei Westzonen“, so erklärte Dr. Ehard unserem Korrespondenten, „wurden bereits Zusagen auf die von hier ergangene Einladung, die ausdrücklich an die Regierungschefs gerichtet war, erteilt. Eine Änderung des Rahmens und des Tagungsortes würde diesen hoffnungsvollen Auftakt wieder in Frage stellen. Wir sind einig, daß Probleme, deren Lösung wir gemeinsam, anstreben, das ganze deutsche Volk betreffen und über den Rahmen der einzelnen Länder hinausgehen. Gerade dieser Erwägung entsprach die Initiative der bayrischen Staatsregierung. Der Zweck der Konferenz ist die Überwindung der Not, Jede Änderung des Rahmens würde diesen Sinn verschieben. Die Ministerpräsidenten, der deutschen Länder und die übrigen Regierungschefs haben unserer Auffassung nach die Verpflichtung, an die praktische Lösung der gemeinsamen Aufgaben heranzugehen. Sie führen nach parlamentarischen Regeln ihre Ämter. Solange es keine Instanz für Gesamtdeutschland gibt, – und niemand bedauert diesen Mangel mehr als ich, – müssen sich die Regierungschefs der deutschen Länder und Städte als vorläufige Treuhänder des deutschen Volkes betrachten. Den Parteien kommt zweifellos bei der Lösung der großen politischen Fragen eine bedeutende Rolle zu. Für unsere Konferenz aber handelt es sich darum, wirtschaftliche Sofortmaßnahmen zu lösen. Ihr moralisches Schwergewicht liegt darin, daß wir dem deutschen Volk und dem Ausland zeigen, daß wir alle Mittel der Selbsthilfe ausgeschöpft haben.“

Nun aber geschah etwas, was die Ministerpräsidenten der Ostzone nicht erwartet hatten. Ihrer Absage folgte eine offizielle Verlautbarung der Sowjetverwaltung in Berlin, sie hätte auf den Entschluß der Herren nicht nach München zu fahren, keinerlei Einfluß ausgeübt. Die Ministerpräsidenten verstanden . den Wink. Sie sagten zu – das Echo in der deutschen Bevölkerung war zu deutlich gegen sie gewesen. So fuhren sie nach München, um dort eine Demonstration zu: veranstalten, die ihr Gesicht wahren sollte. Sie brachten ultimativ ihre. alten Forderungen wieder vor, erhoben das Panier der deutschen Einheit und verließen damit den Saal, in dem die Vertreter eben dieses Deutschlands sich einheitlich versammelt hatten.

In einer Hotelhalle setzten sie sich nieder, um eine gemeinsame Entschließung zu diktieren. Der thüringische Ministerpräsident Dr. Paul entdeckte unseren Korrespondenten und schrie ihn an: „Man kann doch einen ganzen Teil von Deutschland nicht einfach totschweigen! Wir haben mehr Erfolge aufzuweisen als die anderen Zonen und schließlich auch eine zweijährige Erfahrung auf dem Buckel. Die bizonalen Einrichtungen hier sind eine Pleite!“ Der brandenburgische Ministerpräsident Steinhof fuhr, erregt dazwischen: „Das ist ein Schandfleck in der deutschen Geschichte – schlimm“ als die Zeit, der Heiligen Allianz“ Der Wortlaut der gemeinsamen Entschließung war entsprechend heftig abgefaßt.

Was eigentlich steht hinter dieser Demonstration? Sieht man von den demagogischen Hetzvokabeln ab, die in der Verlautbarung der Ministerpräsidenten der Ostzone stehen, so ergibt sich, in verblüffendem Gegensatz zu dem eigentlichen Ziel der Konferenz, die Absicht in München den Streit der Moskauer Konferenz über die deutsche Verfassung fortzusetzen und den von Rußland gewünschten zentralistischen Einheitsstaat gegen die von den Westmächten vorgeschlagene föderalistische Verfassung zu einer Forderung der deutschen Ministerpräsidenten zu machen. Merkwürdig dabei ist nicht, daß die fünf Ministerpräsidenten sich die Forderung Rußlands zu eigen gemacht haben, sondern daß sie gleichzeitig auch das russische Mißtrauen geerbt haben. In der Tatsache, daß sich deutsche Ministerpräsidenten überhaupt treffen, sehen sie bereits eine Vorwegnahme einer zukünftigen föderalistischen deutschen Verfassung und in der Tatsache, daß eine Mehrheit gegen sie entscheiden könnte, eine Mißachtung des ihnen ihrer Meinung nach zustehenden Vetorechts. Nicht die Absage an die Konferenz und damit an die drei übrigen Zonen, sondern dieses uneuropäische und undemokratische Denken ist in Wahrheit erschreckend: es zeigt, wie tief die Kluft zwischen den Regierungen – nicht der Bevölkerung – der Ostzone und dem übrigen Deutschland bereits geworden ist.