Einige Leute glauben anscheinend, daß ein neuer 6. Februar möglich sei, aber sie täuschen sich. Diese Worte des französischen Ministerpräsidenten Ramadier kennzeichnen die Streikdrohungen und -bewegungen, die nach einem zweiundeinhalbjährigen sozialen Waffenstillstand am 13. Februar einsetzten und am 7. Juni mit der fast völligen Stilllegung des Eisenbahnverkehrs ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten.

An dem zitierten 6. Februar 1934 sah sich Frankreich einem faschistischen Putsch gegenüber.. Die bürgerliche Jugend verschiedener Rechtsverbände, wie der Feuerkreuzler, Marschierte über die Place de la Concorde gegen die Kammer. Die Polizei griff ein. Es kam zu Schießereien und Unruhen, die sich mehrere Tage hinzogen: es gab 25 Tote. Die „Faschisten“ konnten den Erfolg buchen, daß die Regierung Daladier zurücktrat, aber im übrigen erlitten sie eine Niederlage. Sie mußten der Arbeiterschaft weichen, die auf die Straße ging und keinen Zweifel darüber ließ, daß, wie stets in der Geschichte Frankreichs, die Straßen von Paris von den Arbeitern beherrscht werden.

Die revolutionären Kräfte innerhalb der französischen Arbeiterschaft waren durch den 6. Februar geweckt. 1936 siegte die Volksfront. Die Volksfrontregierung Blum wurde gebildet, und die Arbeiter erzwangen mit ihren Streiks und Betriebsbesetzungen die „kühnste Sozialreform aller Zeiten“. Aber schon 1937 lösten diese revolutionären Kräfte Gegenkräfte des Kleinbürgertums und der Bauernschaft aus. Die konservativen Kreise konnten die Sozialrevolutionäre von Paris in Schach halten. Der Senat stürzte die Regierung Blum. Ein Sieg wäre wie 1934 auch 1936 möglich gewesen. Die Tür, die einzurennen war, stand weit offen, aber stärker als der revolutionäre Elan einiger weniger war die Sehnsucht der breiten Masse nach Ruhe und Frieden, nach einem Aperitif und nach dem Huhn im Topf, das seit Heinrich IV. als Symbol des französischen Lebens so oft zitiert wird. Weder Oberst de la Rocque von den Feuerkreuzlern noch die Führer der Arbeiterschaft hatten die Massen packen können. Zwar waren entsprechend den Lehren und Erwartungen Sorels 1936 die Arbeiter und zwei Jahre vorher die Jugend des Bürgertums auf die Straße gegangen, aber sie waren, wie es Sorel wohl formuliert hätte, zu verbürgerlicht und zu sehr auf das Alltägliche bedacht, als daß sie alles hätten einsetzen können und wollen.

Heute dagegen würden derartige, Demonstrationen nicht so harmlos verlaufen. An der Spitze der Rechtsbewegung steht nicht mehr de la Rocque, sondern de Gaulle. Die Arbeiterschaft ist in den sechs Millionen Mitglieder zählenden Gewerkschaften (CGT) und in der Kommunistischen Partei straffer organisiert und zielbewußter geführt als Vor elf Jahren. Würde de Gaulle den Fehler von de la Rocque wiederholen und als erster auf die Straße gehen, dann wäre eine Niederlage wahrscheinlicher als ein Sieg.’ Würde er jedoch auf kommunistische Demonstrationen oder gar auf einen kommunistischen Putschversuch antworten, dann wäre damit zu rechnen, daß weite Kreise des Bürgertums auf die Aperitifsfunde verzichten und aktiv werden. Dessen sind sich offensichtlich auch die Kommunisten bewußte So erklärte Jacques Duclos, daß „Frankreichs Arbeiter nicht so töricht sind, um durch einen Generalstreik einen Gegenschlag der reaktionären Kräfte zu provozieren“.

Die Sorge um einen neuen 6. Februar bestimmt somit die Haltung der Kommunistischen Partei Frankreichs. Sie muß zwar die Lohnforderungen der Arbeiter anerkennen. Sie kann nicht in einer Regierung bleiben, die aus volkswirtschaftlichen Erwägungen eine lohnpolitische Zurückhaltung für notwendig erachtet und außerdem im überseeischen Frankreich Wege geht, die die Kommunisten als imperialistische ablehnen müssen. Aber die Kommunisten müssen sich Reserve auferlegen und die Arbeiter zur Vernunft mahnen, damit die antikommunistische Stimmung nicht zu einem zweiten 6. Februar führt. Sie können Streiks nicht verhindern, werden diese sogar begrüßen, um den revolutionären Willen zu schulen und zu entwickeln, sich zum Teil mit symbolischen Streiks (gréve perlée) begnügen, aber sie müssen zum Kompromiß bereit sein. Sie müssen es nicht nur aus Sorge um einen zweiten 6, Februar sondern auch im Interesse des wirtschaftlichen Wiederaufbaus und des Erfolgs ihrer Sczialisierungspolitik. Aus diesen Erwägungen Wünschen sie auch amerikanische Anleihen. Die Kommunisten können dabei allerdings in die Lage des Zauberlehrlings kommen und, wie es bei den Gewerkschaftlern 1936 der Fall war, die Führung an andere abtreten. Diese anderen wären die Trotzkyisten, deren Gewerkschaftsbewegung (CNT) schon 1 20 000 Mitglieder umfassen soll. Die Trotzkyisten können heute eher als Erben des Sorelschen Syndikalismus angesehen werden und mit Sorelschen Schlagworten leicht einen entscheidenden Einfluß erlangen.

Die Haltung der französischen Kommunisten verschaffte dem Ministerpräsidenten Ramadier und seiner sozialistischen Partei einen großen Erfolg. Der, fast 60jährige Ramadier, vor dem Kriege bekannt durch seinen Ramadier-Plan der Bildung von drei Großanlagen für synthetisches Benzin zu je 100 000 t und durch diese wehrwirtschaftlichen Interessen mit de Gaulle verbunden, galt bisher als tüchtiger Fachminister, hat. sich jedoch in diesen Wochen als ein großer politischer Führer erwiesen. Er steht heute im Vordergrund des politischen Frankreich und erscheint als der gegebene Nachfolger von Léon Blum, wird in der Presse sogar immer häufiger mit Jean Jaurès verglichen. Ruhig, zielbewußt und sicher geht er seinen Weg. Er läßt sich auf kein Ultimatum ein. Er kommt aber entgegen, wenn es zunächst einmal Zeit zu gewinnen gilt. So erreichte er eine Atempause bis zum 1. Dezember. Ob bis dahin die vielen kritischen Probleme gemeistert werden können, ist nicht so sehr ein politisches, als vielmehr ein wirtschaftliches Problem. Eine Lösung ist nur möglich, wenn erhebliche Einschränkungen hingenommen werden und der Franzose vor allem auf Produktionssteigerung bedacht ist. W. G.