Von Ilse Langner

Einfahrt in Shanghai,

14. Mai früh Uhr.

Die Braut steht an der Reling. Sieben Wochen fuhr sie von Hamburg nach Shanghai mit ihren Habseligkeiten und ihrer Sehnsucht. Die Liebe ist ihr Kompaß und zeigt die Richtung ihrer Zukunft an. Die Vergangenheit ist vergangen, die Mühsal des Alltags vergessen. Sie war eine tüchtige Sekretärin, sie wird eine liebevolle Frau sein. Von dem jungen Mann, der ihr Bräutigam ist, hat sie keine sehr klaren Vorstellungen mehr. Sie hat ihn vor sechs Jahren das letzte Mal gesehen – bei seiner Abfahrt. Nun wird sie ihn bei der Ankunft wiedersehen. Er hat Wort gehalten, Er ließ sie nachkommen, da sein Verdienst nun für zwei ausreichen würde. Die Unruhe hat sie aus der Kabine an Deck getrieben, wo die Liegestähle wie Holzskelette übereinandergeschichtet sind. Ein ödes, unwirtliches – Deck an. diesem letzten, noch ganz frühen Morgen. Kein fröhlicher Plauderplatz mehr! Die Fahrt ist zu Ende. Die Braut ist vor Erregung Wie ausgehöhlt. Sie spürt ihr Herz klopfen. Die Augen brennen.

Das Schiff zieht durch den gelblichweißen Nebel und stößt ein warnendes Brüllen aus. Falls sich der Nebel nicht lichtet, haben wir keine Einfahrt. In dem Gemüt des Mädchens wetterleuchtet die erste-Sorge. Aber da vergeht der Dunst, die Sonne schüttet Licht und Glut über den Hafen. Die Hitze droht die Freude zu ersticken. Die Stirn, der Nacken werden feucht überrieselt. Das Mädchen tritt in den Schatten zurück. Die Reling ist voll von Wartenden, Alle blicken in eine Richtung: die Landung: Nun muß sich die Braut vordrängen, dem ihr gebührt der sichtbarste Platz. Der Seiweiß rinnt über ihr Gesicht und perlt den Rücken hinab.

Sie blickt durch den Fernseher auf den steinernen Kai. der langsam näher rückt. Das Blau, das wie ein Tuch darüberliegt. löst sich in Punkten auf. Es sind die blauen Anzüge der Kulis. Beinahe kann sie schon unterscheiden, ob Europäer oder Chinesen am Ufer stehen. Jetzt erkennt sie Gestalten, jetzt Hüte und Gesichter. Da – das muß er sein! Das Schiff stampft, die Häuser wachser drohend heran, das Land stößt hart vor, die Erde scheint das Schiff an sich zu saugen. Jetzt, Wild die Treppe herabgelassen, das Mädchen drängt sich vor: Mit erwartungsfrohem Lächeln und unruhigen Augen, in denen nun eine kleine Angst aufgestört ist, blickt sie über die Gesichter hin. Ihre Freude zerrinnt, ihre Blicke jagen über die Wartenden hin – so viele helle Panamas! Aber sein Gesicht ist nicht darunter. So viele weiße Anzüge! Aber seine Gestalt ist nicht dabei. Keine Hand winkt ihr kein Zuruf gilt ihr. Alle die anderen Reisenden sind abgeholt worden, nur auf sie hat niemand gewartet, Er kommt zu spät, gleich muß er da sein. Ihre Augen suchen die Mündungen der Straßen ab, die sich zum Hafen ergießen. n. Sie hofft ihn in jedem eilig Herr ~~~~~~~~~~ zu sehen. Sie ist so sicher, daß er sofort noch in diesem Augenblick, auftauchen wird und ein zaghafter Gruß wagt sich auf ihre Lippen.

Das Mädchen tupft sich mit dem zerknüllten Taschentuch die Stirn und fragt mit zerbrechlicher Stimme: ,,Wie spät ist es?“ Der Kapitän, der wie ein treuer Schiffsvater hinter-ihr steht, blickt auf die Uhr: „Sieben Uhr drei.“ – Er kennt die Meereskranken, ihre Landflucht, die sich mit jeder Fahrt auf den Planken verstärkt, bis sie den festen Boden fliehen, und sich ganz dem ewig, flutenden Element anvertrauen, die seelischen Piraten, die heimatlosen Hafenratten, die Schlemihle der Ozeane, Viele Hoffnungen zerweht die Meeresbrise. Die, Schicksale wechseln mit der Hemisphäre: Ein junger Mann, der sieben Satire als Junggeselle in Shanghai lebte, erfahrungslos dem Geschäftsroulette am Tage und dem aufrührerischen Glitzer der Nächte preisgegeben, ist nicht mehr der gleiche, der selbstbewußt und gutgläubig in Europa an Bord ging. Der Felsen und Charaktere zermürbende Sturm und die vergiftenden Ausdünstungen des Hafenmodders haben seinen bürgerlichen Anstand zerbröckelt, sein Ich ist eine Windfangtür von Osten und Westen geworden.