Just, als WilhelmFurtwängler, zu Gast in Hamburg, die Proben für sein Konzert begann – es war ehe äußerst intensive Piobearbeit von jener Art, in der das Wesen der Musik in ihren tiefsten, rätselhaftesten Abgründen aufgespürt und in tönende Wirklichkeit übersetzt wird, wobei denn diesmal wie dies verständlich ist, das Orchester der Hamburger Philharmoniker zwischen Verzweiflung und Beglückung schwankte da also konnte man in „New York Herald Tribune“, und zwar in der europäischen Ausgabe, meinen Brief von Erika Mann, datiertaus Zürich, lesen, daß die Ovationen, die der große Dirigent bei seinem ersten Berliner Konzert nach dem objektiven und zustimmenden und für den deutschen Musiker ehrenvollen Bericht derselben Zeitung geerntet hatte, politische und keine musikalischen Kundgebungen gewesen seien. Erika Mann ist freilich nicht dabei gewesen, und dennoch will sie wissen: dies seien sozusagen Denazifizierungs-Huldigungen gewesen, weil Furtwängler über die „unpopulärsten aller Maßnahmen“ triumphiert hätte. Ach, wäre sie doch in Hamburg dabei gewesen!

Diese nun wirklich von Natur aus zurückhaltende und wirklich auch von Natur aus demokratische Stadt hatte Furtwängler bereits eingeladen, noch bevor das Urteil in seinem Verfahren, bestätigt war. Und der Beifall, der ihn nun empfing? Dr. Fred Hamel, der Leiter der Musikabteilung des Nordwestdeutschen Rundfunks, der sich am ehesten für das Zustandekommen dieses Konzerts eingesetzt hatte, das denn selbstverständlich auch über die Ätherwellen verbreitet wurde, sagt – denn er, er war in Berlin sowohl wie in Hamburg dabei – daß die Begrüßung, die Furtwängler zuteil wurde, in Berlin noch herzlicher, noch stürmischer gewesen sei, wobei das Auditorium gut zur Hälfte aus intenationalen Zuhörern bestanden habe. Natürlich, in Berlin habe man Furtwängler als den Heimgekehrten, den Zugehörigen, den Wiedergewonnenen begrüßt, in Hamburg als den langverehrten, langentbehrten Gast. Nun meinte Erika Mann, die in den künstlerischen Qualitäten dieses Meisters des Orchesters nicht zweifelte auch in New York Boston und Philadelphia würden hervorragende Konzerte veranstaltet, ohne daß sie ein ähnliches Aufsehen erregten. Allerdings, an der Bedeutung dieser Musikstädte ist gar kein, Zweifel, aber dieses Konzert fand eben nicht in New York, in Boston oder Philadelphia statt, sondern in Hamburg und war hier das schönste Konzert der Saison. Genau dementsprechend war der Jubel, der Furtwängler dankte.

Man erlebte einen wenn nicht neuen, doch ein wenig verwandelten Furtwängler. Seine Geste ist sparsamer, konzentrierter geworden, aber womöglich noch intensiver. Mehr noch als je zuvor hielt sich die Kunst seines Dirigententums auf jener messerfeinen Schneide. da einerseits das Orchester in jeder Einzelheit gelenkt wird, so daß es den fertig modellierten Klang aus den Händen des Dirigenten nur einfach zu übernehmen scheint, und da anderseits doch alles dies in völliger Freiheit und Gelöstheit sich vollzieht. So ward Beethovens Zweite Leonoren-Ouvertüre geradezu ein Manifest von gewitternder Dramatik, darin auch die Pausen Musik wurden. Strauß „Tod und Verklärung“ wurde ein Gemälde in leuchtenden Farben, bei betonter Rhythmik mehr in klassischem als in kolossalem Format. Und die so lebensbejahende Zweite Symphonie von Brahms verband Innigkeit aus Volksliednähe mit wohlausgewogener Klarheit kühler Architektur –, welche Gegensätze zu vereinen nur ganz großen Musikern gelingt, von denen wir keinen in Deutschland entbehren wollen, und am wenigsten diesen Furtwängler, den wir lange genug entbehrten.

*

Jener Brief aus der Schweiz, wohin Furtwängler nach dem Hamburger Konzert zu reisen im Begriffe stand, hatte auch einen anderen erwähnt, dem viel zuviel Beifall gespendet worden war: dies wenigstens nach Ansicht der Briefverfasserin. Gemeint ist Gustaf Gründgens. Wie wenig muß Erika Mann, Thomas Manns geistige und leibliche Tochter, ihren einstigen Gatten Gustaf kennengelernt haben, da sie ihn – auch ihn – immer noch von Nazi-Gunst umgeben sieht, nicht mehr freilich von der Gunst der großen Nazis – die sind gottlob dahin! –wohl aber der Anhängerschaft derer, die ihnen einst anhingen. Nun aber zeigte ein Besuch des Berliner Ulenspiegel-Kabaretts, das mit Texten und mit Musik von Günther Neumann in Hamburg gastiert, daß Gründgens sich hier als Meister kabarettistischer Regie erwies, offenbar noch immer wie eh und je jedes politisch Lied für ein garstig Lied hält. Das Programm ist fast ohne Schärfen, Haken, Kanten, wie sie doch eigentlich einem Kabarett zukämen, sondern dreht sich ebenso zeitnah wie unverbindlich um interne Fragen, nämlich um die Theaterwelt. Und doch treiben Humor, Ironie und Scharm so amüsierliche Blüten, wenn auch aus Papier, daß der Beifall eben auf die Regie-Einfälle besonders freigebig reagiert. Aber politisch ist auch dieser Beifall nicht gewesen, unter Garantie. Josef Marein