Tragödie des europäischen Nihilismus

Von Egon Viella

Im Theater zu Baden-Baden hat Claude Martin zum ersten Male für Deutschland die Mouches Sartres Orestie, inszeniert. Der Ägist – eine Pariser Sensation. wurde von dem Neger Habib Benglia dargestellt. Die Bühne war nur mir einigen Kuben gefüllt. Das war das antike, das geometrische Argos. In der Mitte erhob sich die fast spielerische Statue Jupiters: ein antiker Kopf.

Wenn der Gott Jupiter erscheint, rollen schwere, bösartige Klänge durch Argos. Der Gott selbst aber, mit blondem Bart, im grünen Barakan unter dem sich das Gewand eines Sarastro verbirgt, bewegt sich durch seine Stadt wie ein Araber noch heute durch die Oasen wandelt: würdevoll. für uns Europäer vom unnachahmlichen Geheimnis umwittert. Das ist der Gott, von dem Sartre einmal gesagt hat: Même si Dien existait cela ue changerair rien – selbst wenn Gott existierte, würde das nichts ändern. Der Gott, der in dem stinkenden, verpesteten Argos regiert, der Stadt, wo es von Fliegen wimmelt, wo der Mord an Agamemnon das Geschmeiß haufenweise anzieht, wo die Schänderin Klytämnestra mit dem Buhlen Ägist in einem Bett schläft, dieser Gott ist. auch für Sartre, eine menschliche Erfindung; er ist einer der Fremdenführer, diesich an die Ankömmlinge heranmachen. Die haben die neue Machtkonstellation in der Nase und verstehen es mit dem Menschen um ihr göttliches Ansehen zu feilschen und nichts Menschliches zu lösen: das allein bleibt der Freiheit des Orest vorbehalten: der Freiheit, Agist und Klytämnestra totzuschlagen, der Freiheit, die niedrigen, unerträglichen Gewissensbisse auf sich selbst zu ziehen und mit dem Pack der Erinnyen Reißaus zu nehmen, um die Stadt von ihrem Gestank zu befreien. Die Aktion des Orest hat mit Göttern nichts zu tun. aber viel mir Elektra, der schwachen, fragilen der Antigene verwandten Schwester, die den verrotteten Hof allein durch ihre Anwesenheit brüskiert. Es gibt in diesem Stück keine Wiedererkennungsszene wie in der Hofmannsthalschen "Electra". Aber das menschlich Furchtbare entlädt sich in Sartres Orestie so gut wie in O’Neills ,,Trauer muß Elektra tragen". Bei O’Neill aber ist alles ins Private gezogen, und man fragt sich, – was die Welt denn die groteske Privattragödie der Familie Mannen, an der sich das Atriden-Schicksal noch einmal vollzieht, eigentlich angehe. Der Kern der O’Neillschen Tragödie ist also ein enormer Privatskandal, der Kern der ,,Mouches", der Fliegen, aber ist die höchst objektive Tragödie einer Stadt, eines ganzen Landes, der menschlichen Gesellschaft überhaupt, wo Macht faul wird und zu stinken beginnt.

Der Orest des Claude Martin in der Badener Aufführung wirkt beinahe passiv. Die Ereignisse, selbst sind die gewaltigen Akteure. Die-Luft der Stadt, verdichtet in der gräßlichen Totenbeschwörung des zweiten Aktes, ist selbst schon Handlung. lockt die Aktion heraus, provoziert das Verbrechen. Argos ist bei Sartre die Walstatt, wo Macht. Aktion, "Crimes efficiels". Sühne und Haß ausgehandelt werden, Sartres innere Spannung auf die Spitze getrieben ist, während O’Neill nur in das Grauen der Geschlechterfolgen blickt, in den Abgrund, aus dem die Familien hervorgehen, die das Land beherrschen. Man kann die Fragen Sartres nicht wörtlich genug nehmen: sie werden längst nicht mehr theoretisch aufgeworfen. Der kolossalische Ägist dieser gemeine Kerl par excellence, die moralisch zerrissene, übernervöse Klytämnestra. die freche Gamine Elektra. die das empörende Spiel, die fürstliche Fassade einfach nicht mitmacht – sie alle sind nicht auf die Bühne gestellt, "Furcht und Mitleid" zu erregen, sondern inmitten einer überall knisternden, gärenden, aktionslüsternen Résistance. Und was in Sartres Argos schwelt, spricht das europäische Entsetzen in einem seiner grauenvollsten Augenblicke an. Dabei unterfängt sich Sartre, Jupiter zu widerlegen. Er beweist, daß Jupiter auf Orest und nicht Orest auf Jupiter angewiesen ist. Die Welt kann ohne Jupiter existieren, aber Jupiter nicht ohne die Welt. Der Jupiter, der seine Ohnmacht so skandalös zur Schau stellt, gibt Orest in die ganze Verantwortungsschwere seines Aktion frei, und das heißt: ob Gott existiert oder nicht existiert – der Europäer ist verdammt, diese unsere Welt einzig und allem aus dem Liberum arbitrium, der freien Entscheidung aufzubauen. Hinter ihm ziehen wie eine Kometenspur all seine Verantwortungen, seine offiziellen und nichtoffiziellen Verbrechen her, und das einzige, was bleibt, ist, die Verantwortung auf eine Schulter zu laden. Das ist die letzte und, menschlich wichtigste – Aktion des Orest. ähnlich wie Christus die Schuld der Welt gesühnt hat.

Als Äschylos die Perser geschrieben hatte, als die athenische Gemeinde die Aktion feierte, die Europa vor Asien gerettet, hat, da saßen die Bürger im Parkett, die in Salamis gekämpft und Xerxer außer Landes gejagt hatten. Heute sitzen wir im Parkett, die wir den Präriebrand mit eigenen Augen erlebt haben, das Feuer, das über die Zentralen der Europäischen Zivilisation hinweggerast ist und jederzeit, nur noch wahnwitziger, wiederaufflackern kann. Die "Mouches" sind darum kein Theaterstück wie Strindbergs "Ostern" oder Ibsens "Nora", und es ist nicht damit getan, daß man mit Pierre Boutang und Bernard Pingaud diesen Sartre für einen Besessenen erklärt. Das erklärt nichts. Es ist auch nicht damit getan, daß man Gott oder Jupiter – gleich welchen – ex cathedra wieder einsetzt. Sartre will ja Realität, volle Realität, will ja Menschen, die existieren, und nicht Menschen, die mit brillanten Gedanken einen schamhaften Schleier über den europäischen Schutthaufen ziehen. Damit setzt, in einer Spätzeit der abendländischen Geschichte, wiederum die Wirksamkeit der Tragödie ein. Gläubige Epochen haben keine Tragödien. Da heißt es nur: glauben und verehren. Aber ist die Geschichte, in der das Abendland verdämmert. nicht selbst eine einzige, gigantische Tragödie?

Die Pariser spielten in Baden-Baden die Tragödie nicht, wie wir’s gewohnt sind: Da waren flammende Kostüme, stocteausche Symbolik. Zeichen am Himmel; mysteriöse Formeln, die wir aus surrealistischen Bildern kennen; abscheuliche Figuren. aber alles – wie in ein geisterhaft irres Spiel hinaufgehoben, komödiantisch und doch noch nicht in seiner letzten Konsequenz durchdacht Aber die Größe der "Mouches" wird selbst in dieser kubistischen Phantasmagorie deutlich. Und man erkennt: Frankreich hat mit Sartre einen der größten Dramatiker gewonnen, die Europa heute besitzt.