Gibt es Krieg, oder kann er vermieden werden? Das ist eine Frage, die heute viele Menschen sich täglich stellen. Wir wollen nicht verhehlen, daß die Zahl derer erheblich ist, welche glauben, daß nur ein Krieg die heute bestehenden Spannungen in der Welt beseitigen könne. Die politische Hysterie ist überall groß, und es ist bezeichnend, daß bedeutende Staatsmänner wie Bevin oder der amerikanische Hauptdelegierte bei der UNO. Warren Austin, es für nötig gehalten haben, öffentlich vor der Behauptung zu warnen, daß ein dritter Weltkrieg unvermeidlich sei.

Diese weit verbreitete Ansicht geht davon aus, daß die Spannung zwischen Amerika und der Sowjetunion ideologischer Natur sei und daher früher oder später zu einem kriegerischen Zusammenstoß führen müsse, um so mehr, als die kommunistische Zielsetzung einer Weltrevolution aggressiv sei. Die Äußerung Stalins, daß er sich sehr wohl einen Ein-Land-Kommunismus vorstellen könne, wird dabei von den Verfechtern der Kriegsidee als "unwahrhaftig" beiseite geschoben, obgleich doch die Erfahrung lehrt, daß die Sowjetunion vom Abschluß des russisch-polnischen Krieges bis zum Jahre 1939 keine Angriffe unternommen hat und daß die dann folgenden Kriege gegen die baltischen Staaten und Finnland imperialistischer und keineswegs ideologischer Natur waren. Anderseits ist man in der Sowjetunion der Ansicht, daß der Kapitalismus wiederum von Natur aus aggressiv und imperialistisch sei, und dort fühlt man sich daher von den kapitalistisch eingestellten Ländern bedroht. Gegenseitiges Mißtrauen, und gegenseitige Furcht also herrschen, infolge der bestehenden ideologischen Spannungen in der zwiegeteilten Welt. Hieraus jedoch könnte allenfalls ein Präventivkrieg entstehen; einen solchen Krieg vom Zaune zu brechen, dürfte aber heute so leicht niemand wagen, Um ein Wort des englischen Professors Szillard zu zitieren: es möchten wohl beide Parteien einen kommenden Krieg gewinnen, aber keine wünscht ihn zu führen.

Wenn nun die Sowjetunion vor 1939 friedlich abseits neben den anderen Völkern lebte, wie drückte sich dies in ihrer Politik aus? Sie kapselte sich ab gegen die Welt hinter einem Eisernen Vorhang, und die kommunistische Aggression wurde der Komintern überlassen, die in den demokratischen Ländern die dortigen kommunistischen Parteien unterstützte und leitete. Durch eine Missionstätigkeit also, nicht durch Angriffskriege wurde die Weltrevolution vorbereitet. Von dieser damaligen Politik unterscheidet sich auch die heutige dem Prinzip nach nicht. Es besteht nur das Bestreben; den Eisernen Vorhang gegen früher in seinem Platz zu verändern. Das aber hat nicht ideologische, sondern imperialistische Gründe.

Man vergißt allzu leicht, daß Rußland als Staat nicht 1917 begann, sondern eine lange Geschichte hat, deren politische Tradition nicht einfach mit dem Zusammenbruch des zaristischen Staates ein Ende gefunden hat. Da ist das alte russische Streben nach Häfen an den "warmen" Meeren. Seit den Tagen Peters des Großen ist der Wunsch, den Balkan und damit die Dardanellen zu beherrschen, niemals in Vergessenheit geraten; er hat zu ständigen Kriegen mit der Türkei geführt. Da ist ferner die traditionelle Politik eines Freundschaftsbündnisses mit Deutschland, die für die westeuropäischen Mächte immer ein Albdruck gewesen ist. Da ist das Gortschakowsche Programm für Zentralasien, das die Angliederung Ostturkestans, des heutigen Sinkiang, an das russische Reich forderte. Diese alten imperialistischen Ziele sind nicht vergessen. Der Versuch, sie zu erreichen, aber, hat mit der "Weltrevolution" unmittelbar nichts zu tun.

Bis 1939 verlief der Eiserne Vorhang in Europa an der finnisch – baltisch – polnisch – rumänischen Grenze. Auf den Konferenzen von Teheran und Jalta haben die Westmächte der Sowjetunion generell das Recht zugestanden, sich eine Wirtschaftliche Einflußsphäre in den osteuropäischen Staaten zu schaffen; zugleich übernahmen alle drei Mächte die Verpflichtung, in den befreiten Ländern Regierungen anzuerkennen, die auf Grund demokratischer Wahlen zustande kämen. Die Sowjetrussen haben im weiteren Verlauf mehr Wert auf die erste Vereinbarung, die Angelsachsen mehr auf die zweite gelegt. Das hat in der Folge. zu häufigen Protesten und Notenwechseln geführt. Dennoch konnte auf der Pariser Konferenz eine Einigung über die Friedensverträge mit Ungarn, Rumänien und Bulgarien erzielt werden. Erst als Rußland den Vertrag von Montreux kündigte, ein Mitverteidigungsrecht für die Dardanellen forderte, und als nach Ablehnung dieser Forderung die Balkansatellitenstaaten offen in den griechischen Bürgerkrieg eingriffen, mit dem Ziel, Südmazedonien von Griechenland abzutrennen und damit die Dardanellen auszuflankieren, erst da kam es zu einem ernsthaften politischen Zusammenstoß.

Die Amerikaner und die Engländer sahen mit der Türkei auch den Mittleren Orient, und damit wichtige strategische und wirtschaftliche. Interessen bedroht. Die Folge war die Verkündung der Truman-Doktrin, die eine militärische Hilfeleistung für Griechenland und die Türkei vorsah. Daß diese Maßnahme innenpolitisch mit einer Verfolgung der Kommunisten in Amerika verbunden war, brachte ein ideologisches Moment in den Streit hinein. Dies sollte eine Antwort sein auf die Sowjetisierung Osteuropas, aber diese Antwort ging andern Kern der russischen Zielsetzung vorbei. Es scheint uns nicht unbedingt richtig, zu glauben, daß Rußland ernstlich, aus Gründen der Weltanschauung daran, interessiert sei, seine Satellitenstaaten in sein System, einzubeziehen. Schon die Tatsache, daß unter den kommunistischen Ministern dieser Staaten sich, eine Reihe ehemaliger Faschisten befinden, spricht dagegen. Die Sowjetunion verfolgt in den osteuropäischen Staaten imperialistische, und zwar kolonial-imperialistische Ziele. Niemand hat ein Recht, daran zu zweifeln, daß die Pariser Verträge von Rußland in der Absicht geschlossen, sind, diese Staaten nach der Ratifizierung militärisch zu räumen. Aus diesem Grunde hat die Sowjetunion auch überall vorsorglich Händelsverträge abgeschlossen, die ihr praktisch die Wirtschaft dieser Länder ausliefert.

Die prinzipiellen Erklärungen der Truman-Doktrin aber zu Beginn der Moskauer Konferenzhaben die Lage für Rußland durchaus geändert. Sie haben bei den Sowjets erneut Furcht vor einer kapitalistischen Aggression hervorgerufen. Griechenland und die Türkei sind, militärisch gesehen, ein Sprungbrett zur Krim, eine Bedrohung des "weichen Unterleibs" der Sowjetunion. Nicht Petersburg oder Riga, sondern Odessa ist der wichtigste Hafen des europäischen Rußland. Kein Wunder, daß die Verhandlungen in Moskau von vornherein zum Scheitern verurteilt waren. Rußland will im Augenblick sein militärisches Vorfeld nicht aufgeben. Mit der Hinauszögerung des österreichischen Staatsvertrages ist ihm ein Vorwand gegeben, auch nach der Ratifizierung der Friedensverträge russisches Militär in Ungarn und Rumänien zu belassen zur Sicherung der Etappe für die Besatzungstruppen in Österreich. Die Wegerung der angelsächsischen Mächte, Reparationen aus der laufenden Produktion zuzulassen, diente als Grund, die deutsche Wirtschaftseinheit – abzulehnen. Damit bleibt der Eiserne Vorhang in Europa zunächst in seiner neuen Lage – er verläuft Ton Lübeck über Triest bis zur griechischen Nordgrenze. Zweifellos ist er unbeweglicher und undurchdringlicher geworden.