Durch die Annahme des amerikanischen Hilfe- und Anleiheprogramms auf Grund, der Truman-Doktrin ist die Türkei nunmehr das vorderste Bollwerk, der westlichen Welt geworden." Diese Feststellung, die zu oft und sehr gern von den türkischen Politikern gemacht wird, bringt zwar Gefahren mit sich, schreckt die Türken aber anscheinend nicht, sondern erfüllt sie mit Stolz und beinahe freudiger Zuversicht. Denn man Weiß, daß die großen, reichen und vor allem in dem gegenwärtigen Moment entschlossenen Vereinigten Staaten am Schicksal des Bollwerkes interessiert sind.

Seitdem schreitet die Koordinierung in der militärischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen den USA und der Türkei rasch vorwärts. Die türkische Armee hat bereits Uniformen erhalten, die kaum von der amerikanischen zu unterscheiden sind. Die türkische Flotte soll durch größere Einheiten verstärkt werden, und die Istambuler Zeitungen berichten in den letzten Wochen in sensationeller Aufmachung über laufende Landungen von ganzen Kampf- und Bombengeschwadern. Es heißt sogar, daß die USA zum erstenmal "Fliegende Festungen" liefern werden, die bisher noch nie an fremde Staaten gegeben wurden. Ein türkisch-amerikanisches Programm sieht schließlich den Bau von mehreren Flugplätzen, von 10 000 km Straßen und den Ausbau der Häfen an der Südküste vor, die zwischen der syrischen Grenze und der Insel Rhodos liegen. Ihr Umschlagsvolumen soll auf täglich 150 000 t erhöht werden. Da die der Türkei gewährte finanzielle Hilfe bei weitem für alle diese Arbeiten nicht ausreicht, hat die Regierung in Ankara um eine neue Anleihe gebeten.

Aber nicht nur für die geplanten militärischen Anlagen und den Kauf des Kriegsmaterials braucht die Türkei Finanzhilfe. Der Druck, der von außen auf sie ausgeübt wird, hat die türkische Regierung gezwungen, auch nach Beendigung des Krieges, wie während seiner Dauer, mehrere hunderttausend Mann unter Waffen zu halten – man spricht von 750 000 bis 1 Million bei einer Gesamtbevölkerung von 18 Millionen – eine Last, die in einem relativ wenig entwickelten Agrarstaat selbst bei kluger politischer und wirtschaftlicher Führung am Ende aus eigener-Kraft kaum getragen wenden kann. Denn diese Soldaten benötigen Waffen, Kleidung, Verkehrsmittel, essen auf Kosten des Staates mehr als zu Haus, und sie fallen überdies als Arbeitskräfte aus – ein Problem, das selbst in den fortschriftlichsten Industrieländern kaum lösbar wäre.

Natürlich würden ohne die amerikanische Anleihe solche Umstände die Türkei in kurzer Zeit nötigen, die Rücksicht auf die außenpolitische Entwicklung fallen zu lassen, ihre Armee drastisch zu reduzieren, die entlassenen Soldaten in den Arbeitsprozeß einzuschalten, und so aus einigen hunderttausend Verbrauchern Produzenten zu machen. Die Aussichten eines solchen Entschlusses könnten, rein wirtschaftlich gesehen, nicht schlecht sein. (Der türkische Staatshaushalt für 1947 sieht, mit Ausgaben von 1136 Millionen türkischen Pfund ein Defizit von nur 115 Millionen vor, während weit mehr als 400 Millionen für die Armee und Ausrüstung bestimmt sind.) Die außenhandelspolitische Lage der Türkei allerdings würde durch eine Demobilisierung nicht wesentlich verbessert, und auch in den nächsten Jahren würden Exportschwierigkeiten eintreten. Denn die Türkei war in den Kriegsjahren gewohnt, den größten Teil ihres Exports auf dem Kompensationswege nach Deutschland zu lenken. Während ihre Ausfuhrprodukte jetzt die dollarreichen Länder nicht interessieren, verfügen die valutaschwachen Staaten nicht über genügend. Devisen, um sich die wenig lebenswichtigen Waren aus der Türkei anzuschaffen.

Obwohl in der letzten Zeit durch die Truman-Doktrin sehr lebhafte und ausgedehnte Erörterungen über die russisch-türkischen Beziehungen hervorgerufen wurden, ruht praktisch die im Kern des Verhältnisses zwischen Moskau und Ankara stehende Dardanellenfrage seit mehreren Monaten. Zum erstenmal seit längerer Zeit wurde vor kurzem dieses Problem von dem türkischen Ministerpräsidenten Peker wieder aufgeworfen, indem er in einer Rede vor dem Parlament erklärte, daß eine "gewisse ausländische Macht" in einer Note militärische Stützpunkte von der Türkei verlangt habe. In dieser hochoffiziellen Erklärung sieht der diplomatische Korrespondent von Reuter ein Zeichen dafür, daß die Dardanellenfrage, die zu einer kritischen Phase in der türkischen Geschichte führen könne, in allernächster Zeit wieder aktuell sein würde. Fast scheint es uns manchmal, daß eine solche Entwicklung für die türkische Regierung nicht ganz unerwünscht wäre. Auch von der türkischen Presse und vom Rundfunk werden mit einer sonst in solchen Fragen bisher unbekannten Offenheit und Schärfe immer wieder das militärische Ziel der Maßnahmen in der Türkei hervorgehoben. Angesichts solcher Bekundungen kann sich der Beobachter gelegentlich nicht des Eindrucks erwehren, daß man in Ankara dadurch nicht nur moralische – Wirkung zu erreichen wünscht, sondern einer Entscheidung nicht unbedingt auszuweichen wünscht, Solange die Umstände so günstig bleiben. A. B.