Das Motiv der Einweihung beherrschte einst ein weitem Gelände der Dichtkunst: Wolfram von Eschenbachs Parzival ist das gewaltigste Beispiel dafür, Goethes "Märchen" und die "Lehrlinge zu Sais" von Novalis repräsentieren neuzeitliche Bemühungen um das gleiche hohe Ziel. In der Gegenwart sind es vor allem Gustav Meyrinks magisch-kabbalistische Romane und Anker-Larsens "Stein der Weisen" gewesen, die den modernen Menschen in die Tragik und in die Verheißung des Einweihungsstrebens schauen lehrten; und selbst Thomas Mann, der vielen Lesern als Kulturkritiker und Ironiker imponiert, bekannte Im Mai 1939 vor Studenten der amerikanischen Universität Princeton, daß sein "Zauberberg" als "eine Abwandlung des Tempels der Initiation" gewertet werden müsse – und er bezeichnet die Einweihung als "jenes Höchste, wonach nicht nur der tumbe Held, sondern das Buch selbst auf der Suche ist." Thomas Mann, der Sucher nach, Einweihung. erhielt den Nobelpreis. Die gleiche Ehrung wurde im November Hermann Hesse zuteil: für sein? ganz bewußt als Einweihungsdichtung verfaßtes zweibändiges "Glasperlenspiel", das 1937: in der Schweiz erschien und nunmehr, auch in deutscher Ausgabe (Suhrkamp Verlag, Berlin) vorliegt. Dieses "Glasperlenspiel" dürfte das meistbesprocheneBuch der deutscher Gegenwart sein, aber in fast allen Besprechungen vermißt man das Eingehen auf die Überfülle des Konkret-Okkulten, womit das Buch gesättigt ist. Daß die Provinz Kastalien. wo die Glasperlenspieler in edler Abgeschiedenheit hausen. Beziehungen zu Goethes "pädagogischer Provinz" habe – auch Hesse bedient sich der Formulierung, "pädagogische Provinz – wird allgemein bemerkt, aber wie fern Hesses Welt derjenigen Goethes steht, entgeht den meisten Beurteilern. Beim Glasperlenspiel handelt es sich um das Zelebrieren einer geheimnisvollen Pan-Harmonie. die alles mit allem in Einklang zu bringen weiß. Überall, wo Hesse von der eigentlichen Methode des Glasperlenspiels berichten will", was er immer wieder und bis zur Ermüdung des Lesers jutbleibt er im Unverbindlichen, absichtlich Undeutlichen. Er will, dem Geheimnis seinen Mysteriencharakter belassen, aber er gerät mit dieser Zurückhaltung in den Verdacht, gar nicht der Zauberei zu sein, der hier aus einem Kosmos der Zaubereien als ein Offenbarender das Wort ergreift. Das wird besonders deutlich, wenn man sich zum Beispiel des Romans "Der Engel vom westlichen Fenster" erinnert. den Gustav Meyrink als alter souveräner Magier schrieb: jeder Satz darin ist durchglüht von der Inbrunst des metaphysischen Praktikers während Hesse gerade dort, wo er die geheimnisvolle Praxis des Glasperlenspiels schildern will, lediglich Poet bleibt –, – wenn nicht gar Literat.

Aber Hesse ist dennoch bestrebt, rechte viel aus der magisch-okkulten Wirklichkeit für das Verständnis seines "Ordens der Glasperlenspieler" heranzuziehen-: "ihre auf alten Geheimübungen beruhende Fähigkeit des magischen Eintretens in entlegene Zeiten und Kulturzustände" kennzeichnet die "Morgenlandfahrer" die den Grundstein des Ordens legten – und asiatische Praktiken des Okkultismus sind innerhalb der Provinz Katstallen gang und gäbe. Da wird mit dem chinesischen-Schafgarben-Orakel nach den Vorschriften des Buchs 1-Ging die rechte Art, der Zukunft zu begegnen, ermittelt, da werden Yoga-Übungen pflichtgemäß betätigt – zur Abwechslung spricht Hesse statt von Yoga auch immer wieder einmal von Meditation – und wenn eine Persönlichkeit des Ordens der Glasperlenspieler in seelische Bedrängnis gerät, so sind Yoga-Atemübungen auszuführen, die der Verfasser auch hinsichtlich ihrer Technik genau beschreibt.

Diese "büßerisch-fanatische Hingabe an den Geist die die Bewohner Kastaliens erfüllt, ist eine Reaktion auf das "feuilletonistische Zeitalter". womit Hesse unsere Gegenwart meint.Sein Buch spielt, in der Zukunft. Zukunftsmusik will das "Glasperlenspiel" erklingen lassen. Es kann hier nicht auf die Handlung eingegangen werden, die damit abschließt, daß der Held des Buchs, der "Magister Ludi" Josef Knecht, sich aus der Gemeinschaft der Glasperlenspieler – gegen den Widerstand der Ordensleitung – loslöst und in einem Bergsee ertrinkt: die Einweihung, um die es Hermann Hesse geht bleibt unvollendet, die Zwangseinweihung des Todes reißt den abtrünnigen Josef Knecht hinüber auf die andere Seite des Seins Dort, wo die gründlichen Bemühungen um Esoterik ihre Krönung finden sollten, geschieht der Abfall und die persönliche Katastrophe – ganz ähnlich wie die Ordensbrüder in Ernstist Jüngers "Marmorklippen" um die Ergebnisse ihrer adligen Abgeschiedenheit betrogen werden durch die heranbrandenden Unheilscharen der Kreaturen von Koppelsbleck, Es führt also die strenge Ordensdisziplin zu keinem . Gewinn, der glaubhaft gemacht werden könnte. "Während ein "solches Spiel zelebriert wird, leben sämtliche Mitglieder und Zuhörer nach genauen Vorschriften, Welche sich auf die Schlafdauer erstrecken, ein enthaltsames und selbstloses Leben der absoluten Versenkung. vergleichbar dem streng geregelten.büßerischen Leben, welches die Teilnehmer an einer der Übungen des heiligen Ignatius führten", so wird uns berichtet – und wie im Bereich der bota-, nisierenden Einsiedler-Ästheten Ernst Jüngers, kommen auch im Bereich der Glasperlenspieler Hermann Hesse? keine Frauen vor.

"Sünden" in Kastalien sind anders beschaffen als in der Welt draußen: da verfällt Josef Knecht in bohrende Reue, weil er eine Zeitlang das regelmäßige Meditieren unterlassen hat. vor allem aber ist es sündhaft, wenn ihn die Freiheit lockt: Scheinfreiheit ist das wirkliche Gesicht der sogenannten "freien Berufe", wird dem Jüngling Josef Knecht vom Magister Musicae beigebracht – und das Höchste, was ein Meister in Kastalien erreichen kann, ist immer nur, eine Funktion des Ordens zu sein.

Der Träumer, der Poet, der herzlich wohlgesonnene Menschlichkeitsapostel Hermann Hesse wird stets eine der liebenswertesten Gestalten der deutschen Literatur bleiben, aber hier, im "Glasperlenspiel", drängt sich dem Leser an fielen Stellen die Frage auf: Befinden wir uns nicht gerade dort nach wie vor im "feuilletonistischen Zeitalter", wo Hesse vom Hintergründigen, von der Einweihungswirklichkeit künden will? "Das Ganze des Lebens, des physischen wie des geistigen, ist ein dynamisches Phänomen, von welchem das. Glasperlenspiel im Grunde nur die ästhetische Seite erfaßt, und zwar erfaßt sie es vorwiegend im Bild rhythmischer Vorgänge", heißt eine hervorgehobene Notiz Josef Knechts über Bedeutung und Theorie des Glasperlenspiels. Ist dergleichen wirklich mehr als – Literatur?

Nirgends macht Hesse unerbittlich ernst mit der-Erkenntnis höherer Weltzusammenhänge. So sind dem Buch zum Schluß drei Lebensläufe beigegeben, poetisch Von zauberhafter Tiefe und Hintergründlichkeit. Die Geschichte dieser Lebensläufe istcharakteristisch: Wie die Glasperlenspieler im allgemeinen, so hat auch Josef Knecht die Aufgabe übernommen, sich in seine vergangenen Erden-, leben, okkult rückerinnernd, zu versenken und von ihnen zu berichten. Jedoch ist es den Glasperlen- – Spielern freigestellt, in solchen Fällen einfach Fabu-. lierende sein zu können, ohne daß sie wirklich an wiederholte Erdenleben glauben, oder auch von der Tatsächlichkeit ihrer Präexistenz überzeugt zu sein. Von existentiellen Entscheidungen ist immer nur die Rede, wo es um die innere Abhängigkeit von der Hierarchie des Ordens geht – und da Josef Knecht diese innere Abhängigkeit schließlich nicht mehr verträgt, entwindet er sich dem Orden, um draußen in der Welt ein Privatpädagoge sein zu können. Wie ihm das Ziel des Ordens, die Einweihung, die Weltgeheimnis-Kommunion, mißlang – es ist ein Spiel mit Glasperlen, was in Kastilien gespielt, wird! –, so mißlingt ihm auch der Rückweg in die Welt: das Schicksal nimmt ihn. sogleich hinüber in die Überweit.

War Thomas Manns "Zauberberg" nach den Worten seines Autors hinsichtlich der Einweihung "auf der Suche", so ist auch Hesses "Glasperlenspiel" über das Suchen noch nicht hinausgekommen. Ob Chinas Schafgarben-Orakel, Indiens Yoga und ein Exerzitienwesen nach Art des Ignatius von Loyola die rechten Methoden abgeben, im Mitteleuropa der Gegenwart eine echte Einweihung zu verwirklichen, das darf zumindest mit einem Fragezeichen versehen werden. Hesse, der solche Wege beschreibt, gibt uns die Schilderung einer unvollendeten Einweihung. Indessen ist sein Buch dennoch voller Meisterschaft: der literarisch und kulturhistorisch hochgebildete Poet, der weise Menschenkenner, der bewährte Erzähler leben darin und überdies kann es als Dokument ohnegleichen gelten für unsere Zeit, die Hunger hat nach dem Unvergänglichen, der es aber leichter fällt, utopische Idylle zu erträumen, als wirkliche Schritte zu tun auf jenes Ziel hin, das uns hüben und drüben zu lebendigen Menschen macht.