War es so, daß die deutschen Sozialdemokraten zur internationalen Sozialistentagung nach Zürich fuhren nur damit sie um eine Hoffnung, eine Illusion ärmer nach Hause zurückkehrten? War es so? Die SPD ist nicht in eine neue sozialistische Internationale aufgenommen worden; das ist wahr. Und es hat hinterher nicht an Stimmen gefehlt, die ihre Genugtuung darüber, aussprachen, weder, im Inland noch im Ausland. Wie denn? Die Internationale wäre nur noch eine Reminiszenz? Eine verklungene Fabel, ein verblaßten Kinderschreck oder ein romantischer Traum weltfremder Idealisten?

Sicher ist, daß die deutschen Sozialdemokraten, bevor sie nach Zürich reisten, mit einer Ablehnung rechnen mußten und auch damit gerechnet haben. In dieser Lage haben sie es vorgezogen – selbst, auf die Gefahr, man werde sie einer Blamage zeihen –, der Entscheidung nicht auszuweichen und durch ihre Anwesenheit in Zürich bewußt zu einer weiteren Klärung der internationalen Machtströmung beizutragen, und dieser "Mut zur Blamage" zeigt Mut zur Sachlichkeit und zur Verantwortung.

Das Verhängnis hat uns Deutsche mitten hinein ins Feld der Entscheidungen zwischen Ost und West gestellt Und wir würden uns endgültig bankrott erklären, wenn Wir an der Möglichkeit für immer zweifeln sollten, daß, die großen Mächte – die der westlichen Demokratie und die des östlichen Kommunismus – nichtfriedlich nebeneinander existieren könnten. Auf nichts anderem beruht unsere große Hoffnung. Was demgegenüber aber um so verwirrender wirkt, ist zeitweilig die Politik der kleinen und kleinsten Länder, die am Rande der großen Entscheidungen ihre mehr oder minder unfreiwilligen Arabesken beisteuern;

Da haben nun die – Abgeordneten aus den kleineren östlichen Ländern gegen die Aufnahme der SPD in die neue sozialistische Internationale gestimmt, wobei dann zutage trat,, daß die Versammlung in Zürich nur ein kleineres Spiegelbild jener großen grundsätzlichen Debatten und Stellungnahmen der Moskauer Ministerkonferenz war. Wesentlich aber war die Bereitschaft der deutschen Sozialisten zur internationalen Mitarbeit, ihr Bekenntnis zu einem freiwilligen Europäertum, Und immerhin haben> diesem Bekenntnis die sozialistischen Vertreter der westlichen und skandinavischen Demokratien zugestimmt. Dies ist – wenn auch die erforderliche Zweidrittelmehrheit fehlte – doch die Majorität gewesen, und es verdient wohl beachtet zu werden, daß diese Zustimmung von Politikern aus jenen Ländern kam, die im Laufe von Kriegs- und Besatzungszeiten nichts Gutes von Deutschland erfahren hatten. Gewiß, die Hoffnung auf eine neue Internationale ist vorerst zerstört worden. Und man wird nicht behaupten können, daß diese Hoffnung sehr groß war, denn allzu gründlich hat in der Vergangenheit – und am eklatantesten vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges – die Internationale gerade dann vor den nationalistischen Tendenzen kapitulieren müssen, wenn sie Gelegenheit hatte; sich mit äußerster Konsequenz zu bewähren. Diesmal, in einer zweigeteilten Welt, sind indessen die Türen nicht völlig zugeschlagen, da mit großer Mehrheit die Bildung eines, internationalen Verbindungsausschusses zur SPD beschlossen und ein neuer Termin angesetzt wurde: Im Herbst, nach der Londoner Ministerkonferenz, wird man weitersehen. Diesmal jedenfalls hat man erfahren, daß heute die politische Solidarität vor der Klassensolidarität tangiert. Dennoch ist die Hoffnung, auf ein gemeinsames Weltbürgertum nicht verloren, Unter allem Negativen brachte dies die Abordnung der deutschen Sozialisten als Positivum heim. M.