Nach dem Handwerkskammertag der britischen Zone im Nordseebad Norderney, das in diesem Jahre sein 150 jähriges Bestehen feiern, wird, fand erstmalig eine Konferenz aller Handwerkskammern des britischen und amerikanischen Besatzungsgebietes statt. In grundlegenden Referaten behandelte man auf der Vollversammlung des Handwerkskammertages der britischen Zone, der die 19 Kammern zu einer öffentlich-rechtlichen Spitzenvertretung zusammenschließt, und auf den bizonalen Tagungen die Sorgen und Nöte des Handwerks, das Problem des Handwerks als Notstandswirtschaft, die Handwerksgenossenschaften, die Fragen der Berufsausbildung und die bizonale Zusammenarbeit. –

Die Bedeutung der Tagung, zu der die Handwerksvertreter aus allen Ländern der beiden Zonen erschienen waren, kam durch die Anwesenheit von Minister Koch (Wiesbaden), Minister Kubel (Hannover), maßgebenden Vertretern des Verwaltungsamtes für Wirtschaft in Minden und der Wirtschaftsministerien von Bayern und Württemberg-Baden überzeugend zum Ausdruck.

Minister Koch wies im Laufe der Tagung darauf hin, daß das Handwerk den ihm gebührenden. Platz einnehmen müsse, weil Deutschlands Industrie auch in den nächsten Jahren noch nicht in der Lage sein wird, den deutschen Bedarf zu decken. Wirtschaftsminister Kubel gab einen mit großer Anteilnahme aufgenommenen wirtschaftlichen Abriß, der mit absoluter Nüchternheit einen Ausblick in die Zukunft gewährte. Es sei an der Zeit, so sagte er. daß in bezug auf die europäische und deutsche Wirtschaft etwas mehr Sachlichkeit Platz greife und man endlich von der Redensart ablassen sollte, Deutschland sei noch eine Bedrohung der Welt. Mit nüchternen Worten skizzierte der Wirtschaftsminister das Gegeneinander der einzelnen Besatzungszonen. Er gab zu, daß Planung und Erfassung in Unordnung sind. Aber eine Überbetonung dieser Dinge sei völlig fehl am Platze. Hätte man rechtzeitig eine vernünftige Wirtschaftspolitik zugelassen, so könnten wir uns längst besser ernähren. Unter den heutigen Voraussetzungen wird eine Hilfeleistung aber weit teurer sein, als sie es noch vor einem Jahre gewesen wäre.

Die Zukunftsaussichten, die Kubel für den kommenden Winter zeichnete, waren ernst und düster. Er sprach von einer Zunahme der Korruption und der moralischen Verrohung. Damit würde die Verzweiflung ansteigen und zugleich die Bereitschaft für einen politischen Mißbrauch, der nach den Worten des Ministers von verschiedenen Seiten gewünscht wird. Es kann nur ein schwacher Trost sein, wenn der niedersächsische Wirtschaftsminister, von dem man annehmen muß, daß er die Verhältnisse von einer durchaus sachlichen Warte zu sehen gewohnt ist, abschließend betonte, daß Deutschland auch die kommende Notzeit überstehen wird. Überaus positiv waren dagegen seine Ausführungen, die er über die eigentlichen Probleme des Handwerks machte. Mit Nachdruck stellte er fest, daß das Handwerk durchaus nicht etwa auf einem absterbenden Ast sitze. Das handwerkliche Schaffen sei gegen die Vermassung gerichtet und von tragender kultureller Bedeutung. Minister Kubel fand als Sozialist auch beachtenswerte Worte über die Freiheit der Wirtschaft im Rahmen des Handwerks. Das Maß der wirtschaftlichen Selbstverwaltung, so sagte er, müsse für den Handwerker bis zur äußerst tragbaren Grenze gesteigert werden, und er lehne es ab, etwa auch auf diesem Gebiete noch die Verteilung des kleinsten Nagels zu "regeln". Dann hätte man, wie Kubel unter Beifall der Handwerksvertreter ausführte, bald mehr Formulare als Nägel.

Aus dem Rechenschaftsbericht des Handwerkskammertages der britischen Zone, den Syndikus Oberbeck (Hannover) erstattete, ging die große volkswirtschaftliche Aufgabe des Handwerks deutlich hervor. Rund 400 000 Handwerksbetriebe sind allein in der britischen Zone in der Handwerksorganisation zusammengefaßt. Seit 1945 sind überall viele neue Handwerksbetriebe gegründet worden, und ein hoher Prozentsatz der Neuzulassungen entfällt auf verschiedene Osthandwerker. Die Handwerkskammer Flensburg hat bei den Neuzulassungen einen Flüchtlingsanteil von 49,5 v. H., die Kammer Lüneburg einen Aliteil von 40,4 v., H., Hannover 14 v. H., Bielefeld 11,4 v. H., Hamburg 5,3 v. H. und u. a. Düsseldorf 2 v. H. Auch mit der Handwerksstatistik befaßte man sich eingehend, Ihr sind schon heute interessante und lehrreiche Einblicke in die Bedeutung aller Handwerkszweige zu danken. Wenn man erfährt, daß ein normaler Klempnereibetrieb in Hildesheim innerhalb eines Jahres 16 000 Kochtöpfe repariert und, daß von den Schuhmachern eines oberbayrischen Handwerkskammerbezirkes in einem Monat 53 000 Paar Schuhe besohlt wurden, so erkennt man, daß die bisher geübte Unterbewertung des Handwerks verfehlt sein muß. Daher kam auch während der Tagung der Wunsch zum Ausdruck, daß das Verwaltungsamt für Wirtschaft in Minden dem Handwerk, seiner besonderen Bedeutung in der augenblicklichen Notlage wegen, die zur Erfüllung, der drängenden Reparaturaufgaben erforderlichen Kontingente zur Verfügung stellt. Syndikus Oberbeck führte zur Frage der Kompensationsgeschäfte aus, daß das Handwerk eine Legalisierung dieser Geschäfte energisch ablehne. Er forderte die Wiedereinführung der handwerklichen Ehrengerichte, eine Revision der Steuergesetze und eine Überprüfung der überholten Preisbildungsvorschriften.

In einem Aufruf richteten die Vertreter der 35 nord- und süddeutschen Handwerkskammern und der führenden Männer der handwerklichen Fachverbände sich an die 2,5 Mill. Handwerker aller Berufe beider Zonen in rund 750 000 Handwerksbetrieben, mit gutem Beispiel mitten im Volk’ Helfer in der Not zu sein. Besonders ruft man den Erfindungsgeist, das qualifizierte Können und das schöpferische Schaffen der Exporthandwerker auf, um den Leistungsexpcrt zum Wohl? der deutschen Volkswirtschaft zu fördern.

Im Laufe der Tagung hatte man verschiedentlich bedauert, daß man beim VAW für die Fragen des Handwerks-manchmal nicht das notwendige Verständnis aufbringe. Syndikus Oberbeck. teilte in diesem Zusammenhang mit, daß von den 2000 Angestellten des VAW kaum 13 die Fragen des Handwerks bearbeiten und daß in der Zuteilung der Rohstoffe die Industrie bevorzugt behandelt wird, während das Handwerk völlig, unzulänglich berücksichtigt werde. In einem längeren Referat über die Existenzgrundlagen der Wirtschaft erläuterte Dr. Meinhold von der Planungsabteilung des VAW die Haltung Mindens. Er befaßte sich besonders mit dem Problem der Kohle und zeichnete damit den dunklen Hintergrund des deutschen Wirtschaftsabstieges, von dem aus die Grundbedingungen, unter denen auch das deutsche Handwerk arbeitet, bestimmt werden. Nach Ansicht von Dr. Meinhold muß alles versucht werden, um diesen Abstieg in der Hoffnung zu verlangsamen, daß sich eines Tages im internationalen Leben die Vernunft durchsetzt. Bis dahin muß versucht werden neben der Substanz unserer Wirtschaft auch unsere Bevölkerung zu erhalten. Zu diesem Zweck sollte die handwerkliche Wirtschaft in einem weit stärkeren Maße eingespannt werden. Dr. Meinhold ging in seinem Referat auch auf die derzeitige Industrieproduktion ein und führte aus, daß in diesem Jahr die Produktionszahlen des vergangenen Jahres nicht erreicht werden würden, weil die Kohlenmengen für die deutsche Industrie gegenüber dem Vorjahr erheblich geringer waren.

Wenn sich als Ergebnis dieser Tagungen des Handwerks bei den deutschen Wirtschaftsdienststellen und den Dienststellen der Besatzungsmächte die Erkenntnis durchsetzt, daß das Handwerk in Zukunft nicht mehr als geduldetes Anhängsel der Industrie behandelt werden darf, so dürfte damit der breiten Masse des deutschen Volkes der beste Dienst erwiesen worden sein. We.