Es gibt nur wenige Menschen in Hamburg", sagte mein Onkel Ferdinand, "die einen Curry mit Reis richtig zubereiten können." Wir beide saßen rechts und links von dem Tisch, an dem meine Mutter, wie es jeden Donnerstag geschah, mit Vetter Ewald grabuge spielte, ich mit meinen neunzehn Jahren sehr erhaben über diese Beschäftigung, die mir ein unnützer Zeitvertreib schien, er, der die Maxime hatte, daß Zeitvertreiben die wichtigste Lebenskunst sei und der daher auch nie eine Uhr in seiner Wohnung duldete, mit gespannter Aufmerksamkeit auf das Spiel achtend.

Ich muß hier übrigens gleich bemerken, daß er in Wirklichkeit gar nicht Ferdinand hieß, sondern August, aber dieser Name war ihm seit langem abhanden gekommen. In seiner Jugend hatte er sich immer darüber beklagt, daß seinen Eltern kein besserer eingefallen sei. "Ich gebe zu", pflegte er zu sagen, "daß es nur wenige gibt, die so schroffe Gegensätze vereinen wie – meiner, aber das ewige Schwanken, ob ich mich nun feierlich wie ein römischer Imperator gerieten soll oder albern wie ein Zirkusclown, macht mich unsicher und nervös." Mein Vater versuchte oft, ihn zu trösten. "Das ist nicht so schwer, wie du denkst", entgegnete er ihm. "In jedem Imperator ist immer ein Clown verborgen, und ist der Clown nicht seinerseits wiederum ein unbeschränkter Herrscher im Zirkus?"

Solche Einwände jedoch konnten ihn aus seinem Zwiespalt nicht erlösen, und als sie einmal, junge Studenten im ersten Semester, nach dem Kolleg mit einigen Freunden im Café saßen und Onkel Ferdinand von neuem sein melancholisches Klagelied anstimmte, wurde feierlich beschlossen, ihn umzutaufen. Natürlich: regnete es absonderliche und groteske Vorschläge, von denen Theophilus und Nebukadnezar noch die harmlosesten wären. Schließlich jedoch schien mein Vater das Spiel zu gewinnen, indem er hartnäckig auf Yorik bestand, weil damit wenigstens ein Teil von der Bedeutung des alten Namens gerettet und der Spaßmacher konserviert sei, obgleich mein Onkel sich heftig dagegen wehrte, auf solche Weise halbiert zu werden, Da krähte plötzlich Vetter Ewald dazwischen, der damals gerade angefangen hatte, Goethe zu lesen: "Ferdinand, so pennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter." Dieses falsche Zitat trug den Sieg davon, und der Name blieb haften.

Ich hoffe, die Figur meines Onkels wird nicht zweideutig werden, wenn ich nun auch noch gestehe, daß er gar nicht mein Onkel war. Meine Eltern hatten ihn mir als Paten gegeben, und nach dem Tode meines Vaters war er mein Vormund geworden, sehr zur Genugtuung meiner Mutter, denn er war der beste Vormund von der Welt, er redete ihr nie in meine Erziehung hinein.

"Curry mit Reis also", wiederholte Onkel Ferdinand und zeigte mit dem Finger auf eine Karte, die meine Mutter übersehen hatte. Diese Hilfe trug ihr einen großen Vorteil, über. Vetter Ewald ein, der verdrießlich und gereizt auf seinem Stuhl hin und her rutschte.

"Ewald, sitz still", sagte meine Mutter und kniff vor Vergnügen die Augen zusammen, "du hinderst unseren Freund, uns Wichtiges mitzuteilen. Wie war es mit Ihrem Rezept; lieber Ferdinand? Beginnen Sie mit dem Reis."

Onkel Ferdinand lehnte sich gemächlich zurück. "Ich ziehe die indischen Sorten vor. Unpolierte natürlich. Es ist barbarisch, Reis zu polieren. Ist er einmal so verstümmelt, kann man ihn wirklich nur noch auf italienische Art in Öl rösten und in Bouillon ertränken. Das ist grausam und zerstört seine Persönlichkeit." Ich habe es nie begreifen können, wieso der Geist der Renaissance gerade bei den Italienern ausbrechen konnte, wo doch das Öl ihre Küche so uniform macht wie ein preußisches Armeekorps."