Der Fall Mathilde Ludendorff – Seite 1

Von Herbert Scheffler

Vor einiger Zeit meldeten die Zeitungen, daß Ludendorffs "Bund für Deutsche Gotterkenntnis", der sich unter dem abgeschwächten Titel eines "Bundes für Gotterkenntnis" neu auftun wollte, in der britischen Zone nicht zugelassen worden sei. Mathilde Ludendorff verwies auf ihr gutes Recht, eine religiöse Sekte zu bilden, worauf man ihr bedeutete, daß die von ihr beabsichtigte religiöse Sekte offensichtlich nur der Vorwand einer politischen, genauer gesagt: einer national stischen Aktion sei. Offenbar hat sie sich auch diese Abweisung nicht gefallen lassen wollen, denn die neueste Meldung besagt, daß man sie auf ihren Geisteszustand; untersuchen läßt.

Es wäre leicht, eine Satire auf diese Vorgänge zu schreiben. Aber diese Satire würde Mathilde Ludendorff in den Augen ihrer Anhänger zu einer Märtyrerin erheben; sie würde Ressentiments wecken, die eine klare Erkenntnis, dessen, was uns geschehen ist, affektmäßig verbauen würden. Man verliert nicht zwei Weltkriege, weil man nicht total genug gekämpft, nicht lange genug durchgehalten hat, sondern weil man falsch gedacht und falsch gerechnet hat.

Mathilde Ludendorff proklamierte einen Drei-Fronten-Krieg: gegen die Freimaurer, gegen die Juden, gegen die Jesuiten. Diese drei "überstaatlichen Mächte" waren die populäre Fassade für den einen, den entscheidenden Kampf gegen das Christentum. Es war Frau Ludendorff durchaus nicht darum zu tun, nur die Auswüchse der christlichen Konfessionen anzuprangern, die Allzumenschlichkeiten kirchlicher Institutionen abzutun, sondern das "Edelvolk" der Deutschen von dem jüdisch infizierten "Fremdglauben" freizumachen und in das rassisch unterbaute "arteigene Gotterleben" hinüberzuleiten. Die Erschütterung des Christentums durch den ersten Weltkrieg half ihr, die Dissidenten zu sammeln und den religiös Indifferenten nachträglich einen ideologischen Unterbau zu liefern, der sogar ein heroisches Ansehen hatte. So kam auch hier ein "Mythos des 20. Jahrhunderts" zustande, der den gleichen Fehler hatte wie Rosenbergs "Mythos", nämlich nicht gewachsen, sondern konstruiert zu sein. Wobei man anmerken muß, daß zwei Qualitäten Frau Ludendorff bedeutend einflußreicher gemacht haben als den trostlosen Abschreiber Rosenberg: die wissenschaftliche Art ihres Vorgehens und der geradezu bienenhafte Fleiß.

Schlagen wir auf! Das Buch trägt den Titel "Erlösung von Jesu Christo" und ist 1931. in Ludendorffs Volkswarte-Verlag herausgekommen. Das Inhaltsverzeichnis nennt folgende Hauptabschnitte; "Der Mythos von Krischna-Christos", "Das Leben des Juden Jesus", "Die indische, jüdisch verzerrte Lehre Jesu". Da die meisten Bücher Frau Ludendorffs nicht ohne einen Segensspruch des Feldherrn in die Welt gingen, so war auch hier ein Kennwort unentbehrlich. Es lautet: "Von der Verbreitung des Inhaltes dieses Werkes hängt die Befreiung des einzelnen Deutschen, des deutschen Volkes und aller Völker ab." Dann kommt ein Vorwort der Autorin, das am "Osterafest 1931" geschrieben ist und besagt, man solle dieses Werk nicht in die Hände derer geben, die an Jesum Christum glauben: der Inhalt der vier Evangelien des Neuen Testaments sei dazu angetan, "daß die gläubigen Christen nur erschrecken könnten". Aber Frau Ludendorff ist nicht besorgt, daß dadurch ihr Leserkreis enger würde, denn "ehrlich; gläubige Christen sind ein verschwindend kleines Häuflein der durch die Taufe als Säugling, also ohne ihre Einwilligung, in die Christengemeinde gezwungenen und im Christentum aufgezogenen Millionen Menschen". Das ist kein gutes Deutsch, aber man versteht ja, was gemeint ist.

Das Werk selbst enthält 310 engbedruckte Seiten im Großoktav. Systematisch werden die Evangelien durchgekämmt; und es ist. klar, daß nichts Gutes an ihnen bleibt. Der Leser, der das mir vorliegende Exemplar in Angriff genommen hatte (wie ich weiß, ein überzeugter Ludendorffianer), hat bis zur Seite 85 durchgehalten; dann ist ihm der anstreichende Bleistift entsunken, er hat Frau Ludendorff mit ihren Erkenntnissen allein gelassen. Das Nachwort gehört wieder dem Gatten: "Das Christentum hat, wie meine Frau vorstehend so überzeugend nachgewiesen hat, unsere Einzelseele, die Seele des deutschen Volkes, ja aller Völker ... zerschlagen und den Menschen die Erfüllung ihrer göttlichen Aufgabe erschwert. Es hat an Stelle freier Menschen und freier Völker die Organisation der Christenheit geschaffen, die den einzelnen Menschen und den Völkern die Arteigenheit nimmt und sie vergewaltigt. Dem stellen meine Frau und ich für Menschen unseres Blutes die Deutsche Gotterkenntnis gegenüber ..." Und das Nachwort klingt aus in reinen Aufruf, sich in dem Verein "Deutschvolk" zusammenzuschließen, "der nur aus Einzelmitgliedern besteht und andere Bindungen nicht kennt". – Also ein Verein, der keineswegs ein Verein ist, sondern nur so heißt...

In dem Vorwort zu dem Büchlein "Aus der Gotterkenntnis meiner Werke" (1935) sagt der Gatte: "Zum Wehrhaft-sein eines Volkes gehört seine Geschlossenheit, sonst fehlt der Wehrmacht der Rückhalt. Diese Geschlossenheit wird durch die Lebensgestaltung des Volkes nach den Erkenntnissen meiner Frau bewirkt." Frau Mathilde, hätte diese Anpreisung gar nicht – nötig gehabt, denn sie beginnt ihre eigenen Ausführungen mit den Worten: "Was gibst du uns? so fragt ihr." Besonders interessant ist das Kapitel mit der Überschrift: "Völkerunheil durch Wahnlehren über das Gewissen." Es heißt darin: "Eines muß hier erwähnt werden, da es nicht nur unendlich wichtig für den einzelnen Menschen, sondern auch für das Volksschicksal ist, das ist die hemmende Rolle, die das Gewissen bei diesem Höhenflug (nämlich der Entfaltung des Ichs) spielt. Die religiösen; Wahnlehren haben bisher gerade diesem Gewissen an sich eine heiligende Macht angedichtet." – Man kann es nicht deutlich genug sagen: von dieser Diffamierung des Gewissens führt ein grader Weg zu Hitlers lapidarem Satz: "Das Gewissen ist eine jüdische Erfindung" (Gespräche mit Rauschning) und zu den Konzentrationslagern, die auf der Gewissenlosigkeit der Lagerführer und des Wachpersonals aufgebaut waren.

Der Fall Mathilde Ludendorff – Seite 2

Aus der Fülle der Werke Mathilde Ludendorffs sei nur noch eines herausgegriffen: "Der ungesühnte Frevel an Luther, Lessing, Mozart, Schiller im Dienste des allmächtigen Baumeisters aller Welten." Es wird hier der scheinbar wissenschaftliche Nachweis erbracht, daß die genannten vier durch Gift aus der Welt geschafft worden sind, und zwar auf Anstiften freimaurerischer Geheimbünde. Dabei kommen Dinge ans Tageslicht, die uns noch nachträglich das Haar zu Berge stehen lassen; zum Beispiel die Behauptung, daß die Französische Revolution "der blutrünstige Rassenhaß des Juden durch den Massenmord am blonden Adel" gewesen sei, und daß Marie Antoinette nur deshalb zum Schafott verurteilt worden sei, weil deren Mutter, Maria Theresia, in Österreich die Freimaurerbünde verboten hatte. Bei Mozart heißt es: "Die Loge hatte in der Hoffnung, ihn zum künstlichen Juden behauen zu können, ihn schon als Kind weit über die Grenzen seiner Vaterstadt hinaus bekannt gemacht." Der Giftmord an Schiller, den Frau Ludendorff wie bei den anderen mit böswilliger Entstellung zu beweisen sucht, gibt Gelegenheit, eine heftige Schimpfkanonade gegen den Freimaurer Goethe loszulassen: "Bruder Goethe, dessen schmählicher Verrat an Schiller nach dessen Tode ihn für immer aus der Reihe deutscher Geisteshelden ausscheidet..." Jene anderen Zeugnisse über Goethes Verhalten nach Schillers Tode, die man bei Goethe, bei Heinrich Voß und anderen nachlesen kann, werden erledigt durch den sprachlich mißlungenen, aber dafür um so fanatischeren Satz: "Die verherrlichenden Lügen über Goethe hinderteil über ein Jahrhundert lang die heilige Segenswirkung, die aus dem Morde an Schiller dem Volk werden kann, nämlich die, daß es ihn erfährt, den skrupellosen Rassehaß des Juden erkennt und sich dann retten läßt."

Es hat sich retten lassen, das Volk. Der Beweis sind Millionen toter Soldaten, Millionen verbrannter Frauen und Kinder, Millionen Menschen ohne Habe und Heimat und ein verwüstetes Land.