Dem Zusammenbruch der Nahrungsmittelversorgung ist eine Energie-, Transport-, Reparatur-, Rohstoff- und Hilfsstoffkrise gefolgt, die alle Zweige der Wirtschaft ergriffen hat. Das Versagen der bisherigen Bewirtschaftungsmaßnahmen hat zu der Einsicht geführt, daß nur eine systematische Steigerung der Produktion Rettung bringen kann; diese Erzeugungssteigerung setzt freilich eine Wirtschaftsplanung voraus, die auf die Beseitigung der Krisenursachen und nicht lediglich der Krisensymptome gerichtet ist.

Das Ernährungsproblem ist als die primäre Ursache des Wirtschaftszusammenbruchs in seiner ganzen Tragweite erkannt worden. Man weiß heute allgemein, daß seine Lösung ohne Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktion und ohne Import von Nahrungsgütern nicht möglich ist. Der letzte Winter hat alsdann die Bedeutung des Kohlenproblems gezeigt. Mit Recht wurde innerhalb des industriellen Bereichs die Steigerung der Kohlenförderung in den Mittelpunkt der wirtschaftspolitischen Maßnahmen gerückt. Danach haben die Eisen- und Stahlindustrie, der Maschinenbau sowie die Nichteisenmetallindustrie auf ihre Schlüsselstellung innerhalb des Wirtschaftskreislaufes hingewiesen. Man verkennt heute nicht mehr, daß die Überwindung der Transport- und Reparaturkrise und die Deckung des dringend notwendigen Investitionsbedarfs der Wirtschaft ohne Vervielfachung der Produktion dieser Industrien unmöglich ist.

Demgegenüber ist die ausschlaggebende Bedeutung der chemischen Industrie für unsere gesamte Wirtschaft der Öffentlichkeit bisher noch weitgehend unbekannt und wird selbst in Wirtschaftskreisen noch nicht in ihrer ganzen Tragweite übersehen. Der Grund für diesen mangelhaften Einblick liegt in der ungeheuren Vielgestaltigkeit des Produktionsprogramms der chemischen Industrie, das sich auf Tausende von verschiedenen Erzeug-Bissen erstreckt und dem Nichtfachmann auch wegen der Fülle der Anwendungsgebiete eilen Überblick unmöglich macht. Im folgenden soll an einigen Beispielen gezeigt werden, daß ohne eine planvolle Ankurbelung der Chemieproduktion keine der heute die gesamte deutsche Wirtschaft lähmenden Krisen überwunden werden kann.

Beginnen wir mit der Ernährungskrise: Die ausgelaugten deutschen Böden brauchen, selbst um die durchschnittlichen Vorkriegsernten hervorzubringen, gewaltige Mengen an Düngemitteln. Man schätzt, daß unter unseren gegenwärtigen Verhältnissen jede Tonne Stickstoff, die dem Boden zugeführt wird, einer Mehrerzeugung Von etwa, 15 t Getreide entspricht. Infolge ungenügender Kohlenzuteilung an die Düngemittelindustrie und an ihre Zulieferwerke aus der chemischen Grundstoffindustrie kann die Landwirtschaft in diesem Jahre nur sehr mangelhaft mit Düngemitteln versorgt Verden. Sofern sich die Verhältnisse nicht grundlegend bessern, schätzt man den dadurch bedingten Ernteausfall auf rund 1 Mill. t Getreide mit einem Einfuhrwert von etwa 70 Mill. Dollar. Außer Düngemitteln liefert die chemische Industrie der Landwirtschaft und dem Gartenbau Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmittel, um die Verluste durch Pflanzenkrankheiten und tierische Schädlinge herabzusetzen. Diese Verluste betragen jährlich zwischen 1 und 2 Milliarden RM und belaufen sich auf fast ein Drittel der Kartoffel- und Gemüseernte, 10 v. H., der Getreideernte und über ein Drittel der Obsternte. Für das Beizen des Saatgutes muß die chemische Industrie durch die Bereitstellung von Beizmitteln ebenso sorgen wie für die Konservierung und Aufbewahrung von Futter- und Nahrungsmitteln durch die Herstellung von Silozusätzen, Konservierungsmitteln, Konservendosen und Milchkannenlacken.

Weiter kann die chemische Industrie einen erheblichen Beitrag zur Lösung des Fettproblems leisten, indem sie aus Kohle synthetische Fette erzeugt, die entweder unmittelbar für die Ernährung geeignet sind oder die sich für technische Zwecke (zur Herstellung von Seifen und sonstigen Fetterzeugnissen) gegen Nahrungsfette austauschen lassen. Ein solcher Austausch kommt insbesondere auch für das Ausland in Frage, weil dort, im technischen Bereich bisher nahezu ausschließlich für die menschliche Ernährung geeignete pflanzliche und tierische Fette verwendet werden.

Ferner muß noch darauf hingewiesen werden, daß es mit Hilfe der Chemie möglich ist, Holz und verholzte Teile, z. B. Stengel und Kartoffelkraut, so aufzuschließen, daß sie als Futtermittel verwendet werden können. Die auf biologischem Wege aus Sulfitablaugen oder Holzzucker erzeugte Futterhefe kann zur Verbreitung unserer Futterbasis beitragen und einen gewissen Ausgleich für den geschrumpften Grünfutteranbau bieten.

Der Bergbau ist auf die chemische Industrie in der Versorgung mit unentbehrlichen Hilfsstoffen angewiesen. Er bezieht von ihr Sprengstoffe, um die Bodenschätze vom toten Gestein zu trennen. Die Aufbereitung und Sortierung der Bergbauprodukte erfolgt längst nicht mehr nur durch mechanische Verfahren, sondern erfordert erhebliche Mengen. von chemischen Aufbereitung- und Flotationsmitteln. Verschiedene erzarme Gesteine können ohne die Verwendung chemischer Verfahren: überhaupt nicht verwertet werden.