Die Sowjetzone wird in der breiteren Öffentlichkeit vor allem als politisch-psychologische Einheit oder Sonderung empfunden. Wieweit diesem Charakter schon eine verwaltungs- oder gar verfassungsmäßige Struktur entspricht, ist hingegen kaum bekannt. Jetzt, da die britische und amerikanische – Zone durch den bizonalen Wirtschaftsrat ein neues wirtschaftliches Führungsgremium erhalten, haben, strebt die Sowjetzone offensichtlich danach, mit analogen Institutionen ein Gegen- oder aber, ein Koordinierungsgewicht zu schaffen.

Man weiß, daß die sowjetische Besatzungszone früher als die andern Zonen durch die sogenannten "Zentralverwaltungen!" sich eine verwaltungsmäßige Spitze für die gesamte Zone geschaffen hatte. Diese Zentralverwaltungen, von denen es inzwischen dreizehn gibt, haben ihren Sitz im sowjetischen Sektor Berlins und sind bis auf wenige Ausnahmen in dem für diese, Zwecke wiederhergestellten großen Gebäudekomplex des ehemaligen Reichsluftfahrtsministeriums vereinigt. Es sind "Zentralverwaltungen" für die-Industrie, für Handel und Versorgung, Landwirtschaft und Forstwirtschaft, Brennstoffindustrie und Energie, Post, Verkehr, Finanzen, Volksbildung, Justiz; Umsiedlung, Volksgesundheit, Arbeit und Sozialfürsorge, an deren Spitze ein "Präsident" und ein oder zwei "Vizepräsidenten" stehen. Als dreizehnte Verwaltung ist, niemals öffentlich bekanntgemacht, erst vor einigen Monaten in aller Stille die sogenannte "Zentralverwaltung für Inneres" geschaffen worden, deren Aufgaben fast ausschließlich Polizeiaufgaben sind. Wie,sehr diese "Zentral-Verwaltung" aus dem Rahmen der übrigen herausfällt, geht daraus, hervor, daß sie nicht nur verspätet und ohne offizielle Ankündigung eingerichtet, sondern auch außerhalb der anderen Verwaltungen sehr am Stadtrande, abgelegen vom ‚Zentrum, im sowjetischen Sektor errichtet worden und bislang für keinerlei Informationsmöglichkeiten der Öffentlichkeit zugänglich ist.

Dieses Gerüst der "Zentralverwaltungen" ist offensichtlich nach Name und Zweck als Vorbildung einer späteren gesamtdeutschen Verwaltung geplant worden. Die Leiter dieser Zentralverwaltungen sind nicht aus Wahlen hervorgegangen, sondem von der sowjetischen Militäradministration" in Berlin-Karlshorst ernannt und berufen worden. Das gleiche gilt von allen in diesen Verwaltungsapparaten tätigen Angestellten, vom Abteilungsleiter-bis herunter zum letzten Angestellten. Bei Gründung der Zentralverwaltungen haben einige, ihrer leitenden Persönlichkeiten nicht nur der damaligen KPD, sondern auch anderen Parteien, der SPD, der CDU und der LDP angehört, heute sind nur noch der Präsident der Zentralverwaltung für Justiz, Dr. Schiffer, als Mitglied der LDP und zwei Präsidenten als "Parteilose" nicht der SED angehörig. Die früheren Chefs einzelner Zentralverwaltungen Dr. Buschmann (aus der SED ausgeschieden) und Dr. Friedensburg (CDU) gehören ihnen nicht, mehr an. Die Wahlen des vergangenen Jahres haben auf die Besetzung dieser Zentralverwaltungen überhaupt keinen Einfluß gehabt, weil die Arbeit und Funktion der Zentralverwaltung, keinerlei deutscher Kontrolle untersteht, sondern ausschließlich der sowjetischen Militärverwaltung verantwortlich ist.

Diese außerhalb der demokratischen Kontrolle arbeitenden Zentralverwaltungen der Sowjetzone begannen in den letzten Monaten des Vorjahres problematisch zu werden, als sich die Provinzen der Sowjetzone in deutsche Länder verwandelten. Hier wurden nach den Herbstwahlen Regierungen konstituiert, die das Ergebnis der Landtagswahlen zur Grundlage hatten. Diese Regierungen der Länder konnten sich wenigstens in dem in der Sowjetzone gegebenen schmalen Spielraum der demokratischen Entfaltung auf ein gewisses Votum des Volkes berufen. Ihr Verhältnis zu den Zentralverwaltungen in Berlin wurde aus diesem Grunde aber bald sehr kritisch. Die Zentralverwaltung entsprach in ihren Verwaltungszweigen zunächst kaum der Gliederung nach Ministerien, die in den Ländern nach deutscher Tradition vorgenommen worden war. Die detaillierte Aufteilung nach SpezialVerwaltungen, wie sie etwa die Zentralverwaltung für Brennstoffindustrie aufweist, zeigt eher das Muster der sowjetischen Ministerien in Moskau; deren Regierungsapparat durch immer neue Spezialministerien ausgeweitet worden ist und weiter ausgeweitet wird.

Wichtig wurde, in welcher Weise diese Zentralverwaltungen Weisungsbefugnisse gegenüber den Ländern und ihren Regierungen erhalten oder nicht, erhalten sollten. Bislang benutzte die SMA (sowjetische Militäradministration in Berlin-Karlshorst) die Zentralverwaltungen als Ausführungsorgane für ihre Befehle. Nachdem die Länder der .Ostzone jedoch eigene Regierungsbeschlüsse auf Grund von Landtagsentscheidungen treffen mußten, geriet die Weisungsbefugnis immer heftiger in Konflikt mit dem Eigenwillen der Länder. Dazu kam, daß die sowjetische Militärverwaltung entsprechend der Einteilung der Ostzone in fünf Länder auch in fünf Militärverwaltungen unterteilt ist, die ihrerseits auch wiederum an die Landesregierungen Befehle erteilen. Es gab also kein eindeutiges Rechtsverhältnis zwischen den von der SMA ernannten Zentralverwaltungen und den durch Wahlen entstandenen Länderverwaltungen. Es scheint, daß diese Beziehung wenigstens auf dem wirtschaftlichen als dem entscheidenden Sektor jetzt durch einen neuen Befehl des Marschalls Sokolowski sich klarer gestalten wird. Nach diesem neuen Befehl ist eine ständige Wirtschaftskommission gebildet worden; die die Arbeit der Zentralverwaltungen für Industrie, Brennstoff, Handel und Versorgung und Landwirtschaft miteinander koordinieren soll. Die wirtschaftlich wichtigsten. Zentralverwaltungen erhalten hierdurch Vollmachten, die sie zweifellos gegenüber der Arbeits-, Planungs- und Kontrollbefugnis der Länder weit bevorrechtigen. Für Produktionspläne wie für Produktionskontrolle und Organisationsmaßnahmen und damit praktisch für die ganze Apparatur der Wirtschaft sollen die Anordnungen der Zentralverwaltungen rechtsverbindliche Kraft bekommen.

Da die Zentralverwaltungen in ihren Maßnahmen und Plänen niemandem verantwortlich sind außer der sowjetischen Militäradministration, ihre Repräsentanten zudem keiner Kontrolle durch Wahl und Abstimmung unterworfen sind, bahnt sich mit dieser Verordnung eine Machtbefugnis der wirtschaftlichen Zentralverwaltungen an, die ihre Legitimation allein und ausschließlich in der Billigung der sowjetischen Behörden hat. Es ist zu erwarten, daß diese Entwicklung, so sehr sie auch die Reibungen zwischen den Ländern und der Zentralverwaltung aus dem Wege räumt, die in der Ostzone ohnedies betrachtlich eingeschränkte demokratische Kontrolle weiterhin zugunsten zentralistisch angeordneter Planung begrenzen wird. Erschwerend für diese Entwicklung fällt ins Gewicht, daß die Organe, die mit solchen Weisungsbefugnissen ausgestattet werden, keiner Volksvertretung Rechenschaft schuldig sind. Die Hinzuziehung von Gewerkschaftsvertretern zu dieser "Wirtschaftskommission" mag diese starre Zentralisierung mildern – bei der Praxis der Gewerkschaften in der Ostzone wird jedoch die Mitwirkung dieser Organisation die allgemeine Tendenz eher verstärken.

Wer also die hier entstandene "Wirtschaftskommission" der Ostzone mit dem "Wirtschaftsrat" der Bizone in Vergleich setzen will, muß wissen, daß die "Wirtschaftskommission" ein Gremium von Verwaltungsorganen ist, das zum großen Teil unmittelbar von den sowjetischen Behörden ohne Bestätigung durch das deutsche Volk ernannt ist, Während der "bizonale Wirtschaftsrat" ja ein Gremium von Deutschen ist, das die Deutschen selbst durch ihr Votum bestimmt haben.