Von Hanns Braun

Sprechen wir zunächst von den Troßbuben; vielleicht wird dann deutlicher, was ich von der Zigarette sagen möchte. Troßbuben, nicht wahr, sind jüngere Leute im Gefolge eines Heeres. Genau genommen gehören sie nicht dazu, haben jedoch durch allerhand Dienste an der Macht der Gewaffneten teil. Da aber Troßbubenwirtschaft so recht nur auf fremden Böden gedeiht – dank einem – mit Machtgewinn unfehlbar verknüpften Bequemlichkeitsdrang –, so ist niemand geeigneter, einer Soldatenschaft, die ihren Traum von den ewigen Winterquartieren wahrwerden sieht, jene Houris, Helfer und Handreicher zu stellen als – der Besiegte.

Bei ihm sind die Verhältnisse hinreichend durcheinander, daß jungen Leuten, in mancherlei Verlassenheit der Gedanke kommen mag; sich dort unterzubringen, wo es mit der Macht auch keine Not gibt: beim Sieger. Trotz ältester Menschheitserfahrungen den jüngst eingerissenen Zustand fürs liebe Immerleinso haltend, treten sie in seine Dienste, ihm das schwere Herrenleben nach ihrem Vermögen holder zu gestalten. Die Wahrheit ist: daß der echte, der geborene Troßbube es schlecht verträgt, auf der Seite der Verlierer zu stehen und an ihrem Los teilzunehmen, wozu die Not und ihre Lebenslähmung einen starken, doch nicht den einzigen Grund hergibt. Unfähig, in der Niederlage eine echte Position des Menschlichen zu erkennen, der mitunter weltbewegende oder weltbewahrende Aufgaben vorbehalten sind, scheinen troßbübische Naturen die Art, wie der Unterlegene sich allenfalls vom Sieger muß behandeln lassen, am allerwenigsten auszustehen – was wir aus der verdoppelten Unausstehlichkeit folgern, mit der gerade sie, vertretungsweise, oft hernach ihre Landsleute zu behandeln lieben.

Es ist ihnen allerdings etwas fast Geheimnisvolles geglückt: sie sind "auf die andere Seite" geraten; und da. dies in Religionskriegen der neueren Art den rechten Glauben sozusagen automatisch herstellt, darf es die herüben Verbliebenen nicht wundem, wenn Troßbube und -bübin nicht nur die Not hinter sich wollen gelassen haben, sondern auch alle Schuld, Verantwortung, Haftbarkeit mit. Sie sind vom Turnen und Singen ein für allemal dispensiert.

Und die Zigarette?

Es ist nicht der gute Tabak, der fremd und süß riechende, allein, was die Züge des mit einer Lucky Strike Bescherten verklärt und Zehntausende von Hungerleidern zu grotesk gierigen Rauchern und Stummelsammlern gemacht hat, die willig ihr Letztes, nicht nur an Habe, sondern auch an. Würde, dafür vertun. Die immer schon mächtige Droge, Spenderin des "leeren Glücks" (wie Ernst -Jünger es nennt), scheint nunmehr vollends Traum-Bringerin geworden: sie ist’s, mit deren Hilfe sich der Besiegte, leicht somnambulierend, der Niederlage entrückt. Das geschieht, die Zigarette in der Hand, mit dem Hochgefühl: dank ihrer am Sieg dennoch irgendwie (naschhafterweise gleichsam) teilzuhaben. Ohne diese seelische Golddeckung, so viel nur wollte ich sagen, wäre das Unwahrscheinliche kaum möglich geworden: daß eines Tages die Zigarette, die Blaue-Dunst-Macherin, zum Maß-Stäbchen einer Lebenshaltung, zur Währung der Besiegten hat werden, können.