Von Egon Vietta

War es RichardStrauß oder Hans Pfitzner, der, nach der modernen antiromantischen Musik gefragt, mit ebensoviel Derbheil wie mit jener den Musiker kennzeichnenden klanglichen Variationslust antwortete: "Egk mich am Orff!"? Von Egk haben wir unlingst neue Werke in einem Baden-Badener Konzert gehört; von Orff hörten wir jetzt die Uraufführung seiner Oper "Agnes Bernauerin", und wenn man den ersten Reaktionen der Kritik Glauben schenken will, wird es vielleicht in Bälde einen Fall Orff geben, wie es einmal einen Fall Wagner gegeben hat. Orff nämlich hat grundsätzlich Neues gewagt, Inden er den schon früh von ihm begangenen Weg radikal fortsetzte. Er leugnet das Musikdrama ganz und gar, – das dochimmerhin selbst in Hindemith und seiner "Mathis"-Oper – wenn auch in anderem Sinne als dem Wajners – einen letzten Anhänger und eine letzte Verwirklichung gefunden hatte.

Crff besitzt, wie soviel: bemerkenswerte Moderne, einen fast barbarischen Sinn für das Primitive. Das hat er schon in den Rhythmen der "Carmina burana" bewiesen-, in denen das Mittelalter im Gegensatz zum musikalisch hochdifferenzierten "Mathis" allein mit dem kompakten Metrum beschworen wird. In der "Bernauerin" geht er noch einen Schritt weiter: Er verzichtet vollständig auf den gesungenen Dialog (gesprochen wird in der altbayrischen Mundart), und damit ist ein Grundelement der Oper preisgegeben. In seiner Musik gibt es keine glanzvollen Themendurchführunjen, keine Fugen, Passacaglien und Rondos wie selbst im "Wozzek" Alban Bergs, und die mächtigen Chöre, die das bayrische Volk repräsentieren, singen hymnisch schwerfällig und ostinat stumpf wie die Chöre in Mussorgskys "Boris Godunow". Er bestreitet die ganze Thematik mit ein paar rhythmischen Floskeln. In der Hexenszene, die den imposanten Schlußchören vorausgeschickt ist, wird ein Schlagzeug verwendet, das im modernen Orchesterapparat einzigartig ist. Die Stimmen tanzen, die Klänge glucksen und quirlen wie Kubinsche Klangvisionen aus dem Orchesterkolk. Und wenn das Volk die himmlische Erscheinung der Bernauerin herunterbetet, wogt es wie in der Altöttinger Wallfahrtskirche bei der Marienlitanei. Die zünftige Kritik behauptet: Orffs Primitivität ist nicht gewollt, sondern – nicht gekonnte Musik.

Zweifellos ist dies bayrische Stück, das die traurig-schöne Geschichte der Agnes Bernauerin wie ein mittelalterliches Glasfenster erzählt, "keine Oper mehr. Es hat aber auch nichts mit Hebbels Drana gleichen Inhalts zu schaffen. Es ist – im übertragenen Sinn – Bert Brechts ,Dreigroschenoper" weit mehr verwandt als dem "Mathis", mit dem es die mittelalterliche Luft gemein hat. Aber während Brecht mit seinem Verstand gegen seinen elementar dichterischen Instinkt wütet, schreibt, musiziert und dichtet Orff sein Stück wie ein bayrischer Bauersmann, der vor dem Marterl der Agnes Bernauerin in Andacht versinkt und ein stilles Kreuz schlägt. Denn der Aufstieg des armen Badstubkinds aus Augsburg ist rührend. Der Herzog, der sich in die Schönheit des Mädchens vernarrt und sie heimlich auf sein Schloß, die Voheburg, führt, der mit seinem Vater in Streit gerät, weil die Erbfolge gefährdet ist – wir bewegen uns immerhin im vierzehnten Jahrhundert – ist ein Herzensbrecher. Der Alte ertränkt die "Hex" in der Donau. Aber fürs Volk, ist sie nicht gestorben. Sie thront wie die selige Jungfrau Maria mitten im bayrischen weiß-blauen Himmel.

Das ist es, was Orff mitteilen will. Er spart die Musik für die Nahtstellen aus, wird aber am Schluß, dort, wo die Volksmasse mitten ins Geschehn hineingerissen wird, chorisch beredter, was Wetzelsberger, den Dirigenten des württembergischen Staatstheaters, zu einer großartigen Schluß-Inszenierung alten Opernstils verführt. Wenn die Massen (die regielich keineswegs allzu geschickt verteilt sind) sich im Heerhaufen des Herzogs Albrecht fortpflanzen, ergibt das eine imposante Bildwirkung (Bühnenbild). Aber es führt von dem, was bei Orff beabsichtigt ist, ab.

Man hatte mit Godela Orff, der Tochter des Komponisten, die Bernauerin urwüchsig. bayrischbesetzt, jedoch im Herzog Albrecht Friedrich Schönfelders nicht den bodenständigen Partner gefunden. Auf diesem Paar ruht die ganze Liebeshandlung. Doch Orff wagt sich noch nicht an echte Dialektik. Es sind gesprochene lebende Bilder. Ein Schritt weiter – und er steht in derselben Problematik, die das antike Drama beseelt, Dann ist es aber fraglich, ob er seine Texte noch selber schreiben kann. Es ist auch ganz gleichgültig, ob das eindrucksvolle und ergreifende Experiment der Bernauerin geglückt ist. Ein Blick auf die moderne russische Oper, ja sogar auf das Experiment Alban Bergs genügt, um denen recht zu geben, die wie der Maler Willi. Baumeister behaupten, daß im Wagnerschen Kunstwerk "die Weiten der Empfindungen nicht entwickelt werden können, weil alle Vorstellungsnuancen diktiert werden" und weil der Besucher der Wagner-Oper "in einer viele Stunden währenden Zwangsjacke verhaftet ist". Die Zwangsjacke des Wagnerianismus läßt der musikalischen Fantasie überhaupt keinen Spielraum mehr. Orff dagegen läßt alles offen. Er skandiert lediglich die Halte- und Nahtpunkte, die chorischen Zwischenglieder, er geizt mit der Musik, statt uns, wie selbst im breit dahinrauschenden "Mathis"-Orchester. damit zu überfüttern.

Es ist schwer zu sagen, in welchem Bühnentyp das enden wird. Busoni hat einmal ausgesprochen, daß eine gewisse Transzendenz nur musikalisch ausgedrückt werden kann. Was Orff in der "Bernauerin" anspricht, ist eine vitale Transzendenz. Wenn die Handlung beginnt, der logische Ablauf der Tragödie einsetzt, schweigt bei ihm die Musik. Es ist nicht ausgeschlossen, daß ihn "dieser dornenvolle Weg – für den das moderne Schau-,spiel seltsam aufgeschlossen ist – näher an die Antike heranbringt, als selbst dem Begründer der Oper, Claudio Monteverdi, geschah.