Wenn vor dem Kriege in Deutschland ein Kandidat der Medizin fürs Examen büffelte, dann, paukte er sich gern auch die Symptome des Hungerödems ein. Nicht etwa, weil er ernstlich angenommen hätte, er könnte später einmal gerade von diesem Wissen viel Gebrauch machen, vielmehr rechnete er dabei mit der bekannten Vorliebe der meisten Examinatoren für ausgefallene Fragen. Und in der Tat. diese Krankheit kam bis dato wahrlich selten genug vor. Heute lassen sich allenthalben in den Krankheitsbildern Veränderungen und Beschleunigungen beobachten, die sämtlich auf einen Grundschaden zurückgeführt werden müssen: die chronische Unterernährung. Der Hunger ist zur modernen Volkskrankheit geworden. Auf der ersten Nachkriegstagung, die die Nordwestdeutsche Gesellschaft für innere Medizin kürzlich in Hamburg abhielt, bildete die Unterernährung das Hauptthema. Es wird für uns noch lange seine Aktualität behalten; da selbst bei einer sofortigen Besserung der Ernährungslage die schweren Folgen des Hungers nicht sogleich aufhören würden. Wesentliche Erkenntnisse über die Entstellung und Behandlung der Hungerkrankheit wurden erörtert. Zum mindesten dürfen sie als bedeutsame Vorschläge gelten, wie wir aus eigener Kraft versuchen können, zur Verhütung und Heilung dieser schweren Schäden beizutragen. Daß dies freilich nicht allein mit den Mitteln der Medizin gelingen kann, bewiesen die Referate zweier Fachleute, die im Rahmen dieses Ärztekongresses die Notwendigkeit einer Ausweitung des deutschen Fischereiwesens – deutlich machten. Insbesondere wurde Deutschlands Zulassung zum Walfang gefordert, weil dies die einzige Möglichkeit ist, das katastrophale Defizit an tierischem Eiweiß bei der deutschen Bevölkerung verhältnismäßig rasch auszugleichen.

Weiche Bedeutung das tierische Eiweiß für unseren Körperhaushalt hat, war von Professor Kühnau (Hamburg) eindringlich dargetan worden. Die seit langem bekannte Tatsache, daß der Eiweißmangel in der Ernährung als Hauptursache für die Entstehung des Hungerödems angesehen werden muß, konnte Kühnau auf Grund eigener Forschungen dadurch näher erklären, daß er die lebenswichtige Bedeutung gewisser nur im tierischen Nahrungseiweiß vorhandener Eiweißbausteine nachwies. Sie sind durch nichts zu ersetzen, da der Organismus des Menschen nicht imstande ist, sie aus anderen Eiweißkörpern selbst aufzubauen. Ein gewisses Minimum dieser besonderen Eiweißstoffe muß daher in der menschlichen Nahrung enthalten sein. Jede dieser sogenannten Aminosäuren ist im Körper keiner einer ganz bestimmten Funktion, die von keiner anderen übernommen werden kann. Ihre Wichtigkeit geht schon allein daraus hervor, daß eine von ihnen die besondere Funktion der Abwehr gegen die Infektionen ausübt. Über Versuche, die sich auf die Zufuhr von Aminosäuren in Tablettenform bezogen, berichtete Dr. Rausch (Hamburg). Dieser Weg wird in Amerika schon seit längerer Zeit bei einer – Reihe von Krankheiten beschritten. Da aber als Ausgangsstoff immer tierisches Eiweiß erforderlich ist – diese Tabletten sind Extrakte und Spaltprodukte und haben eher den Charakter eines konzentrierten Bouillonwürfels, als daß man sie als künstliche Stoffe auffassen dürfte –, ist die praktische Bedeutung der Behandlungsweise bei uns sehr eingeschränkt. Professor Lang (Mainz) sprach über die Rolle des Fettes in der Ernährung, besonders bei körperlich schwer arbeitenden Menschen, Das Fett leistet die Zufuhr einer Höchstmenge an Kalorien in konzentriertester Form, wobei das langanhaltende Sättigungsgefühl in seiner praktischen Bedeutung nicht unterschätzt werden darf, Ferner ist es als Bestandteil lebenswichtiger Organe, wie beispielsweise des Gehirns, und als Träger von Vitaminen von unersetzlichem Wert,

Dss große klinische Referat über die Erscheinungsformen der Hungerkrankheit hielt Professor Berg (Hamburg). Sein Vortrag behandelte alle körperlichen und seelischen Folgen des chronischen Hungerns. So wies er auch auf die meist zu wenig beachtete Tatsache hin, daß für die Entstehung des Hungerödems sehr häufig eine doppelte Ursache angenommen werden muß, nämlich einerseits die Unterernährung selbst, andererseits aber noch zusätzliche Momente; die im hungerkranken Organismus selbst liegen können, zum Beispiel zehrende, fieberhafte Erkrankungen, chronische Eiterungen, Blutverluste und Störungen in den Verdauungsorganen, die zu einer mangelhaften Aufnahme der an sich schon ungenügenden Nahrung führen. Daraus ergibt sich ein wahrer circulus vitiosus: der Hunger bedingt durch unzulängliche Aussonderung von Verdauungssäften Verdauungsstörungen, was eine schlechtere Auswertung der Nahrung im Gefolge hat. Dies beschleunigt den körperlichen Verfall, dessen rasches Tempo wiederum – besonders bei älteren Menschen – die Regenerationsmöglichkeit fast aussichtslos macht. Überhaupt geht beim chronisch unterernährten Menschen die Rekonvaleszenz nach allen Erkrankungen außerordentlich verlangsamt vor sich. Es wurde auch festgestellt, daß die "Qualität" der Muskulatur beim hungernden Menschen minderwertig ist.

Professor Bansi (Hamburg) stellte dar, daß man bei Hungerkrankheiten trotz einer kalorienreichen Ernährung – aus Fett und Kohlehydraten – die Regeneration nicht beseitigen kann, weil die Regeneration an das Vorhandensein von tierischem gütigen gebunden ist. Die Laboratoriumsbedingungen aller früheren Ernährungsexperimente, namentlich auch des Auslandes, ergeben ein falsches Bild. Ein möglich bei Fett ist nur zeitweise ohne Schalen möglich bei ausgezeichnetem Anfangszustand und eingeschränkter Tätigkeit.