In dem ersten Film der britischen Zone, "In jenen Tagen", der nach seiner Uraufführung in Hamburg (Waterloo) auch in Berlin erfolgreich anlief, ist ein Gegenstand, ein Ding Mittelpunkt des Geschehens. Schon dies ist eines der Kennzeichen dafür, daß dieser Film, der durch den Ernst und die Noblesse der Drehbuchautoren Helmut Käutner und Ernst Schnabel neben der Konkurrenz des Auslandes Beachtung verdient, Ausdruck einer modernen Stilentwicklung ist, die weg von der epischen Erzählung und dramatischen Handlung sich der Intensiven Betrachtung der Dinge, des stillen Lebens widmet. Nicht die Aktivität und Energie des Menschen allein, sondern auch das Vorhandenein der Dinge bestimmen unser Dasein.

"Filmstar" ist diesmal ein Automobil. Mit virtuoser Handhabung der filmischen Möglichkeiten – ausländische Filme gingen uns auf diesem Wege voran – wird die Stimme-des Wagens hörbar, wird das Lebens-Fahrtenbuch des Autos aufgeschlagen, das abgewrackt auf einem Autofriedhof inmitten einer überwältigenden Ruinenlandschaft sein Ende fand. Seit 1933, seiner Geburtsstunde, ist der Wagen durch das Zwielicht einer Zeit gerollt, deren tragische Folgen wir heute spüren. Dies nun sind Episoden aus jenen Tagen.

Der Regisseur Helmut Käutner hat Neuland der deutschen Filmproduktion betreten. Er beweist nach den ersten schwachen Nachkriegsfilmen, daß ein Könner durch Ideen und geistige Durchdringung trotz unserer armseligen Mittel ernsthaft eingreifen kann in die geistigen Auseinandersetzungen um den Standpunkt des modernen Menschen. Er hat die Hand am Pulsschlag unseres Lebens. Es ist kein Zweifel, daß dieser Film, wenn er nicht durch die starken technischen Mängel, besonders des Tons, belastet wäre, im Ausland Aufsehen erregen könnte. Denn er schildert, indem ein Gegenstand – eben dieses Auto – sachlich, objektivierend intensiv betrachtet wird, in schauerlicher Deutlichkeit den Niedergang einerKulturnation bis zur völligen Zerstörung und deckt die immer und überall latente Gefahr des menschlichen Irrtums auf.

Dankenswert ist Käutners künstlerischer Versuch, wie es vordem meisterhaft dem französischen Film gelang, durch die verdichtete Atmosphäre des spezifisch Filmtechnischen die geistigen und seelischen Regungen fühlbar, ja, sichtbar zu machen. Wenn auch – so will es scheinen – die Betrachtung durch die kühlen Augen eines Autos, die lose Aneinanderreihung der Episoden, das Fehlen starker dramatischer Akzente eine neue Art des Zuschauens erfordert. Sieben Geschichten erzählt das Auto, die mit seinem eigenen Schicksal verflochten sind, sieben Geschichten von dem langsamen Zerbröckeln der Existenzen in jenen dunkler und dunkler werdenden Tagen. Aber dazwischen gibt es leere Stellen, es entstehen Rjtardandos, die durch stilles Betrachten und Sichversenken überbrückt werden, wollen, ehe ein neues Handlungsmoment weiterreißt.

Darum ist das Publikum beim Verlassen des Kinos zwiespältig, es scheiden sich die Wünsche der normalen "Filmverbraucher" von dem Beifall und den Hoffnungen moderner avantgardistischer Zuschauer; aber der Ansturm auf die ersten Vorstellungen, der durch ein reiches Polizeiaufgebot gesteuert werden mußte, spricht für diesen von gutem Ensemblespiel getragenen Film der Camera’ Filmproduktion, Hamburg, der uns neue Hoffnungen gibt: Wir sind wieder da im Spiel der internationalen Kunstbemühungen! (Das Drehbuch ist im Christian Wolff Verlag, Flensburg und Hamburg, als Broschüre erschienen.)

Erika Müller