Vor 14 Tagen zeigte unser Bild auf der ersten Seite zwei unheimlich teuflische Gestalten, die mit klobigen Keulen miteinander losgehen. Jeder der beiden Unmenschen verfügt über ein ganzes Arsenal dieser häßlichen Waffen, und auf jeder Keule steht ein Wort, ein "Schlag"-Wort. Eine dieser Keuleninschriften heißt: Reaktion.

Tatsächlich ist im politischen Streit unserer Tage der Begriff Reaktion so sehr zu einem bloßen Schlagwort geworden, zu einer Keule, die den Gegner mundtot machen und erledigen soll, daß es sich lohnt, hier einmal ein wenig zu klären und zu entnebeln. Die Bereinigung unseres politischen Vokabulars hat einen echteren Anspruch auf den Namen "Säuberung" als die Kaltstellung von Mitläufers. Nur eindeutige Worte taugen zum Handwerkszeug einer fairen Diskussion, und nur abgeklärte Begriffe verhelfen zu nutzbringender politischer Diagnose und Therapie.

Wir können demnächst die Jahrhundertfeier der Revolution von 1848 begehen. Die darauffolgenden Jahre, insbesondere die von 1850–1858, heißen in unserer Geschichte "Reaktionszeit". Friedrich Wilhelm IV. sagte damals, es gälte "den demokratischen Schmutz des Jahres der Schande aus den deutschen Verfassungen auszufegen". Der Bundestag übertrug einem Ausschuß von fünf Mitgliedern eine Aufgabe dieses Inhalts, und dieses Gremium hieß ganz allgemein der "Reaktionsausschuß". Seitdem gewöhnte man sich in Deutschland mehr und mehr daran, Tendenzen auf der äußersten Rechten zur Wiederherstellung einer absoluten oder jedenfalls verfassungsmäßig möglichst wenig beschränkten Monarchie mit allem, was dazu gehört, als reaktionär zu bezeichnen. Ein klassisches Beispiel (hierfür war in der Wilhelminischen Ära der Ausspruch des "Januschauers", der Kaiser müsse jederzeit in der Lage sein, mit "einem Leutnant und zehn Mann" den Reichstag nach Hause zu schicken. Reaktionäre, das waren Leute; die den Reichstag für eine Schwatzbude hielten, die sich auf gottgewollte Ordnungen beriefen und fraglos damit nicht selten die eigenen gefährdeten Privilegien oder auch die Getreidepreise meinten, Leute, die an eine "gute alte" und an eine "böse neue" Zeit glaubten und im Grunde der Meinung waren, man sollte die Sozialdemokraten kurzerhand abschießen.

Daß dieser Typ des Reaktionärs in unserer Gegenwart besonders zahlreich vertreten oder überhaupt von aktuellem politischem Interesse sei, kann niemand ernsthaft behaupten, der sich einigen Wirklichkeitssinn bewahrt hat. Und wer heute gegen "die Reaktion" zu Felde zieht, meint auch nicht etwas ältliche Herren von leicht rustikalem Äußeren, die mit krähenden Stimmen ein abgestandenes Repertoire aus vaterländischen Lesebüchern zum besten geben. Vielmehr bezeichnen gewisse politische Streiter, die sich selbst für "linksstehend" halten, mit Vorliebe alles als Reaktion, was nicht mit ihnen übereinstimmt und daher für sie ohne weiteres als "rechts" gilt. Und da früher einmal die Freiheit auf der Linken und die Macht auf der Rechten beheimatet war, so glauben die Linkserben von heute, unentwegt behaupten zu dürfen, daß sie die Freiheit gleichsam. für ewig gepachtet hätten und daß jeder, der nicht in ihren Reihen steht, ein reaktionärer Machtfreund sein müsse. Nun hat außerdem der Nazismus, obwohl er wirklich nicht reaktionär begann, sich als Ultrarechtspartei ausgegeben. Deswegen wird allem, was als "rechts" gilt, gern eine Nachbarschaft zu den Nazis zugeschrieben, und das gibt wieder. Veranlassung dazu, die beliebte Keulenserie von "Faschismus, Nationalismus, Militarismus. und Junkertum" gegen jeden vermeintlichen Gegner, jeden Kritiker zur Anwendung, zu bringen. Aus reichlich unexakten Assoziationen hat sich eine regelrechte Assoziationsdemagogie entwickelt. Das politische Gespräch kann in dieser Keulenatmosphäre schwerlich gedeihen.

Bemüht man sich dagegen, den echten Begriff der Reaktion wiederherzustellen, so kommt man zu ganz anderen Wertungen. Die Politik der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts war in Deutschland reaktionär, weil sie sich krampfhaft bemühte, ein bereits veraltetes und überholtes, ein dem Zeitgeist und den Zeiterfordernissen längst widersprechendes System wieder in den Sattel zu setzen und zu konservieren. Gerade dieser Widerspruch macht das Wesen aller Reaktion aus. Dagegen kann das Überholte und das schon fällige Neue zu verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Völkern ganz verschiedenes bedeuten. Weil Reaktion als Phasenbegriff verstanden werden muß und weil die Geschichte ein immerwährender Prozeß der Wandlung, aber keineswegs eine Einbahnstraße des Fortschritts ist, darf man nicht eine ganz bestimmte Anschauung als "Reaktion überhaupt" festnageln und verewigen wollen. Der Glaube an ewige politische Inhalte ist ja gerade das Fundament der Reaktion.

Wir haben uns in Deutschland innerhalb von dreißig Jahren drei Staatsuntergänge geleistet, nicht einfache Regierungswechsel, oder Personalrevolutiönchen, sondern wirkliche Zusammenbrüche grundverschiedene politischer – Gesamtsysteme. Das ist ein überreichliches "Stirb und Werde", ein Wandlungsrekord, der hinsichtlich unseres Talents zur Politik skeptisch stimmen muß. Wir sind dadurch, ganz abgesehen von den Einflüssen der Außenpolitik, in den ungesicherten und bedrohlichen Zustand eines Interregnums geraten, über den wir uns nicht mit billigen Formulierungen hinwegtrösten können.

Wie sehr gerade in dieser Lage ein Phasengesetz gilt, das wird am deutlichsten durch den Nazismus bewiesen. Der Nazi von 1933 kann ein Revolutionär gewesen sein. Der Nazi von 1947 ist auf alle Fälle ein Reaktionär. Die geschichtliche Erfahrung der letzten 14 Jahre liefert nicht allein überwältigendes Material zur moralischen Verdammung des Nazismus, sie ist auch eindeutig in dem Nachweis, daß dieses System, an elementaren Mängeln seiner Struktur gescheitert ist, daß es hier nichts, aber auch gar nichts zu wiederholen gibt. Der Nazismus ist in den zwölf Jahren seines Bestehens historisch uralt geworden. Man versuche einmal heute, "Mein Kampf" oder, den "Mythos des 20. Jahrhunderts" zu lesen. Das sind, versunkene Welten, deren Sinnlosigkeit erschütternd wirkt. Nur" die Unbelehrbaren, die hinter ihre Zeit Geratenen, können wollen, daß auf diesem Wege zurückgeschritten wird, und gerade die Rückschrittlichkeit macht sie als Reaktionäre kenntlich.