Als der Militärausschuß der UNO den Bericht zur Frage seiner künftigen Streitmacht vorlegte, zeigte sich, wieweit man auch auf diesem Gebiet von der Erfüllung selbst der bescheidensten Ideale noch entfernt ist. Was hier in monatelanger Arbeit entstanden war, blieb immer noch mehr das Produkt unüberbrückter Gegensätze als fruchtbarer Einigungen. Das Mißtrauen der Großmächte stand als die große anonyme Macht hinter allen Verhandlungen, und die ausführliche Rede, mit der am 7. Juni der Vertreter der Sowjetunion beim Weltsicherheitsrat, Gromyko, zum Bericht des Militärausschusses Stellung nahm, konnte diesen Eindruck nur vertiefen. Es zeigt sich immer deutlicher, daß gerade für die Schaffung einer Weltexekutive zunächst. einmal das Vertrauen vorhanden sein muß, daß dieses Instrument nicht im Interesse einer Macht oder einer Mächtegruppe mißbraucht werden kann. Entfällt dies Vertrauen, so bleibt nur der resignierte Verzicht auf vieles, was man ursprünglich erreichbar glaubte. Schon heute erinnert der Umriß der künftigen UNO-Streitmacht, wie ihn der Bericht des Ausschusses zeichnet, nur noch schattenhaft an das Ideal einer großen Weltpolizei. Statt einer selbständigen großen Truppe der UNO sind in den heutigen Plänen nur eine Reihe nationaler Verbände vorgesehen, die die einzelnen Mitgliedstaaten der UNO im Bedarfsfall zur Verfügung stellen sollen. Was so entstehen kann, ist bestenfalls eine Art "Technische Nothilfe" auf dem Gebiet internationaler Exekutive. Ihr militärischer Wert wird noch fragwürdiger werden wenn erst die gegensätzlichen Auffassungen über Aufbau und Zusammensetzung ihre volle Auswirkung gefunden haben.

Wie groß soll die Streitmacht der UNO werden? Die Sowjetunion tritt für einen geringen Umfang ein. Nach Besiegung des "aggressiven Blocks Deutschland und Japan", so folgert Gromyko, werde die UNO nur wenige Streitkräfte benötigen, um so mehr, als die erstrebte Weltentwicklung ja gerade in der allgemeinen Abrüstung und nicht in der Aufstellung neuer Verbände bestehen müsse. Über die Zusammensetzung dieser Streitkräfte herrschen heftige Meinungsunterschiede: Während die Angloamerikaner zwar eine "Gleichwertigkeit" aller Beiträge der Mitgliederstaaten zur neuen Weltstreitmacht fordern, innerhalb dieser Gleichwertigkeit ebenjenes Land mit dem vertreten wissen wollen, worin es am leistungsfähigsten ist, also etwa die USA in der Luftwaffe, England in der Flotte, Rußland im Landheer, besteht die Sowjetunion auf dem Prinzip der "Gleichartigkeit", und zwar im formalistischen Sinne derart, daß bis hinein in die – einzelnen Waffentypen jedes Land das Gleiche stellen soll. Hierzu bemerkt die "Times", daß ein solcher Standpunkt die künftige Seemacht der UNO auf den Typ chinesischer Kanonenboote reduzieren würde. Besitzt ein Mitgliedsstaat keine viermotorigen Bomber, so würde die UNO auf diese Waffe verzichten müssen,

Die amerikanische Zeitschrift "Newsweek" vermutet hinter dieser sowjetischen These ein sehr weitgezieltes Manöver. Der sowjetische Wunsch, daß der von jedem der großen, fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats zu leistende militärische Beitrag in Stärke und Zusammensetzung identisch sein müsse mit dem der anderen Vier, bedeute, daß die USA ihren Beitrag auf Landtruppen und Flugzeuge von geringem Aktionsradius würden, beschränken müssen, da. zum mindesten drei der ständigen Ratsmitglieder, nämlich China, Frankreich und die Sowjetunion, wenig darüber hinaus zu bieten hätten. Sei dieser Sachverhalt erst einmal erreicht, so würden die Sowjets als nächsten schritt ihrer diplomatischen Offensive vorschlagen laß. jeder Staat seine militärischen Machtmittel auf jene Kräfte beschränken solle, die er der UNO-Streitmacht zur Verfügung stelle oder die er zur Aufrechterhaltung der Ordnung, im Innern benötige. Da auch in den USA niemand werde behaupten können, daß Schlachtschiffe und fliegende Festungen zur Aufrechterhaltung der Ordnung im Innern nötig seien und da sie für die UNO-Streitmacht auf Grund der "Gleichartigkeit" des Beitrages ausfielen, so werde nach, Ansicht militarischer Sachverständiger die sowjetische Absicht darauf hinauslaufen, Luftwaffe und Flotte der USA völlig auszuschalten, indem man sie international als "unzulässig" und ungesetzlich erklären lasse.

Auch in der Frage der Stützpunkte trennen sich die Auffassungen der Mächte. Nach angloamerikanischer Ansicht muß eine UNO-Streitmacht an allen Punkten der Welt von günstigen Basen aus Zum Einsatz gebracht werden können. Die Sowjets erblicken in der Zuteilung von Stützpunkten eine Bedrohung der Souveränität der einzelnen Staaten. Moskaus Standpunkt, daß die UNO-Streitkräfte mit Ausnahme des Aufenthaltes auf dem Gebiet ehemaliger Feindstaaten nur in ihren Heimatländern stationiert und auch nun von diesen aus zum Einsatz gebracht werden dürfen, (bedeutet jedoch ein Handicap, das schon durch die Vorstellung verdeutlicht wird, daß britische Flotteneinheiten für die UNO-Aktion nur von britischen Heimathäfen aus operieren dürften und damit aller strategischen Vorteile des weitverzweigten Empires verlustig gingen. Ein ähnliches Handicap entstände auf Grund der russischen Forderung, daß auch die Ausrüstung und laufende Versorgung jeder UNO-Einheit nur durch den, betreffenden Heimatstaat selbst vorgenommen werden dürften. Die Befürchtung; der Russen, das UNO-Militär könne zu irgendwelchen Nebenzwecken benutzt werden, verrät sich auch in ihrem Vorschlag, die Aufenthaltsdauer im Sanktionsgebiet nach vollendetem Einsatz zu begrenzen. Während Engländer und Amerikaner die Formulierung vertreten, die INO-Streitmacht solle "möglichst rasch" nach dem Einsatz in ihre Heimatländer zurückkehren, bestehen die Russen auf einer obligatorischen Frist von 90 Tagen. Nicht weniger mißtrauisch zeigen sie sich in der Frage des "Selbstverteidigungsrechtes" nach Artikel 51 der UNO-Verfassung. In der Möglichkeit, Streitkräfte, die an sich zur Verfügung der UNO gedacht waren, für eigene nationale Zwecke einzusetzen im "Falle einer außerordentlichen nationalen Notwendigkeit", erblickt Gromyko die Gefahr mißbräuchlicher Ver-Wendung.

Wer die Fülle nationalen Mißtrauens wahrnimmt, die sich von sowjetischer Seite in der Diskussion des Militärausschusses der UNO verrät, und wer die Behinderungen beobachtet, denen sich die Arbeit der UNO durch die Spannungen zwischen Osten und Westen ausgesetzt sieht, kann gewiß der Feststellung Gromykos zustimmen, daß ein Fortschritt bei der Schaffung des Friedens nur möglich sein werde, "wenn wir alle von den Hauptgrundsätzen und Zielen der Vereinten Nationen, nicht aber von den Interessen einzelner starker und einflußreicher Großmächte ausgehen werden". H. A. v. Dz.